
Europas strategische Selbstaufgabe: Wie der alte Kontinent zum geopolitischen Statisten verkommt
Die 62. Münchner Sicherheitskonferenz trug den bezeichnenden Titel „Under Destruction" – und selten war ein Konferenzmotto so schmerzhaft treffend. Was Mitte Februar 2026 im Bayerischen Hof verhandelt wurde, glich weniger einer Strategiedebatte als vielmehr einer Trauerfeier. Beerdigt wurde jene Weltordnung, die Europa über Jahrzehnte Wohlstand, Sicherheit und die bequeme Illusion garantierte, man könne sich hinter amerikanischen Sicherheitsgarantien verstecken und gleichzeitig moralische Überlegenheit beanspruchen. Diese Zeiten sind unwiderruflich vorbei.
Merz diagnostiziert – aber wo bleibt die Therapie?
Bundeskanzler Friedrich Merz hielt eine Grundsatzrede, die man als schonungslose Bestandsaufnahme bezeichnen könnte. Er sprach von Abhängigkeiten, von Versäumnissen, von der dringenden Notwendigkeit europäischer Eigenständigkeit. Es war eine Rede, die Probleme mit chirurgischer Präzision sezierte. Doch was fehlte – und das ist symptomatisch für die europäische Misere –, war ein konkreter Therapieplan. Diagnose ohne Behandlung: Das ist Europas Krankheit in einer Nussschale.
Denn während Merz noch die richtigen Worte suchte, haben andere Großmächte längst Fakten geschaffen. China baut seit über einem Jahrzehnt systematisch an seiner geoökonomischen Architektur. Die USA unter Donald Trump haben die transatlantische Partnerschaft endgültig zur nüchternen Geschäftsbeziehung degradiert. Selbst Russland, das mit seinem völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine jede moralische Autorität verspielt hat, positioniert sich geschickter in der neuen multipolaren Ordnung als der gesamte europäische Kontinent zusammen.
Pekings geduldiges Schachspiel
Wer verstehen möchte, was strategische Weitsicht bedeutet, der muss nach Peking blicken. Als Xi Jinping 2013 die Neue Seidenstraße verkündete, belächelten westliche Beobachter das Vorhaben als überdimensioniertes Infrastrukturprojekt. Dreizehn Jahre später erstreckt sich ein Netzwerk von den Häfen Pakistans bis zu den Bahnhöfen Duisburgs – und Europa hat immer noch nicht begriffen, dass derjenige, der die Infrastruktur baut, auch die Spielregeln diktiert.
Chinas Außenminister Wang Yi nutzte die Münchner Bühne, um diese Vision zu untermauern. Seine Botschaft war unmissverständlich: Sowohl China als auch Europa seien „unverzichtbare Pole" in einer multipolaren Welt. Der entscheidende Unterschied? Peking weiß genau, was es mit dieser Multipolarität anfangen will. Europa sucht noch nach seiner Rolle – wie ein Schauspieler, der auf der Bühne steht und sein Textbuch verloren hat.
Die Zahlen der BRICS-Staaten sprechen dabei eine Sprache, die man in Brüssel offenbar nicht hören will. Die Neue Entwicklungsbank verwaltet mittlerweile ein Portfolio von über 90 Projekten im Volumen von rund 30 Milliarden US-Dollar. Währungsswap-Abkommen zwischen China und Brasilien, Rupie-Rubel-Geschäfte für russisches Öl – Schritt für Schritt wird die Dominanz des Dollars unterhöhlt. Und Europa? Europa schaut zu.
Trumps Amerika: Partner war gestern, Geschäftspartner ist heute
Wenn China der geduldige Stratege ist, dann sind die Vereinigten Staaten unter Donald Trump der ungeduldige Geschäftsmann, der jeden Deal nach seinem unmittelbaren Nutzen bewertet. US-Außenminister Marco Rubio kam nach München mit einer Botschaft von bestechender Klarheit: America first – der Rest verhandelt. Seine Rede war ein Meisterwerk diplomatischer Doppelbödigkeit. Er beschwor die transatlantische Allianz und machte im selben Atemzug klar, dass diese Allianz künftig ausschließlich auf amerikanischen Bedingungen basieren werde.
