
Roms grüne Wahrzeichen in Gefahr: Wenn jahrhundertealte Pinien zur tödlichen Bedrohung werden
Es ist ein Bild, das sich tief ins kollektive Gedächtnis Europas eingebrannt hat: Die majestätischen Schirmkiefern Roms, deren immergrüne Kronen sich wie stolze Wächter über Kuppeln, Ruinen und Kaiserforen erheben. Doch was Generationen von Dichtern, Filmemachern und Komponisten inspirierte, wird nun zur handfesten Gefahr für Leib und Leben. Innerhalb eines einzigen Monats sind drei dieser Baumriesen mitten auf der berühmten Via dei Fori Imperiali umgestürzt – jener Prachtstraße, die das Kolosseum mit der Piazza Venezia verbindet und täglich von Tausenden Touristen bevölkert wird.
Drei Bäume, drei Warnschüsse
Der letzte Vorfall liegt erst gut eine Woche zurück. Drei Personen wurden verletzt, zum Glück nur leicht. Doch man muss kein Prophet sein, um zu erkennen: Es hätte weitaus schlimmer kommen können. Eine tonnenschwere Pinie, die in eine dicht gedrängte Menschenmenge stürzt – die Vorstellung allein lässt erschaudern. Die Stadtverwaltung reagierte prompt und sperrte den betroffenen Abschnitt komplett. Fußgänger werden seither umgeleitet. Die Nervosität im römischen Rathaus ist mit Händen zu greifen.
Und sie ist berechtigt. Denn das Problem ist keineswegs ein Zufall der Natur, sondern – wie so oft – hausgemacht. Die Pinien auf der Via dei Fori Imperiali wurden 1931 gepflanzt, in der faschistischen Ära unter Mussolini. Da sie zum Zeitpunkt der Pflanzung bereits über 20 Jahre alt waren, haben sie mittlerweile ein Alter von mindestens 120 Jahren erreicht. Ihre natürliche Lebenserwartung liegt jedoch bei nur rund einem Jahrhundert. Diese Bäume leben also gewissermaßen auf Kredit – und die Natur fordert nun ihre Rechnung ein.
Zwischen Kulturerbe und Sicherheitsrisiko
Was die Situation so delikat macht, ist die enorme kulturelle Bedeutung der römischen Pinien. Sie sind weit mehr als bloße Stadtbegrünung. Federico Fellini verewigte sie in seinem Film „Roma", der Komponist Ottorino Respighi widmete ihnen mit „Pini di Roma" eine ganze sinfonische Dichtung. Schätzungsweise 51.000 Pinien stehen in der Ewigen Stadt, und für viele Römer ist allein der Gedanke an Fällungen – selbst wenn sie dem Austausch durch jüngere Exemplare dienen – geradezu schmerzhaft.
Umweltdezernentin Sabrina Alfonsi hat eine Taskforce eingerichtet, die seit Tagen auf Hochtouren arbeite. Das große Tabu einer flächendeckenden Fällung aller Pinien im betroffenen Bereich stand zwischenzeitlich sogar im Raum – wurde aber vorerst verworfen. Stattdessen setzt man auf „selektive Fällungen", wie die Stadt es diplomatisch formuliert. Die ersten Untersuchungsergebnisse verheißen allerdings nichts Gutes: Nur ein Teil der Bäume könne gerettet werden, der Rest müsse wohl weichen.
Klimawandel als bequeme Ausrede?
Natürlich wird auch in diesem Fall der Klimawandel als Erklärung bemüht. Der häufige Wechsel zwischen intensiver Dürre und Starkregen schwäche die Wurzeln der Bäume, meinen Experten. Starker Wind reiche dann aus, um die geschwächten Pinien zu entwurzeln. Doch der Pinien-Experte Flavio Tarquini benennt auch ganz andere, profanere Ursachen: Straßenbauarbeiten, die das Wurzelwerk beschädigen, unsachgemäßer Baumschnitt und die schlichte Tatsache, dass täglich Zehntausende Menschen an den Bäumen vorbeidefilieren. Es ist also weniger das Klima als vielmehr jahrzehntelange Vernachlässigung und mangelnde Pflege, die den Bäumen zugesetzt haben.
Ein Befund, der durchaus auch als Parabel auf den Umgang europäischer Städte mit ihrem Erbe taugt. Man sonnt sich gerne im Glanz historischer Pracht, versäumt es aber, rechtzeitig in deren Erhalt zu investieren. Und wenn dann die Probleme nicht mehr zu übersehen sind, wird hektisch nach Lösungen gesucht – oft zu spät und zu teuer.
Pinien als natürliche Luftfilter
Dabei erfüllen die Pinien eine Funktion, die gerade in einer Stadt wie Rom von unschätzbarem Wert ist. Ihr charakteristisches Blätterdach filtert den Smog – und Roms Luftqualität gilt als notorisch schlecht – besser als nahezu jede andere Baumart. Wer die Pinien fällt, ohne sie zu ersetzen, verschlechtert also nicht nur das Stadtbild, sondern auch die Atemluft der Bewohner. Tarquini plädierte deshalb in der Zeitung „La Repubblica" dafür, die überalterten Bäume schrittweise durch neue Exemplare zu ersetzen, ohne den gesamten Bestand auf einen Schlag zu entfernen.
Rom gehört insgesamt zu den grüneren Metropolen Europas. Die drei großen Parks – Villa Borghese, Villa Pamphili und Villa Ada – bieten mitten in der hektischen Großstadt Oasen der Ruhe. Gerade während der oft brutalen Sommerhitze, wenn sich die Temperaturen im engen Stadtzentrum stauen, suchen Römer wie Touristen dort Zuflucht. Pinien, Platanen, Eichen und Palmen säumen zudem zahlreiche Straßen. Dieses grüne Erbe leichtfertig aufs Spiel zu setzen, wäre ein Fehler, den kommende Generationen nicht verzeihen würden.
Der 16. Februar als Stichtag
Die Nachbarpinie des zuletzt umgestürzten Baumes wurde bereits gefällt. Weitere sollen folgen, wie viele genau, ist noch unklar. Die Stadt hat sich den 16. Februar als Datum für die Wiedereröffnung des gesperrten Straßenabschnitts gesetzt. Bis dahin müsse die Sicherheit gewährleistet sein. Mittelfristig werden mehrere Bäume wegen ihres Alters gefällt und durch junge Exemplare ersetzt werden müssen – ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen dürfte.
Die Zeichen für die altehrwürdigen Pinien an der Via dei Fori Imperiali stehen nicht gut. Und doch liegt in dieser Krise auch eine Chance: Wenn Rom es schafft, seinen historischen Baumbestand behutsam zu erneuern, statt ihn einfach zu beseitigen, könnte die Ewige Stadt beweisen, dass Tradition und Zukunft kein Widerspruch sein müssen. Es wäre ein Zeichen, das auch andere europäische Metropolen dringend nötig hätten – in einer Zeit, in der allzu oft das Bewährte leichtfertig über Bord geworfen wird, statt es mit Augenmaß zu pflegen und weiterzuentwickeln.

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