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Deutschland verliert einen seiner letzten großen Universalgelehrten: Alexander Kluge ist tot

Mit Alexander Kluge ist einer jener seltenen Geister von uns gegangen, die man getrost als letzte Vertreter einer aussterbenden Spezies bezeichnen darf: des deutschen Universalintellektuellen. Der Filmemacher, Schriftsteller, Jurist und Fernsehpionier verstarb im Alter von 94 Jahren, wie sein langjähriger Verlag Suhrkamp unter Berufung auf die Familie mitteilte.

Ein Leben zwischen Gerichtssaal und Kinoleinwand

1932 im sachsen-anhaltinischen Halberstadt geboren – einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstört wurde –, studierte Kluge Jura, Geschichte und Kirchenmusik. Er promovierte und arbeitete zunächst als Rechtsanwalt. Doch das Recht allein konnte diesen rastlosen Geist nicht fesseln. Sein Weg führte ihn zur Frankfurter Schule, in den intellektuellen Dunstkreis Theodor W. Adornos, und von dort weiter zum legendären Regisseur Fritz Lang. Es war eine Lehrzeit, die Kluges gesamtes späteres Schaffen prägen sollte.

1962 gehörte er zu jenen jungen Filmemachern, die mit dem berühmten „Oberhausener Manifest" nichts weniger als eine Revolution des deutschen Kinos forderten. „Papas Kino ist tot", hieß es damals – und Kluge war einer derjenigen, die diesen Satz mit Leben füllten. Filme wie „Abschied von gestern" und „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" machten ihn zum wohl einflussreichsten Vertreter des Neuen Deutschen Films.

Vom Autorenkino zum Privatfernsehen

Was Kluge von so vielen seiner Zeitgenossen unterschied, war seine Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden, ohne sich dabei selbst untreu zu werden. Als 1987 das Privatfernsehen in Deutschland aufkam – von vielen Kulturschaffenden als Untergang des Abendlandes beargwöhnt –, gründete Kluge kurzerhand die Produktionsfirma dctp und sicherte sich Sendefenster bei RTL und Sat.1. Während andere Intellektuelle das neue Medium verfluchten, nutzte er es. Pragmatismus gepaart mit Idealismus – eine Kombination, die man sich von so manchem heutigen Kulturschaffenden wünschen würde.

Als Autor machte sich Kluge vor allem durch seine Kurzgeschichten einen Namen, daneben verfasste er wissenschaftliche und philosophische Arbeiten von beachtlicher Tiefe. Bis ins hohe Alter blieb er produktiv. Noch 2024 erschien die gemeinsam mit dem Künstler Anselm Kiefer verfasste Schrift „Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben" – ein Titel, der wie ein Lebensmotto klingt.

Ein Intellektueller alter Schule

Die Liste seiner Auszeichnungen liest sich wie ein Who's Who der deutschen Kulturpreise: der Georg-Büchner-Preis, der Theodor-W.-Adorno-Preis, der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und 2019 der Klopstock-Preis seiner Geburtsstadt Halberstadt. Ehrungen, die das Lebenswerk eines Mannes würdigten, der sich nie in eine Schublade stecken ließ.

Mit Kluges Tod verliert Deutschland einen Intellektuellen, wie es ihn in dieser Vielseitigkeit kaum noch gibt. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten zunehmend von Oberflächlichkeit und ideologischer Verengung geprägt sind, in der Bildung und Tiefgang allzu oft dem schnellen Klick geopfert werden, wirkt sein Vermächtnis wie ein Mahnmal. Kluge verkörperte jene Tradition des deutschen Geisteslebens, die auf Substanz statt auf Schlagzeilen setzte – auf Denken statt auf Empörung. Ob diese Tradition in einer Gesellschaft, die sich zunehmend in identitätspolitischen Grabenkämpfen verliert, noch eine Zukunft hat, darf bezweifelt werden. Umso wichtiger ist es, sich an Männer wie Alexander Kluge zu erinnern.

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