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Strukturwandel: Wie Deutschlands Industrie leise verschwindet

Deutschland verliert industrielle Substanz — und der offizielle Sprachgebrauch nennt es Strukturwandel. Der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist von gut 22 Prozent im Jahr 2010 auf zuletzt rund 18,5 Prozent gefallen. Gleichzeitig meldet die Bundesbank einen Erholungskurs bei 0,2 Prozent Quartalswachstum und eine Inflationsrate von 2,8 Prozent. Was davon ist unvermeidlicher Wandel, was ist hausgemacht — und was bedeutet das für Ihr Vermögen?

Die Zahlen im Überblick

  • 18,5 Prozent — Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (2010: gut 22 Prozent)
  • 12.000 bis 15.000 sozialversicherungspflichtige Industriearbeitsplätze fallen laut Bundesbank Monat für Monat weg
  • 0,2 Prozent reales BIP-Wachstum im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal
  • 2,8 Prozent Inflationsrate im Juli 2026 gegenüber dem Vorjahresmonat

Quellen: Deutsche Bundesbank, Monatsbericht August 2026; Statistisches Bundesamt

18,5 Prozent: Was hinter der nüchternen Zahl steckt

Der Monatsbericht der Deutschen Bundesbank vom August 2026 liest sich in weiten Teilen wie ein Verwaltungsvorgang. Doch eine Zahl darin beschreibt eine tiefgreifende Verschiebung: Der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt nur noch bei etwa 18,5 Prozent. Im Jahr 2010 war es gut jeder fünfte Beschäftigte. Damit sind große Teile der Beschäftigungsgewinne wieder verschwunden, die im Aufschwung nach der Finanzkrise 2008/09 entstanden waren.

Die Notenbank ordnet das nüchtern ein: Das Verarbeitende Gewerbe verliere, konjunkturelle Schwankungen ausgenommen, seit längerem an Bedeutung. Selbst in den Aufbaujahren der 2010er Jahre sei der Beschäftigungszuwachs bei den Dienstleistern deutlich kräftiger ausgefallen als in der Industrie. Der Wandel weg von der Industrieproduktion hin zur Dienstleistungswirtschaft laufe seit Jahrzehnten und sei kein neues Phänomen.

Diese Einordnung ist fachlich korrekt — und trotzdem nur die halbe Geschichte. Denn wie und wo Beschäftigung heute verschwindet, unterscheidet sich vom langsamen Sektorwandel der vergangenen Jahrzehnte.

Der Abbau läuft leise

Bemerkenswert ist die Mechanik dahinter. Der Stellenabbau hat bislang nicht zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt. In den vergangenen zwei Jahren wurden trotz des erheblichen Abbaus nur moderat mehr Industriebeschäftigte arbeitslos als zuvor. Der Grund: Stellen verschwinden größtenteils über natürliche Fluktuation und Zurückhaltung bei Neueinstellungen — nicht über spektakuläre betriebsbedingte Kündigungen.

Genau das macht die Entwicklung politisch so leise und ökonomisch so hartnäckig. Es gibt keine Bilder von Werkstoren mit Protestplakaten. Es gibt eine Pensionierung, die nicht nachbesetzt wird. Und noch eine. Und dann eine Ausbildungsstelle, die man dieses Jahr eben nicht ausschreibt.

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Wenn aus Deindustrialisierung sprachlich „Transformation" wird

Deutschland hat eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, wirtschaftliche Rückschritte sprachlich zu veredeln. Unternehmen bauen Stellen ab? Strukturwandel. Die Automobilindustrie verliert Beschäftigung? Transformation. Energieintensive Betriebe geraten unter Druck? Anpassungsprozess. Und wenn die Wirtschaft nach Jahren der Flaute um 0,2 Prozent wächst, befindet sie sich selbstverständlich auf Erholungskurs.

Man könnte fast meinen, das größte Problem des Standorts bestehe darin, dass die Bevölkerung seine Erfolge nicht angemessen würdigt.

