
Farages Masterplan: Wie Britanniens Rechtspopulist sich als Regierungschef in Stellung bringt
Was sich am Dienstag im ehrwürdigen Church House von Westminster abspielte, war weit mehr als eine bloße Personalankündigung. Es war eine Kampfansage. Nigel Farage, der unermüdliche Anführer der rechtspopulistischen Partei Reform UK, präsentierte erstmals ein Schattenteam für zentrale Politikbereiche – und sendete damit ein unmissverständliches Signal an das politische Establishment Großbritanniens: Er meint es ernst mit dem Griff nach Downing Street.
Vom Ein-Mann-Betrieb zur Regierungsmannschaft?
Monatelang blieb bewusst im Dunkeln, wer in Farages innerem Zirkel welche Aufgaben übernimmt. Damit soll nun Schluss sein. Sein Stellvertreter Richard Tice wurde mit der Leitung eines wirtschaftlichen „Superdepartments" betraut, das sich am deutschen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg orientieren soll – ein bemerkenswerter historischer Vergleich, der die Dimension des Anspruchs verdeutlicht. Die jüngst von den Konservativen übergelaufenen Politiker Robert Jenrick und Suella Braverman erhielten die Zuständigkeit für Finanzen beziehungsweise Bildung und Gleichstellungsfragen. Der millionenschwere Parteispender Zia Yusuf soll sich als Leiter der Innenpolitik um das Thema Migration kümmern.
Dass Farage allen vier Politikern „Schatten"-Regierungstitel verlieh, obwohl diese nach britischer Konvention eigentlich der parlamentarischen Opposition – also den Konservativen – vorbehalten sind, zeigt die Chuzpe des Mannes. Doch angesichts der Umfragewerte, die Reform UK vor den Tories sehen, und der wachsenden Instabilität der linksgerichteten Labour-Regierung unter Keir Starmer erscheint dieser Schritt weniger vermessen, als er auf den ersten Blick wirken mag.
Kulturkampf als Kernstrategie
Besonders aufhorchen lässt die inhaltliche Schwerpunktsetzung. Statt sich in den trockenen Details von Verwaltungsreformen zu verlieren, setzt Farage gezielt auf die Themen, die den Bürgern unter den Nägeln brennen: Migration, Klimapolitik und Geschlechterideologie. Eine Strategie, die an Donald Trumps Erfolgsrezept erinnert – und die in Deutschland so mancher konservative Politiker mit Neid beobachten dürfte.
Yusuf bezeichnete die jüngste Einwanderungspolitik als den „tiefgreifendsten Verrat an der britischen Wählerschaft in der Geschichte" und kündigte an, Großbritannien werde nicht nur die Europäische Menschenrechtskonvention verlassen, sondern sich von jedem internationalen Vertrag lossagen, der Abschiebungen behindern könnte. Worte, die in ihrer Schärfe kaum zu überbieten sind.
Braverman wiederum versprach, das sogenannte „Social Transitioning" – also den Wechsel von Pronomen, Kleidung oder Namen bei Kindern, die ihr Geschlecht in Frage stellen – an allen Schulen „absolut und ohne Wenn und Aber" zu verbieten. Darüber hinaus solle die Gleichstellungsbehörde „am ersten Tag" abgeschafft, das Gleichstellungsgesetz von 2010 aufgehoben und das Konzept der „geschützten Merkmale" im Arbeitsrecht beseitigt werden.
Ein Vorbild für den Kontinent?
Was sich auf der Insel abspielt, sollte auch auf dem europäischen Festland aufmerksam verfolgt werden. Denn Farages Strategie – die Verbindung von wirtschaftlichem Pragmatismus mit einem klaren Bekenntnis zu traditionellen Werten und einer restriktiven Migrationspolitik – könnte als Blaupause für konservative Bewegungen in ganz Europa dienen. In einer Zeit, in der über 25 Prozent der Sitze im EU-Parlament von rechtskonservativen Parteien besetzt werden, scheint der politische Wind eindeutig gedreht zu haben.
Auch in Deutschland, wo die neue Große Koalition unter Friedrich Merz bei Themen wie Migration und innerer Sicherheit bislang weit hinter den Erwartungen vieler Bürger zurückbleibt, dürfte Farages kompromisslose Haltung bei nicht wenigen auf Sympathie stoßen. Während hierzulande die Kriminalität Rekordniveau erreicht und Messerangriffe zum traurigen Alltag geworden sind, zeigt der Brite, wie man diese Themen ohne ideologische Scheuklappen anpacken kann.