Migration, Energiepolitik, Verteidigungsausgaben – alles wurde zur Verhandlungsmasse erklärt. Die regelbasierte internationale Ordnung, jahrzehntelang amerikanisches Mantra, degradierte Rubio zur verhandelbaren Größe. Für Europa bedeutet dies einen fundamentalen Paradigmenwechsel, den viele in Berlin, Paris und Brüssel noch immer nicht wahrhaben wollen: Die transatlantische Partnerschaft, auf der die europäische Sicherheitsarchitektur seit 1945 ruht, ist zur reinen Geschäftsbeziehung geworden. Und in Geschäftsbeziehungen gilt ein ehernes Gesetz: Wer nichts zu bieten hat, zahlt drauf.
Man mag Trumps Stil kritisieren, seine Zollpolitik mit 20 Prozent auf EU-Importe als wirtschaftlichen Vandalismus brandmarken – doch eines muss man ihm zugestehen: Er verfolgt eine klare Strategie. Das ist mehr, als man von Europa behaupten kann.
Indiens Meisterklasse in strategischer Flexibilität
Besonders beschämend für Europa ist der Vergleich mit Indien. Neu-Delhi hat die Kunst des Sowohl-als-auch perfektioniert. Indiens Außenminister Jaishankar sprach in München von „strategischer Autonomie" – ein Begriff, der in europäischen Ohren vertraut klingt, in der indischen Praxis aber eine völlig andere Bedeutung hat. Indien kauft russisches Öl und pflegt gleichzeitig die Partnerschaft mit Washington. Es sitzt in den BRICS und trifft sich mit den G7. Es fordert die Reform des UN-Sicherheitsrats und arbeitet pragmatisch mit allen Vetomächten zusammen.
Neu-Delhi hat begriffen, was Berlin noch lernen muss: In einer multipolaren Welt ist Flexibilität keine Schwäche, sondern die ultimative Stärke. Während Deutschland auf die Reform bestehender Institutionen fixiert bleibt – Institutionen, deren Reformierbarkeit mit jedem Tag fraglicher wird –, gestalten Indien und Brasilien als BRICS-Mitglieder bereits alternative Strukturen aktiv mit.
Europas verlorene Jahrzehnte
Um das ganze Ausmaß des europäischen Versäumnisses zu begreifen, muss man über ein Vierteljahrhundert zurückblicken. Im September 2000 versammelten sich 149 Staats- und Regierungschefs zum Millennium Summit der Vereinten Nationen. Es war ein Moment des Optimismus. Der Kalte Krieg war Geschichte, die Globalisierung versprach Wohlstand für alle.
Und was tat Europa mit diesen goldenen Jahren? Es verlor sich in internen Debatten. Während China die Belt and Road Initiative aufbaute, stritten Europäer über Haushaltsregeln und Grenzwerte. Während die BRICS-Staaten alternative Finanzinstitutionen schufen, machte sich Europa sehenden Auges von russischem Gas und chinesischen Lieferketten abhängig. Man muss es so deutlich sagen: Europa hat zwei Jahrzehnte strategischer Möglichkeiten schlicht verschlafen.
Die Verantwortung dafür tragen nicht zuletzt jene politischen Kräfte, die Europa jahrelang mit ideologischen Nebenschauplätzen beschäftigt hielten, statt sich um die wirklich existenziellen Fragen zu kümmern. Während in Brüssel über Genderrichtlinien und immer neue Regulierungen debattiert wurde, bauten andere Mächte systematisch an ihrer Position in der neuen Weltordnung. Die Prioritäten waren – gelinde gesagt – falsch gesetzt.
Was Europa fehlt – und warum es so schwer wiegt
Die Defizite sind so offensichtlich wie schmerzhaft. Europa fehlt eine gemeinsame strategische Kultur. Nationale Reflexe – französischer Grandeur, deutsche Exportfixierung, osteuropäische Sicherheitsängste – überlagern jede europäische Gesamtstrategie. Was als „strategische Autonomie" diskutiert wird, bleibt hohle Rhetorik ohne operative Substanz.