Die Zahlen sind weniger poetisch. Ein Teil der Entwicklung ist tatsächlich langfristiger Strukturwandel, wie die Bundesbank zu Recht feststellt. Moderne Volkswirtschaften bauen größere Dienstleistungssektoren auf, Produktivitätsfortschritte verändern den Personalbedarf, und klassische Industriearbeit verschwindet durch Automatisierung. Es wäre unseriös, jeden verlorenen Industriearbeitsplatz unmittelbar der Politik anzulasten.

Genauso unseriös wäre es allerdings, die aktuelle Entwicklung achselzuckend als natürlichen Lauf der Dinge abzuhaken. Denn Arbeitsplätze verschwinden besonders dort, wo Deutschland ohnehin unter Druck steht:

  • Energieintensive Branchen — Chemie, Grundstoffe, Metallerzeugung, Papier, Glas und Zement, die auf international konkurrenzfähige Strom- und Gaspreise angewiesen sind
  • Die Kraftfahrzeugindustrie — mitsamt der tief gestaffelten Zuliefererkette vom Getriebebau bis zur Präzisionsmechanik
  • Investitionsgüterproduzenten, deren Inlandsumsätze schwach bleiben, weil die Kapazitätsauslastung deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt liegt

Also genau jene Bereiche, die unter hohen Energiekosten, wachsender Regulierung, technologischem Umbruch und härterer internationaler Konkurrenz stehen. Der Strukturwandel mag seit Jahrzehnten laufen. Die entscheidende Frage lautet, ob Deutschland ihn gestaltet — oder ihn durch selbst geschaffene Standortnachteile zusätzlich beschleunigt.

Roboterstraße in einer Automobilfabrik mit Karosserien auf der Fertigungslinie
Weniger Wertschöpfungstiefe je Fahrzeug bedeutet weniger Arbeitsstunden je Fahrzeug — die Elektromobilität verändert die Beschäftigungsrechnung der Branche grundlegend.

Das Auto wird elektrisch — und die Wertschöpfung wandert mit

Besonders deutlich zeigt sich die Verschiebung in der Automobilindustrie. Die Bundesbank verweist darauf, dass bei der Herstellung von Elektrofahrzeugen die Wertschöpfungstiefe geringer ausfällt als bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Ein gewisser Stellenabbau sei deshalb zu erwarten. Hinzu kämen Absatzprobleme auf wichtigen Exportmärkten: eine schwache globale Nachfrage nach Verbrennern und die wachsende Konkurrenz insbesondere chinesischer Anbieter.

Das ist eine wirtschaftliche Realität, die sich nicht wegregulieren lässt. Ein Elektroantrieb hat schlicht weniger bewegliche Teile als ein moderner Verbrenner samt Abgasnachbehandlung, Getriebe und Einspritzsystem. Wo weniger Teile verbaut werden, braucht es weniger Werke, weniger Zulieferer, weniger Montagestunden.

Warum das die Standortfrage verschärft

Gerade deshalb müsste Deutschland alles dafür tun, die verbleibende industrielle Wertschöpfung im Land zu halten. Stattdessen treffen die Unternehmen auf hohe Energiepreise, langwierige Genehmigungsverfahren, steigende Abgaben und eine kaum noch überschaubare Regulierungslandschaft. Die Industrie soll gleichzeitig klimaneutral werden, digitalisieren, Milliarden investieren, internationale Konkurrenz abwehren und möglichst noch neue Arbeitsplätze schaffen. Scheitert sie daran, heißt es hinterher, das sei eben die notwendige Transformation.

China geht einen anderen Weg. Dort wird nicht darüber philosophiert, ob industrielle Produktion womöglich ein Modell des vergangenen Jahrhunderts sei. Dort werden Batterien, Elektroautos, Solarmodule, Maschinen und Elektronik produziert und anschließend auf den Weltmarkt gebracht. Während Deutschland über die Bedingungen der Transformation diskutiert, produziert die Konkurrenz die Produkte dieser Transformation.

