
Alice Schwarzer und die Kanzlerin Weidel: Erst loben, dann zurĂŒckrudern
Es ist ein Schauspiel, das man in Deutschland mittlerweile zur GenĂŒge kennt: Jemand wagt eine unbequeme Wahrheit auszusprechen â und knickt wenige Stunden spĂ€ter unter dem Druck der medialen Empörungsmaschinerie ein. Diesmal hat es ausgerechnet Alice Schwarzer erwischt, die Grande Dame des deutschen Feminismus, die sich eigentlich nie um die Meinung anderer geschert hat.
Ein Ja, das keines mehr sein darf
Was war geschehen? In einem GesprĂ€ch mit dem Spiegel hatte Schwarzer auf die Frage, ob eine Bundeskanzlerin Alice Weidel ermutigend fĂŒr Frauen wĂ€re, mit einem klaren âJa" geantwortet â wenn auch mit dem Zusatz âtrotz alledem". Eine bemerkenswerte Aussage, die man der streitbaren Feministin hoch anrechnen könnte. Denn sie zeugt von intellektueller Redlichkeit: Die Anerkennung, dass eine Frau an der Spitze Deutschlands â unabhĂ€ngig von ihrer Parteizugehörigkeit â ein Signal fĂŒr Frauen im ganzen Land wĂ€re.
Doch kaum war die Tinte trocken, begann das groĂe Relativieren. GegenĂŒber dem Tagesspiegel stellte Schwarzer eilig klar, dass sie die AfD âeine Katastrophe" finde und eine Kanzlerschaft Weidels keineswegs unterstĂŒtze. Die Aussage sei âaus dem Kontext gerissen" worden. Ein Klassiker. Wer kennt ihn nicht, diesen reflexhaften RĂŒckzug, sobald die Empörungswelle anrollt?
Die Angst vor der eigenen Courage
Was sagt es ĂŒber den Zustand unserer Debattenkultur aus, wenn selbst eine Alice Schwarzer â eine Frau, die Jahrzehnte lang gegen jeden Widerstand fĂŒr ihre Ăberzeugungen gekĂ€mpft hat â es nicht mehr wagt, bei einer simplen Feststellung zu bleiben? Ein Ja bleibt ein Ja. Punkt. Oder sollte es zumindest. Die Tatsache, dass eine mögliche Kanzlerin Weidel fĂŒr Frauen ermutigend sein könnte, ist keine politische Wahlempfehlung. Es ist eine nĂŒchterne Beobachtung.
Interessant ist dabei auch Schwarzers EingestĂ€ndnis, dass die AfD durch eine âin Teilen unrealistische Migrationspolitik" der etablierten Parteien so stark habe wachsen können. Damit spricht sie aus, was Millionen Deutsche lĂ€ngst wissen: Das Erstarken der AfD ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das direkte Ergebnis einer Politik, die ĂŒber Jahre hinweg die berechtigten Sorgen der BĂŒrger ignoriert hat. Eine Politik, die unter Angela Merkel begann und von der Ampelkoalition auf die Spitze getrieben wurde.
Friedenspolitik als Stigma
Bemerkenswert ist auch ein anderer Aspekt des Interviews: Schwarzer verteidigte ihre gemeinsam mit Sahra Wagenknecht im Jahr 2023 lancierte Petition gegen eine Eskalation der Waffenlieferungen an die Ukraine. Auf den Vorwurf, sie habe sich damit fĂŒr Putin starkgemacht, reagierte sie mit den Worten, sie sei stolz auf ihr Engagement fĂŒr den Frieden â âein paar Hunderttausend Tote spĂ€ter".
Man muss Schwarzers politische Positionen nicht in GĂ€nze teilen, um anzuerkennen, dass sie hier einen wunden Punkt trifft. Der Ukraine-Krieg tobt weiter, die Opferzahlen steigen ins Unermessliche, und die Frage, ob mehr Diplomatie und weniger Waffen nicht der klĂŒgere Weg gewesen wĂ€re, wird mit jedem Tag drĂ€ngender. Dass in Deutschland bereits der bloĂe Ruf nach Verhandlungen als Verrat gebrandmarkt wird, offenbart eine erschreckende Verengung des politischen Diskurses.
RĂŒckgratlosigkeit als Volkssport
Der Fall Schwarzer steht symptomatisch fĂŒr ein tieferliegendes Problem der deutschen Ăffentlichkeit. Niemand steht mehr zu dem, was er sagt. Kaum ist eine unbequeme Wahrheit ausgesprochen, folgt die Relativierung, die Entschuldigung, das ZurĂŒckrudern. Politiker, Intellektuelle, Medienschaffende â sie alle haben verinnerlicht, dass bestimmte Aussagen in diesem Land nicht mehr möglich sind, ohne sofort an den medialen Pranger gestellt zu werden. Wer es wagt, die AfD oder ihre Protagonisten auch nur in einem einzigen Aspekt positiv zu erwĂ€hnen, wird behandelt, als hĂ€tte er ein Sakrileg begangen.
Dabei wĂ€re gerade jetzt der Moment fĂŒr mehr Ehrlichkeit und weniger ideologische Scheuklappen. Deutschland steht vor gewaltigen Herausforderungen â von der unkontrollierten Migration ĂŒber die wirtschaftliche Stagnation bis hin zur explodierenden KriminalitĂ€t. Wer diese Probleme lösen will, muss in der Lage sein, offen und ohne Denkverbote zu diskutieren. Auch mit jenen, die man politisch nicht mag. Doch genau das scheint in der Bundesrepublik des Jahres 2026 unmöglich geworden zu sein.
Alice Schwarzer hatte fĂŒr einen kurzen Moment den Mut zur Wahrheit. Dann siegte die Angst. Schade eigentlich.

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