
Flucht aus dem Gründerland: Jedes zweite Start-up würde Deutschland den Rücken kehren
Es ist ein Befund, der wie ein Faustschlag ins Gesicht der deutschen Wirtschaftspolitik wirkt: Nur noch die Hälfte aller befragten Tech-Start-ups würde sich heute erneut für Deutschland als Gründungsstandort entscheiden. Die andere Hälfte – und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – bereut offenbar, ausgerechnet in der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt ihr unternehmerisches Wagnis eingegangen zu sein. Was der Digitalverband Bitkom in seiner jüngsten Umfrage unter 133 Technologieunternehmen zutage fördert, ist nichts weniger als ein Armutszeugnis für den Standort Deutschland.
Ein Land, das seine Innovatoren vergrault
Die Zahlen sprechen eine unmissverständliche Sprache. Jeder fünfte Gründer würde rückblickend lieber in einem anderen EU-Land starten, elf Prozent zöge es sogar gänzlich aus Europa fort. Bemerkenswert dabei: Selbst die USA unter Donald Trump gelten nur für magere sieben Prozent als attraktive Alternative – was weniger für die Stärke Deutschlands spricht als vielmehr für die globale Verunsicherung, die derzeit alle Märkte erfasst hat.
Was treibt junge, ambitionierte Unternehmer zu solch vernichtenden Urteilen? Die Antwort ist so vorhersehbar wie deprimierend: schwache Konjunktur, fehlendes Wagniskapital und ein Bürokratiedschungel, der selbst den enthusiastischsten Gründergeist zu ersticken vermag. Deutschland hat es in den vergangenen Jahren mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit geschafft, die Rahmenbedingungen für Innovation systematisch zu verschlechtern. Während andere Länder rote Teppiche für ihre Start-ups ausrollen, legt die deutsche Verwaltung ihnen Steine in den Weg – und zwar tonnenschwere.
Wagniskapital: Deutschland im europäischen Keller
Besonders entlarvend sind die Zahlen zur Risikokapitalfinanzierung. In den Vereinigten Staaten flossen 2025 pro Kopf mehr als 700 Euro in junge Unternehmen. Großbritannien brachte es auf fast 300 Euro, selbst Frankreich – das man in wirtschaftlichen Belangen gerne belächelt – kam auf über 100 Euro. Und Deutschland? Nicht einmal 90 Euro pro Kopf. Das einstige Land der Dichter und Denker, der Ingenieure und Erfinder, schafft es nicht, seinen innovativsten Köpfen auch nur annähernd vergleichbare finanzielle Rückendeckung zu geben.
Die Konsequenzen sind gravierend. Wer in der Frühphase noch irgendwie an Kapital kommt, steht bei der entscheidenden Skalierung vor verschlossenen Türen. Heimische Investoren fehlen bei großen Finanzierungsrunden fast vollständig, weshalb deutsche Start-ups gezwungen sind, sich an ausländische Geldgeber zu wenden. Das bedeutet im Klartext: Die Wertschöpfung, die hierzulande entsteht, fließt am Ende in fremde Taschen ab. Ein Trauerspiel.
Insolvenzgefahr und stagnierende Geschäftslage
Die wirtschaftliche Realität der Branche gleicht einem Minenfeld. Zwar berichten 35 Prozent der befragten Firmen von einer Verbesserung ihrer Geschäftslage im vergangenen Jahr – doch ebenso viele sehen eine Verschlechterung. Das restliche Drittel verharrt im Stillstand. Noch alarmierender: Etwa jedes elfte Unternehmen fürchtet, innerhalb der nächsten zwölf Monate in die Insolvenz zu rutschen. Und der Blick nach vorn? Nur 19 Prozent erwarten für 2026 bessere Rahmenbedingungen, während satte 37 Prozent eine weitere Verschlechterung prognostizieren.
Politisches Versagen mit Ansage
Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst bringt es auf den Punkt: Viele Start-ups kämpften mit der schwierigen konjunkturellen Lage. Er fordere besseren Zugang zu öffentlichen Aufträgen, weniger Regulierung und mehr Möglichkeiten zur Datennutzung. Forderungen, die man seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholt – und die ebenso regelmäßig im politischen Nirwana verschwinden.
Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, wohin diese Entwicklung führt. Deutschland hat über Jahre hinweg ein durchaus wettbewerbsfähiges Start-up-Ökosystem aufgebaut – nur um es nun durch politische Untätigkeit, überbordende Regulierung und eine geradezu pathologische Risikoaversion systematisch zu untergraben. Die neue Große Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz hätte die historische Chance, hier gegenzusteuern. Doch angesichts eines 500-Milliarden-Euro-Sondervermögens, das vor allem in Infrastruktur fließen soll, und einer im Grundgesetz verankerten Klimaneutralität bis 2045 darf man bezweifeln, ob für die Belange junger Technologieunternehmen noch genügend politische Energie übrig bleibt.
Was Deutschland braucht, ist kein weiteres Förderprogramm und kein neuer Bürokratieabbau-Beauftragter. Was dieses Land braucht, ist ein fundamentaler Mentalitätswandel: weg von der Verwaltung des Bestehenden, hin zum Mut, Neues zu wagen. Solange Gründer in diesem Land mehr Zeit mit Formularen als mit Innovationen verbringen, wird sich an der traurigen Bilanz dieser Umfrage nichts ändern. Und die klügsten Köpfe werden weiterhin mit den Füßen abstimmen – gegen Deutschland.
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