Eine Autofabrik, die weniger Menschen beschäftigt, ist kein Problem — solange anderswo neue, hochproduktive Arbeitsplätze entstehen. Wandern jedoch Produktion, Know-how, Zulieferer und Investitionen gleichzeitig ab, verliert eine Volkswirtschaft mehr als eine Position in der Beschäftigungsstatistik.

Sie verliert industrielle Netzwerke, technisches Wissen und langfristig die Fähigkeit, Wohlstand aus eigener Wertschöpfung zu erzeugen. Ein Werk lässt sich verlagern. Ein über Jahrzehnte gewachsenes Ökosystem aus Ingenieurbüros, Werkzeugbauern, Prüflaboren und Facharbeitern nicht — jedenfalls nicht zurück.

Ein Land kann nicht von Verwaltung, Beratung und Lieferdiensten leben

In Deutschland hält sich hartnäckig die Vorstellung, verlorene Industriearbeitsplätze ließen sich problemlos durch neue Stellen im Dienstleistungssektor ersetzen. Auf dem Papier geht die Rechnung auf: Ein Arbeitsplatz ist ein Arbeitsplatz. In der volkswirtschaftlichen Realität ist die Sache komplizierter.

Die Industrie wirkt weit über ihre unmittelbar Beschäftigten hinaus. An einem Werk hängen:

  1. Zulieferer und Vorleistungsproduzenten entlang mehrerer Fertigungsstufen
  2. Maschinenbauer, Werkzeug- und Anlagenbauer
  3. Logistikunternehmen, Speditionen und Lagerbetreiber
  4. Ingenieurbüros, Prüf- und Zertifizierungsdienstleister
  5. Handwerksbetriebe für Instandhaltung, Elektro und Bau
  6. Forschungseinrichtungen, Hochschulen und duale Ausbildungsstrukturen

Industrielle Wertschöpfung erzeugt Nachfrage in ganzen Regionen. Wer nur auf die Zahl der direkt Beschäftigten blickt, unterschätzt ihre Bedeutung systematisch.

Selbstverständlich kann Deutschland eine größere Dienstleistungswirtschaft entwickeln. Dagegen spricht nichts. Die entscheidende Frage lautet: Dienstleistungen für wen — und finanziert aus welcher Wertschöpfung? Eine Volkswirtschaft wird nicht reicher, indem sie sich gegenseitig immer mehr Formulare ausfüllt, Beratungsleistungen verkauft und Essen vor die Haustür stellt. Wohlstand entsteht dort, wo Güter und Leistungen geschaffen werden, für die andere bereit sind, echtes Geld zu bezahlen — idealerweise auch Kunden außerhalb des eigenen Landes.

Die demografische Rechnung kommt obendrauf

Deutschlands Sozialstaat macht diese Frage brisanter. Eine alternde Bevölkerung, steigende Sozialausgaben und wachsende staatliche Verpflichtungen brauchen eine leistungsfähige produktive Basis. Passenderweise nennt die Bundesbank das Gesundheits- und Sozialwesen als jenen Bereich, in dem die Beschäftigung mit der fortschreitenden Alterung erheblich zunimmt — während sie in der Industrie schrumpft. Beides zusammen ergibt eine simple Verteilungsfrage: Immer weniger wettbewerbsfähige Unternehmen sollen immer größere Lasten tragen. Wer soll das am Ende bezahlen?

0,2 Prozent Wachstum — und schon heißt es Erholung

Vor diesem Hintergrund ist die Euphorie über das jüngste Wachstum bezeichnend. Die deutsche Wirtschaft legte im zweiten Quartal 2026 real um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu, nach 0,4 Prozent im Vorquartal. Die Bundesbank sieht die Wirtschaft damit „deutlich erkennbar" auf einem Erholungskurs. Vor allem die Exporte dürften zum Anstieg beigetragen haben, die Industrie zeigte sich gegenüber erhöhten Energiepreisen und Lieferkettenproblemen widerstandsfähig.

Nach Jahren der Schwäche ist jedes Plus erfreulich. Aber 0,2 Prozent sind kein Wirtschaftswunder. Sie sind vor allem ein Beleg dafür, wie weit die Erwartungen gesunken sind. Deutschland war einmal die industrielle Lokomotive Europas. Heute wird gefeiert, dass der Zug überhaupt noch rollt.

