
Deutschlands Teilzeit-Falle: Wenn der Staat den Fleiß bestraft
Fast jeder dritte Beschäftigte in Deutschland arbeitet mittlerweile in Teilzeit – ein Zustand, der unsere ohnehin angeschlagene Volkswirtschaft zusätzlich belastet. Während Bundeskanzler Friedrich Merz seit Monaten gebetsmühlenartig mehr Arbeitseinsatz von den Deutschen fordert, offenbart sich bei genauerer Betrachtung ein systemisches Problem, das die Politik selbst geschaffen hat: Das deutsche Steuersystem bestraft Mehrarbeit auf geradezu groteske Weise.
Das perverse Spiel mit den Steuersätzen
Wirtschafts-Staatssekretärin Gitta Connemann von der CDU bringt nun einen radikalen Vorschlag ins Spiel: Teilzeitjobs sollen künftig nur noch für Eltern und Arbeitnehmer mit pflegebedürftigen Angehörigen möglich sein. Doch greift dieser Ansatz nicht viel zu kurz? Experten von OECD und Steuerzahlerbund haben längst den wahren Übeltäter identifiziert – und er sitzt in Berlin.
Die Zahlen, die Steuerfachmann Matthias Warneke vom Bund der Steuerzahler vorrechnet, sind erschütternd. Bei Vollzeitbeschäftigung zahlt ein Arbeitnehmer oft das Drei- bis Sechsfache dessen an Steuern, was bei Teilzeit fällig wird. Ein konkretes Beispiel verdeutlicht das Dilemma: Ein Beschäftigter mit 25 Euro Stundenlohn, der 20 Wochenstunden arbeitet, verdient 2000 Euro brutto und zahlt darauf lediglich 4,4 Prozent Steuern. Verdoppelt er seine Arbeitszeit auf 40 Stunden, verdoppelt sich zwar sein Bruttolohn auf 4000 Euro – doch seine Steuerlast verdreifacht sich auf satte 13,1 Prozent.
Wer mehr arbeitet, wird vom Staat abgestraft
Noch drastischer fällt die Rechnung bei besser verdienenden Arbeitnehmern aus. Bei einem Stundenlohn von 37 Euro schnellt die Einkommensteuer von 9,8 Prozent bei Teilzeit auf 17,9 Prozent bei Vollzeit hoch. Hinzu kommen noch die Sozialabgaben für Rente, Pflege und Krankenversicherung. Wer sich also entscheidet, mehr zu leisten, wird vom Staat regelrecht bestraft. Eine absurde Situation, die jeden Anreiz zur Mehrarbeit im Keim erstickt.
Steuerzahler-Chef Reiner Holznagel bringt es auf den Punkt:
„Wir brauchen dringend eine Steuerreform! Nur so haben die Leute mehr Lust auf Arbeit."CSU-Chef Markus Söder fordert steuerliche Anreize, um die Teilzeit-Quote zu senken. Die OECD geht noch weiter und verlangt ein Ende der Minijobs sowie des Ehegattensplittings.
Die Frauenfrage: Zwischen Kinderbetreuung und Karriere
Besonders auffällig ist die geschlechtsspezifische Verteilung: Während nur 12 Prozent der Männer in Teilzeit arbeiten, sind es bei den Frauen erschreckende 49 Prozent. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge bezeichnet es als „Unverschämtheit", Teilzeit als Luxus abzustempeln. Für viele Frauen sei es schlicht die einzige Möglichkeit, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.
Doch hier offenbart sich ein weiteres Versäumnis der Politik: Jahrzehntelang wurde der Ausbau von Kinderbetreuung und Pflegeplätzen verschlafen. Statt die Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Menschen tatsächlich mehr arbeiten könnten, wird nun mit dem Finger auf die Beschäftigten gezeigt. Eine typisch deutsche Lösung – das Problem wird bei den Bürgern abgeladen, während die Politik ihre Hausaufgaben nicht macht.
Ein System, das Leistung bestraft
Die Debatte um Teilzeit ist symptomatisch für den Zustand unseres Landes. Ein Steuersystem, das Fleiß bestraft, eine marode Infrastruktur bei Kinderbetreuung und Pflege, und eine Politik, die lieber Verbote ausspricht als echte Anreize schafft. Solange sich an diesen grundlegenden Missständen nichts ändert, werden die Appelle aus dem Kanzleramt verhallen. Die Deutschen arbeiten nicht zu wenig, weil sie faul sind – sie arbeiten zu wenig, weil sich mehr schlicht nicht lohnt.

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