
Trumps Abschiebungsoffensive: Ein Jahr ICE-Bilanz zwischen Erfolg und Eskalation

Was Donald Trump im Wahlkampf versprach, hat er geliefert – zumindest wenn man den Zahlen des US-Heimatschutzministeriums Glauben schenken darf. Ein Jahr nach seinem zweiten Amtsantritt als 47. Präsident der Vereinigten Staaten präsentiert sich die Bilanz der amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE als beispiellos in der Geschichte des Landes. Doch der Preis dieser Politik ist hoch, und die Gesellschaft zeigt tiefe Risse.
Die nackte Wahrheit der Zahlen
Rund 600.000 illegale Migranten sollen im vergangenen Jahr aus den USA abgeschoben worden sein. Eine Zahl, die selbst hartgesottene Kritiker der Trump-Administration zum Schweigen bringen könnte – wenn sie denn stimmt. Allein 230.000 dieser Abschiebungen erfolgten nach Festsetzungen im Landesinneren, wie die New York Times berichtet. Damit übertrifft ein einziges Jahr unter Trump bereits die gesamte Amtszeit seines Vorgängers Joe Biden in dieser Kategorie.
Die Behörde selbst hat sich dabei radikal gewandelt. Von bescheidenen 10.000 Beamten zu Beginn der zweiten Amtszeit wuchs ICE binnen weniger Monate auf über 20.000 Mitarbeiter an. Weitere 10.000 sollen im laufenden Jahr hinzukommen. Eine Verdreifachung der Personalstärke, die den Ernst der Lage verdeutlicht – oder je nach Perspektive die Entschlossenheit der Regierung.
Schwerpunkteinsätze erschüttern amerikanische Großstädte
Chicago, Washington D.C., Minneapolis – die Namen amerikanischer Metropolen werden zunehmend mit spektakulären ICE-Razzien verbunden. Die „Operation Midway Blitz" in Chicago führte zur Festnahme von 4.500 illegalen Migranten. In Florida wurden während der „Operation Tidal Wave" binnen weniger Wochen 1.100 Personen aufgegriffen. Arbeitsplatzkontrollen, Straßensperren, Verkehrskontrollen – das Arsenal der Behörde ist breit gefächert.
Der Effekt an der Grenze selbst ist noch dramatischer: Die Zahl der illegalen Grenzübertritte sank gegenüber 2024 um sagenhafte 93 Prozent. Die Drohkulisse wirkt offenbar. Hinzu kommen 2,2 Millionen sogenannte „Selbstabschiebungen" – Menschen, die freiwillig das Land verlassen haben, teils unterstützt durch staatliche Subventionen. Erstmals seit über 50 Jahren verzeichnen die USA einen Abwanderungsüberschuss von geschätzten 300.000 Menschen.
Eine Politik, die Deutschland sich zum Vorbild nehmen könnte?
Während in den Vereinigten Staaten konsequent durchgegriffen wird, diskutiert man hierzulande noch immer über Abschiebehindernisse und Bleiberechte. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hat zwar härtere Maßnahmen angekündigt, doch von amerikanischen Verhältnissen ist Deutschland meilenweit entfernt. Die Frage drängt sich auf: Braucht es erst einen gesellschaftlichen Kipppunkt, bevor auch in Berlin die Zeichen der Zeit erkannt werden?
Die dunkle Seite der Medaille
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und dieser fällt bei der ICE-Bilanz durchaus beträchtlich aus. 32 Menschen starben im vergangenen Jahr in Gewahrsam der Behörde, meist durch Krankheiten oder Suizid. Kritiker werfen der Regierung vor, die Unterbringungsbedingungen seien menschenunwürdig und hätten einige dieser Todesfälle erst verursacht.
Mehrfach kam es zu tödlichen Schüssen durch ICE-Beamte. Die jüngsten Vorfälle in Minneapolis, bei denen die Anti-ICE-Aktivisten Renée Good und Alex Pretti ums Leben kamen, haben die Debatte erneut entfacht. In drei Fällen wurden 2025 Tötungen durch ICE als umstritten eingestuft – in allen Fällen wurde jedoch erfolgreich auf Selbstverteidigung plädiert. Ein Muster, das Kritiker als systematische Straflosigkeit brandmarken.
Gewalt gegen die Behörde eskaliert
Die Gegenseite bleibt indes nicht untätig. 275 gewalttätige Angriffe auf ICE-Beamte wurden seit Trumps Amtsantritt bis Ende des vergangenen Jahres registriert. Hinzu kommen 66 Attacken mit Fahrzeugen. Der mutmaßlich linksextreme Joshua Jahn eröffnete im September vom Dach eines Hauses in Dallas das Feuer auf eine ICE-Einrichtung – und tötete dabei ironischerweise zwei internierte illegale Migranten statt der anvisierten Beamten, bevor er sich selbst das Leben nahm.
In Minneapolis erreichte die Eskalation einen neuen Höhepunkt. Eine Demonstrantin biss einem Grenzschutzbeamten den Finger ab. Der Schlachtruf der Protestierenden lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Rette ein Leben – töte einen ICE-Beamten!" Verwüstete Innenstädte, mexikanische Fahnen, tagelange Blockaden – das Bild erinnert an Bürgerkriegszustände.
Ein gespaltenes Land
Die Vereinigten Staaten stehen vor einem Scheideweg. Trumps Migrationspolitik polarisiert wie kaum ein anderes Thema. Für seine Anhänger ist sie die längst überfällige Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Für seine Gegner der Beginn einer autoritären Ära. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen – doch die Gräben werden tiefer.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass konsequentes Handeln in der Migrationspolitik möglich ist – wenn der politische Wille vorhanden ist. Ob der Preis dafür angemessen ist, darüber wird die Geschichte urteilen. Eines jedoch steht fest: Die Zeiten des Wegschauens und der Symbolpolitik sind in den USA vorbei. Eine Lektion, die auch in Berlin gehört werden sollte.

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