Der Blick unter die Oberfläche relativiert die Zuversicht zusätzlich:

  • Die Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe liegt weiterhin deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt — das bremst Erweiterungsinvestitionen
  • Die privaten Ausrüstungsinvestitionen lieferten laut Bundesbank keine positiven Impulse; Inlandsumsätze der Investitionsgüterproduzenten sanken erneut leicht
  • Der Arbeitsmarkt profitierte nicht vom Wachstum: Im zweiten Quartal waren saisonbereinigt rund 52.000 Personen weniger erwerbstätig als im Vorquartal
  • Die Nachfrage nach Wohnungsbaukrediten ging so stark zurück wie zuletzt vor drei Jahren

Wer aus einer derart schwachen Ausgangslage minimal wächst, hat noch keinen neuen Wachstumspfad gefunden.

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Die Inflation ist zurück — und die Energiefrage bleibt offen

Als wäre das nicht genug, meldet sich die Teuerung zurück. Im Juli 2026 lagen die Verbraucherpreise 2,8 Prozent über dem Vorjahresmonat, nachdem die Rate im Juni noch bei 2,3 Prozent gelegen hatte. Die Bundesbank hält einen weiteren vorübergehenden Anstieg für möglich; für die harmonisierte Rate hält sie in den kommenden Monaten Werte über der Drei-Prozent-Marke für denkbar.

Energie bleibt dabei der entscheidende Unsicherheitsfaktor. Der Krieg im Nahen Osten, beeinträchtigte Raffineriekapazitäten und Risiken für wichtige Transportwege können den Preisdruck jederzeit erhöhen. Damit steckt Deutschland in einer besonders unangenehmen Konstellation:

Gegenläufige Anforderungen an Politik und Wirtschaft
WerBrauchtSteht dem entgegen
IndustrieGünstige Energie, Planungssicherheit, InvestitionsanreizeHohe Strom- und Gaspreise, Regulierungsdichte, schwache Auslastung
VerbraucherStabile Preise, reale KaufkraftInflation von 2,8 Prozent, schwacher Arbeitsmarkt
UnternehmenVerlässliche RahmenbedingungenGeopolitische Risiken, Lieferkettenstörungen
StaatSteuer- und BeitragsaufkommenSchrumpfende industrielle Basis, steigende Sozialausgaben

Schwaches Wachstum trifft auf spürbare Inflation. Diese Kombination ist für Sparer besonders unangenehm, weil sie die reale Verzinsung von Guthaben aushöhlt, ohne dass ein kräftiger Aufschwung die Einkommen mitzieht. Wie stark die Kaufkraft eines Guthabens bei anhaltender Teuerung schrumpft, lässt sich überschlägig durchrechnen:

Berechnen Sie Ihren Kaufkraftverlust durch die Inflation

Die Inflationsrate lag zuletzt laut Statistischem Bundesamt bei 8.7%

Goldbarren und Anlagemünzen aus Gold und Silber auf dunklem Schiefer
Sachwerte sind kein Ersatz für industrielle Wertschöpfung — aber ein Baustein, mit dem Anleger Währungs- und Standortrisiken historisch abgefedert haben.

Was das für Vermögen und Vorsorge bedeutet

Aus der Standortdebatte lässt sich keine Anlageempfehlung ableiten, und niemand kann seriös prognostizieren, wie sich Märkte entwickeln. Wohl aber lassen sich die Mechanismen benennen, die für private Vermögen relevant sind:

