
Indien zählt durch: Drei Millionen Beamte erfassen die größte Bevölkerung der Welt
Was in Deutschland schon bei der Erfassung von 84 Millionen Bürgern regelmäßig zu bürokratischen Verwerfungen führt, nimmt in Indien geradezu titanische Ausmaße an: Mehr als drei Millionen Staatsbeamte werden sich ein ganzes Jahr lang der Aufgabe widmen, jeden einzelnen Menschen im bevölkerungsreichsten Land der Erde zu zählen. Ein Mammutprojekt, das ursprünglich bereits 2021 hätte stattfinden sollen – doch die COVID-19-Pandemie machte dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung.
Ein Zensus der Superlative
Am 1. April startete die alle zehn Jahre stattfindende Volkszählung mit einem kurzen Zeitfenster, in dem sich Bürger zunächst online registrieren können. Anschließend folgen zwei Phasen physischer Tür-zu-Tür-Befragungen, wie der indische Zensuskommissar Mritunjay Kumar Narayan erklärte. In der ersten Phase würden Häuser und Wohnverhältnisse erfasst, in der zweiten die Bewohner selbst – mitsamt ihren wirtschaftlichen und sozialen Parametern. Erstmals soll die gesamte Datenerhebung digital erfolgen, was eine schnellere Veröffentlichung der Ergebnisse ermöglichen dürfte.
Mit über 1,4 Milliarden Einwohnern hat Indien laut dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen bereits 2023 China als bevölkerungsreichstes Land der Erde überholt. Doch anders als man vermuten könnte, sehen Analysten und Ökonomen die schiere Größe der indischen Bevölkerung keineswegs als Alarmsignal. Im Gegenteil.
Jugend als wirtschaftlicher Trumpf – ein Modell, von dem Europa nur träumen kann
Die indische Regierung betrachtet ihre überwiegend junge Bevölkerung seit Langem als strategischen Vorteil. Während zahlreiche westliche Industrienationen – allen voran Deutschland – mit schrumpfenden und überalternden Gesellschaften kämpfen, verfügt Indien über das Potenzial, einen gewaltigen Pool qualifizierter Arbeitskräfte aufzubauen. Ein Luxusproblem, das man hierzulande nur zu gerne hätte, statt sich mit Fachkräftemangel und einer Rentenkasse am Abgrund herumzuschlagen.
Es ist ein bemerkenswerter Kontrast: Während Deutschland seine demographische Krise mit unkontrollierter Migration zu lösen versucht – mit allen bekannten gesellschaftlichen Verwerfungen –, sitzt Indien auf einem natürlichen demographischen Schatz. Die Frage ist freilich, ob das Subkontinent-Land dieses Potenzial auch tatsächlich heben kann.
Kastenzählung sorgt für hitzige Debatte
Besondere Brisanz erhält der Zensus durch die Entscheidung, auch Kastendetails zu erfassen. Das starre soziale Schichtungssystem, das Jahrtausende zurückreicht, durchdringt das indische Leben und die Politik bis heute. Es gibt unzählige kastenbasierte politische Parteien, und viele staatliche Institutionen sind verpflichtet, den sogenannten niedrigeren Kasten Quoten bei Arbeitsplätzen und Studienplätzen einzuräumen.
Die Befürworter der Kastenerfassung betonen die Notwendigkeit belastbarer Daten, um staatliche Hilfen gezielt an Bedürftige zu verteilen. Kritiker hingegen argumentieren, dass die Kategorisierung nach Kasten keinen Platz in einem Land habe, das den Anspruch erhebe, eine globale Großmacht zu werden. Bereits 2011 hatte Indien erstmals seit 80 Jahren Kastendaten erhoben – die Ergebnisse wurden jedoch wegen Zweifeln an ihrer Genauigkeit nie vollständig veröffentlicht.
Abschluss bis März 2027 geplant
Der Zensus soll voraussichtlich im kommenden März abgeschlossen sein. Narayan kündigte an, dass mehrere Datensätze dank der erstmaligen digitalen Erfassung zeitnah nach Abschluss veröffentlicht würden. Ob Indien die logistische Herausforderung meistert, 1,4 Milliarden Menschen lückenlos zu erfassen, wird sich zeigen. Eines steht jedoch fest: Ein Land, das seine Bevölkerung als Chance und nicht als Last begreift, hat in der globalisierten Welt einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Eine Lektion, die man auch in Berlin dringend beherzigen sollte.
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