Europa fehlt die institutionelle Fähigkeit zur schnellen Entscheidung. Während China per Dekret voranschreitet und die USA unter Trump per Executive Order regieren, braucht Europa Jahre für jeden Richtungswechsel. Die Einstimmigkeitsregel in der Außenpolitik ist keine Schutzgarantie nationaler Souveränität – sie ist eine Garantie der Handlungsunfähigkeit.
Und Europa fehlt ein Narrativ, das begeistert. China bietet den „Chinesischen Traum", Amerika „Make America Great Again", selbst Russland hat seine „Russische Welt". Europa hat die „regelbasierte Ordnung" – ein Konzept, das so inspirierend ist wie eine Bedienungsanleitung für einen Geschirrspüler. Und dessen Regeln werden zunehmend von anderen geschrieben.
Die entscheidende Frage: Macht als Instrument akzeptieren
Am schwersten wiegt vielleicht Europas Weigerung, Macht als legitimes Instrument der Politik zu akzeptieren. Jahrzehntelang konnte sich der Kontinent hinter amerikanischen Garantien verstecken und gleichzeitig den moralischen Zeigefinger erheben. Diese komfortable Position existiert nicht mehr. In einer multipolaren Welt muss Europa entweder Macht projizieren oder irrelevant werden. Einen dritten Weg gibt es nicht.
Ist die EU bereit, eine gemeinsame Armee aufzubauen – nicht in zehn Jahren, sondern jetzt? Ist Deutschland bereit, seine Exportinteressen geopolitischen Notwendigkeiten unterzuordnen? Die ehrliche Antwort auf diese Fragen lautet wahrscheinlich: nein.
Vom Museum zum Akteur – oder eben nicht
Europa besitzt theoretisch alles, was es bräuchte: die größte Wirtschaftsleistung der Welt, wenn man die EU als Einheit betrachtet, technologische Exzellenz in vielen Bereichen, Soft Power, um die andere Mächte es beneiden. Doch Potenzial ist keine Politik. Und die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 hat schonungslos offengelegt, dass Europa sein Potenzial nicht in Handlungsfähigkeit übersetzt hat.
Der Kontinent steht am Straßenrand und schaut der Karawane nach. Die Alternative zur strategischen Neuausrichtung ist nicht der Untergang – aber die Bedeutungslosigkeit. In einer Welt, die von China, Amerika und aufstrebenden Mächten gestaltet wird, könnte Europa zum Museum seiner eigenen Geschichte werden. Schön anzusehen, kulturell bereichernd, aber ohne jeden Einfluss auf die Gegenwart.
Das wäre die eigentliche „Destruction": nicht die Zerstörung durch äußere Feinde, sondern die Selbstmarginalisierung durch strategische Untätigkeit. Gerade für Deutschland, das als wirtschaftliches Kraftzentrum Europas eine besondere Verantwortung trägt, wäre dies ein verheerendes Zeugnis. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hat die Probleme erkannt – nun muss sie beweisen, dass sie auch den Mut hat, die unbequemen Antworten zu geben. Die Zeit des Zögerns ist abgelaufen.
In Zeiten geopolitischer Unsicherheit und einer sich rapide verändernden Weltordnung erscheint es umso wichtiger, das eigene Vermögen breit aufzustellen. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber haben sich über Jahrhunderte als verlässlicher Wertspeicher bewährt – gerade dann, wenn politische Strukturen ins Wanken geraten und Währungssysteme unter Druck stehen. Als Beimischung in einem diversifizierten Portfolio können sie einen wichtigen Beitrag zur Vermögenssicherung leisten.
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Jede Anlageentscheidung sollte auf Basis eigener Recherche und gegebenenfalls nach Rücksprache mit einem qualifizierten Finanzberater getroffen werden. Für Verluste, die aus der Umsetzung der hier dargestellten Informationen entstehen, übernehmen wir keinerlei Haftung.
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