  • Reale Kaufkraft: Bei einer Inflation von 2,8 Prozent verliert unverzinstes Guthaben binnen zehn Jahren rechnerisch rund ein Viertel seiner Kaufkraft — unabhängig davon, wie die Industrieproduktion läuft
  • Klumpenrisiko Standort: Wer Arbeitsplatz, Immobilie, Betriebsrente und Aktiendepot überwiegend an denselben Wirtschaftsraum koppelt, konzentriert Risiken statt sie zu verteilen
  • Sachwerte ohne Gegenpartei: Physisches Edelmetall ist im Gegensatz zu Anleihen oder Bankguthaben kein Zahlungsversprechen eines Dritten. Es kennt kein Emittentenrisiko, wirft aber auch keine Zinsen ab
  • Zeithorizont: Edelmetalle schwanken kurzfristig deutlich. Als Vermögensbaustein werden sie üblicherweise über lange Zeiträume betrachtet, nicht als kurzfristige Positionierung

Historisch wird Gold in Phasen von Währungssorgen und geopolitischer Unsicherheit stärker nachgefragt — die Preisentwicklung der vergangenen Jahre zeigt das deutlich:

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Für die praktische Umsetzung unterscheiden Anleger meist zwischen standardisierten Goldbarren mit engen Handelsspannen und Anlagemünzen aus Gold, die in kleinen Stückelungen leichter teilbar sind. Wer breiter streuen möchte, nimmt zusätzlich Silber in den Blick, das durch seine industrielle Verwendung stärker am Konjunkturzyklus hängt und entsprechend volatiler ist. Ein Blick auf die gängigen Goldmünzen und Silbermünzen zeigt, wie unterschiedlich Prägungen, Stückelungen und Aufgelder ausfallen.

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Diese Darstellung dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten oder Edelmetallen dar. Edelmetallpreise unterliegen Schwankungen; vergangene Entwicklungen lassen keine Rückschlüsse auf künftige Preise zu.

Erst verschwinden die Fabriken, dann der Wohlstand

Die gefährlichste Annahme lautet, Deutschland könne seine industrielle Basis Stück für Stück verlieren und trotzdem so wohlhabend bleiben wie bisher. Wohlstand ist kein Besitzstand, den man einmal erwirbt und dann verwaltet. Er wird jeden Tag neu erwirtschaftet. Wer weniger produziert, weniger investiert und international an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt, kann seinen Lebensstandard nicht dauerhaft über Umverteilung konservieren.

Deshalb sind die 18,5 Prozent weit mehr als eine Statistik aus einem Notenbankbericht. Sie erzählen von einem Land, dessen wirtschaftliches Fundament sich verschiebt. Ein Teil davon ist unvermeidlicher technologischer Wandel. Ein anderer Teil ist hausgemacht — durch hohe Kosten, lähmende Bürokratie und politische Rahmenbedingungen, die Investitionen zur Mutprobe machen.

Man kann diese Entwicklung noch jahrelang Transformation nennen. Man kann jedes Zehntelprozent Wachstum zum Erholungssignal erklären und jeden Arbeitsplatzverlust mit dem Hinweis auf natürliche Fluktuation relativieren. Die Wirklichkeit lässt sich davon nicht beeindrucken.

Eine Fabrik, die nicht mehr investiert, interessiert sich nicht für politische Beschönigungen. Ein Arbeitsplatz, der bei der nächsten Pensionierung nicht neu besetzt wird, ist trotzdem verschwunden. Und eine Produktionslinie, die einmal im Ausland aufgebaut wurde, kehrt nicht zurück, nur weil fünf Jahre später ein neues Förderprogramm beschlossen wird.

Deutschlands Deindustrialisierung muss nicht mit spektakulären Werksschließungen und Zehntausenden Entlassungen beginnen. Wahrscheinlicher verläuft sie genau so, wie die Bundesbank es beschreibt: schleichend, über natürliche Fluktuation, weniger Neueinstellungen und immer weniger industrielle Beschäftigung. Gerade das macht sie so tückisch. Es knallt nicht. Es verschwindet Stück für Stück — und mit ihm jener Wohlstand, den Deutschland für selbstverständlich hält.

Häufige Fragen zum Strukturwandel in Deutschland

Was bedeutet Strukturwandel in der Wirtschaft konkret?