Die Achillesferse: Wirtschaftliche Glaubwürdigkeit
Doch Farages Projekt hat eine empfindliche Schwachstelle, und er weiß es. Die wirtschaftliche Kompetenz seiner Partei steht auf wackligen Beinen. Nicht umsonst strich er Steuersenkungsversprechen in Höhe von 90 Milliarden Pfund aus dem Wahlprogramm von 2024 – im Namen der „fiskalischen Glaubwürdigkeit". Jenrick versprach zwar, eine Wirtschaft aufzubauen, die den „Wecker-Briten" diene – jenen Menschen, die morgens früh aufstehen und arbeiten gehen –, blieb aber konkrete Steuersenkungspläne schuldig.
Tice wiederum träumt von einem jährlichen BIP-Wachstum von drei bis vier Prozent, will die Klimaregulierung beerdigen – er nennt sie „net stupid zero" – und eine britische Industriestrategie mit Fokus auf Stahl und Automobilbau aufbauen. Gleichzeitig schwebt ihm ein „britischer Staatsfonds" vor. Ambitionierte Ziele, deren Umsetzung fundamentale Zielkonflikte offenbaren wird. Einerseits sollen 30.000 Seiten EU-abgeleiteter Finanzmarktregulierung auf 100 Seiten eingedampft werden, andererseits schließt Reform staatliche Eingriffe in strategische Schwerindustrien nicht aus. Farage bestritt, dass dies „Sozialismus" sei.
Vier Arbeitsgruppen sollen bis Mai Ergebnisse zu Regulierung, Wachstumskapital, Renten und Sparen sowie Steuern vorlegen. Die sogenannte „Triple Lock" – die großzügige Rentenerhöhungen garantiert – steht möglicherweise zur Disposition, eine Entscheidung wurde jedoch noch nicht getroffen. Es sind genau diese unbeantworteten Fragen, die Reforms Kritiker als Beweis dafür anführen, dass die Partei mehr Kampagnenmaschine als regierungsfähige Kraft sei.
Das Farage-Paradoxon
Die vielleicht größte Herausforderung bleibt Farage selbst. Er nutzte die Veranstaltung, um zu betonen, dass es künftig „ein bisschen weniger von mir" geben werde. Sollte ihn morgen ein Bus überfahren, so Farage mit dem ihm eigenen schwarzen Humor, hätte Reform seine eigene Marke und Identität. Doch die Inszenierung sprach eine andere Sprache: Von den fünf V-förmig angeordneten Rednerpulten stand seines am prominentesten, zentral und dem Publikum am nächsten. Er beantwortete wiederholt Fragen, die an seine Kollegen gerichtet waren, und scherzte, dass „Illoyale" nicht lange bleiben würden.
Ein hochrangiger Reform-Funktionär kommentierte Jenricks Ernennung bezeichnend: Es sei ein klares Signal Farages, dass er keinen „imperialen Schatzkanzler" wie einst Gordon Brown oder George Osborne wolle. Die Wachstumspolitik solle vom Wirtschaftsministerium gesteuert werden – nicht vom Finanzressort. Mit anderen Worten: Farage behält die Fäden in der Hand.
Der lange Weg zur Macht
Ob Farage tatsächlich jemals in die Downing Street einziehen wird, bleibt ungewiss. Er selbst spekuliert auf vorgezogene Neuwahlen bereits 2027. Die Umfragen geben ihm Rückenwind, auch wenn der Vorsprung zuletzt geschrumpft ist. Die Verteidigungspolitik und Außenpolitik – zwei zentrale Regierungsbereiche – sind auffällig unbesetzt geblieben, was Raum für weitere prominente Überläufer von den Konservativen lässt.
Was Farage in Großbritannien vormacht, ist letztlich das, was konservative Kräfte in ganz Europa seit Jahren fordern: eine Politik, die sich an den realen Sorgen der arbeitenden Bevölkerung orientiert, statt ideologischen Luftschlössern nachzujagen. Eine Politik, die Migration kontrolliert, traditionelle Werte verteidigt und wirtschaftliches Wachstum über bürokratische Regulierungswut stellt. Ob Reform UK dieses Versprechen einlösen kann, wird die Zukunft zeigen. Dass die Sehnsucht danach existiert – nicht nur auf der Insel, sondern auch diesseits des Ärmelkanals –, daran kann kein vernünftiger Mensch mehr zweifeln.
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