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Wie Misstrauen zur neuen Volksgemeinschaft wird

Was derzeit als „Vertrauenskrise“ etikettiert wird, ist in Wahrheit ein Abrechnungsmodus. Die Bevölkerung ist nicht plötzlich irrational geworden – sie zieht Konsequenzen. Wenn 73 Prozent den Staat für überfordert halten, 44 Prozent der Bundesregierung nicht mehr vertrauen und politische Parteien nur noch 22 Prozent Zustimmung erhalten, dann ist das kein Kommunikationsproblem. Es ist ein Urteil. Und dieses Urteil fällt nicht aus dem Nichts, sondern aus Erfahrung.

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani liefert mit seinem Buch Misstrauensgemeinschaften die passende Diagnose: Gesellschaften organisieren sich zunehmend nicht mehr über gemeinsame Ziele, sondern über gemeinsames Misstrauen. Skepsis wird zur Identität, Zweifel zum Gruppensignal. Man gehört dazu, weil man „durchschaut“, nicht weil man etwas aufbauen will. Das ist unbequem – aber es ist logisch.

Misstrauen ist keine Krankheit – es ist eine Reaktion

Das politische System hat jahrelang auf Versprechen ohne Lieferung gesetzt. Energiewende ohne günstige Energie. Bürokratieabbau mit mehr Formularen. Digitalisierung mit Fax. Migration mit Kontrollverlust, flankiert von moralischen Appellen. Wer das anspricht, wird belehrt. Wer widerspricht, wird pathologisiert. Und wer Konsequenzen fordert, gilt als „gefährlich“.

In diesem Klima ist Misstrauen kein Ausrutscher, sondern Selbstschutz. El-Mafaalani beschreibt treffend, warum Menschen sich in Misstrauensgemeinschaften sammeln: Weil dort niemand so tut, als sei alles kompliziert, aber alternativlos. Weil Zweifel bestätigt statt bekämpft werden. Weil man dort nicht erklärt bekommt, man habe „nur nicht verstanden“, was offensichtlich schiefläuft.

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Die Selbstverstärkung der Skepsis – wenn Fakten zu Verdachtsmomenten werden

Der systemische Kipppunkt ist erreicht, wenn jede Widerlegung als Beweis gilt. Wenn Fakten nicht mehr überzeugen, sondern verdächtig machen. Wenn Medien nicht informieren, sondern „framen“. In diesen Räumen wird nicht diskutiert, sondern sortiert: Wer widerspricht, gehört „dazu“. Wer zustimmt, ist „wach“.

Das ist gefährlich – aber nicht zufällig. Es ist die direkte Folge einer Politik, die Motive verschleiert, Fehler nicht eingesteht und Konsequenzen vermeidet. Wer jahrelang mit moralischer Überlegenheit regiert, darf sich nicht wundern, wenn ihm irgendwann niemand mehr glaubt – selbst dann nicht, wenn er recht hat.

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Populismus ist nicht das Problem – er ist das Symptom

El-Mafaalani zeigt, warum Populismus und Verschwörungserzählungen dort gedeihen, wo Vertrauen verdampft ist. Komplexität wird reduziert, Schuldige werden benannt, Emotionen kanalisiert. Das ist bequem – und wirksam. Besonders deutlich wird das in der Migrationsdebatte, wo sich Erzählungen vom angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ festsetzen konnten. Nicht, weil sie stimmen, sondern weil Institutionen ihre Glaubwürdigkeit verspielt haben.

Wenn Regierung und Verwaltung zugleich als übergriffig und ohnmächtig wahrgenommen werden, entsteht ein toxischer Mix: zu viele Regeln im Kleinen, zu wenig Durchsetzung im Großen. Genau hier kippt Skepsis in Ablehnung – und Ablehnung in Parallelöffentlichkeit.

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Vertrauen kann man nicht verordnen – man kann es nur verdienen

Die politischen Rezepte, die El-Mafaalani skizziert, klingen harmlos: nüchternere Kommunikation, echte Beteiligung, ein handlungsfähiger Staat. Übersetzt heißt das: weniger Pathos, mehr Ehrlichkeit. Keine Heilsversprechen ohne Finanzierung. Keine Transformation ohne Opferbenennung. Keine Beteiligung als Alibi.

Vor allem aber: Konsequenzen. Vertrauen stirbt dort endgültig, wo Verantwortung folgenlos bleibt. Wenn schwere Fehlentscheidungen, Interessenkonflikte oder Drehtürkarrieren keine realen Kosten haben, dann wird jede neue Bitte um Vertrauen zur Provokation. Vertrauen ist kein PR-Ziel – es ist das Ergebnis von Würde, Nachvollziehbarkeit und spürbarer Verantwortlichkeit.

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Misstrauen ist der Spiegel, nicht der Feind

Das Buch hinterlässt ein düsteres Bild – zu Recht. Denn die Lage ist düster. Misstrauensgemeinschaften sind kein Betriebsunfall der Demokratie, sie sind die Quittung. Wer sie bekämpfen will, ohne die Ursachen zu beseitigen, bekämpft die Symptome – und verschärft das Problem.

Die unbequeme Wahrheit lautet: Vertrauen kommt nicht zurück, weil man es fordert. Es kommt zurück, wenn Macht wieder erklärbar wird, wenn Fehler Konsequenzen haben und wenn Politik aufhört, Skepsis als moralisches Defizit zu behandeln. Bis dahin bleibt Misstrauen das, was es längst ist: kein Randphänomen, sondern die neue Normalität.

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