Strukturwandel beschreibt die dauerhafte Verschiebung wirtschaftlicher Aktivität zwischen Sektoren — historisch von der Landwirtschaft zur Industrie und später von der Industrie zu den Dienstleistungen. Ausgelöst wird er durch technischen Fortschritt, veränderte Nachfrage, internationale Arbeitsteilung und Produktivitätsgewinne. Der Begriff selbst ist wertfrei: Er sagt nichts darüber aus, ob eine Volkswirtschaft durch den Wandel stärker oder schwächer wird.

Wo liegt der Unterschied zwischen Strukturwandel und Deindustrialisierung?

Beim Strukturwandel verschiebt sich Beschäftigung zwischen Branchen, während die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung wächst. Von Deindustrialisierung spricht man, wenn industrielle Produktion, Investitionen und Know-how netto verloren gehen oder abwandern, ohne dass gleichwertig produktive Alternativen entstehen. In der Praxis überlagern sich beide Prozesse — die entscheidende Frage ist, welcher Anteil überwiegt.

Warum trifft der Stellenabbau vor allem Auto- und Energiebranche?

Die Bundesbank nennt zwei Treiber: Bei Elektrofahrzeugen ist die Wertschöpfungstiefe geringer als bei Verbrennern, weshalb je Fahrzeug weniger Arbeit anfällt. Hinzu kommen Absatzprobleme auf wichtigen Exportmärkten durch schwache globale Nachfrage nach Verbrennern und wachsende Konkurrenz insbesondere chinesischer Anbieter. Energieintensive Branchen leiden zusätzlich unter den Strom- und Gaspreisen, die ihre Wettbewerbsposition unmittelbar bestimmen.

Kann der Dienstleistungssektor die Industriearbeitsplätze ersetzen?

Zahlenmäßig teilweise, ökonomisch nur bedingt. Industrielle Wertschöpfung zieht Zulieferer, Maschinenbau, Logistik, Ingenieurleistungen und Forschung nach sich und erzeugt exportfähige Güter. Viele binnenorientierte Dienstleistungen erwirtschaften dagegen keine Erlöse aus dem Ausland. Eine Volkswirtschaft kann eine große Dienstleistungswirtschaft tragen — sie braucht dafür aber eine produktive Basis, die diese Leistungen finanziert.

Sind 0,2 Prozent Wachstum ein Zeichen für eine echte Erholung?

Es ist das dritte Quartal mit positiver Rate in Folge, was für eine Stabilisierung spricht. Getragen wurde es vor allem von Exporten und temporären Effekten am Bau. Gleichzeitig blieben die Ausrüstungsinvestitionen schwach, die Kapazitätsauslastung liegt unter dem langfristigen Durchschnitt und die Beschäftigung sank weiter. Eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau ist noch kein neuer Wachstumspfad.

Welche Rolle spielt die Inflation von 2,8 Prozent für Sparer?

Bei einer Teuerung von 2,8 Prozent verliert unverzinstes Guthaben rechnerisch etwa 24 Prozent seiner Kaufkraft binnen zehn Jahren. Entscheidend ist deshalb nicht die nominale, sondern die reale Verzinsung nach Abzug der Inflation. Liegt sie negativ, schrumpft der Realwert von Ersparnissen, auch wenn der Kontostand gleich bleibt.

Welche Bedeutung haben Edelmetalle in einem solchen Umfeld?

Physisches Gold und Silber sind Sachwerte ohne Gegenparteirisiko: Ihr Wert hängt nicht von der Zahlungsfähigkeit eines Emittenten ab. Historisch wurden sie in Phasen von Währungssorgen und geopolitischer Unsicherheit stärker nachgefragt. Sie zahlen jedoch keine Zinsen, unterliegen Preisschwankungen und verursachen Lager- oder Versicherungskosten. Sie ersetzen keine breite Vermögensstruktur, sondern werden meist als ein Baustein neben anderen betrachtet.

Datenbasis: Deutsche Bundesbank, Monatsbericht August 2026 (Konjunkturlage, Exkurs zum Stellenabbau im Verarbeitenden Gewerbe, veröffentlicht am 20. August 2026); Statistisches Bundesamt, Verbraucherpreisindex Juli 2026. Stand der Angaben: .

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