
Irans Chefdiplomat Araqchi: Der Teppichhändler-Sohn, der einen Atomkrieg verhindern soll
Während sich amerikanische Streitkräfte im Nahen Osten in bedrohlicher Weise zusammenziehen und die Uhr unerbittlich tickt, ruhen die Hoffnungen auf eine diplomatische Lösung des iranischen Atomstreits auf den Schultern eines Mannes, der das Verhandeln buchstäblich in die Wiege gelegt bekam. Abbas Araqchi, Irans Außenminister seit 2024, Sohn eines Teppichhändlers aus Isfahan, vergleicht die iranische Verhandlungskunst mit dem Feilschen auf dem Basar – ein Prozess, der „Geduld und viel Zeit" erfordere.
Doch genau diese Zeit könnte ihm diesmal fehlen.
Ein Veteran der Diplomatie vor seiner größten Bewährungsprobe
Araqchi ist kein Unbekannter auf dem internationalen Parkett. Er spielte bereits eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen, die 2015 zum historischen Atomabkommen zwischen dem Iran und den Weltmächten führten – jenem Abkommen, das Donald Trump 2018 in seiner ersten Amtszeit einseitig aufkündigte. Nun, da Trump als 47. Präsident ins Weiße Haus zurückgekehrt ist und mit militärischen Konsequenzen droht, steht Araqchi vor der wohl kritischsten Verhandlung seiner jahrzehntelangen Karriere.
Westliche Diplomaten, die in den damaligen Gesprächen mit ihm am Tisch saßen, beschreiben ihn als ernsthaft, technisch versiert und geradlinig. Politische Insider in Teheran betonen, er genieße das volle Vertrauen des Obersten Führers Ayatollah Ali Khamenei – eine Voraussetzung, ohne die in der Islamischen Republik keine Verhandlung von Bedeutung geführt werden kann. Manche bezeichnen ihn gar als einen der mächtigsten Außenminister, die das Land je hatte.
Vom Revolutionsgardisten zum Meisterdiplomaten
Die Biographie Araqchis liest sich wie ein Spiegelbild der turbulenten iranischen Geschichte der letzten Jahrzehnte. 1962 in Teheran in eine wohlhabende religiöse Kaufmannsfamilie hineingeboren, war er gerade 17 Jahre alt, als die Islamische Revolution 1979 das Land erfasste. Wie so viele junge Iraner jener Zeit ließ er sich von der revolutionären Euphorie mitreißen und meldete sich freiwillig bei den Revolutionsgarden, um im verheerenden Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988 zu kämpfen.
Nach dem Krieg schlug er einen völlig anderen Weg ein. 1989 trat er dem Außenministerium bei, diente als Botschafter in Finnland und Japan, promovierte an der britischen University of Kent in Politikwissenschaft und wurde 2013 zum stellvertretenden Außenminister ernannt. Ein Mann also, der sowohl die Sprache des Schlachtfelds als auch die der Diplomatie beherrscht – und der offenbar weiß, wann welche angebracht ist.
Die Weisheit des Basars – und ihre Grenzen
In seinem 2024 erschienenen Buch „Die Macht der Verhandlung" reflektiert Araqchi über die iranische Verhandlungskultur. Er beschreibt, wie der iranische Stil gemeinhin als „Stil des Basars" bezeichnet werde – ein beharrliches, unermüdliches Feilschen. In einer Fußnote erinnert er sich liebevoll an das Verhandlungsgeschick seiner verstorbenen Mutter. Doch er warnt auch vor Übermut: „Wenn man Schnee unter der Sonne verkauft, ist zu viel Feilschen ein Verlust", schreibt er – eine Metapher, die angesichts der aktuellen Lage geradezu prophetisch anmutet.
Trump erhöht den Druck – Araqchi bleibt gelassen
Die Ausgangslage könnte kaum angespannter sein. Erst vor acht Monaten bombardierten US-Streitkräfte iranische Nuklearanlagen – ein beispielloser Eskalationsschritt. Trump äußerte in seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation unverhohlen seine Frustration über den schleppenden Verhandlungsfortschritt: Die Iraner wollten zwar einen Deal, aber man habe jene entscheidenden Worte noch nicht gehört – „Wir werden niemals eine Atomwaffe besitzen." Der Iran hat stets bestritten, nach der Atombombe zu streben.
Araqchi gibt sich demonstrativ unbeeindruckt. In einem Interview mit CBS News erklärte er am Sonntag, er sehe nach wie vor gute Chancen für „eine diplomatische Lösung auf Basis eines Win-Win-Spiels". Den militärischen Aufmarsch der USA kommentierte er mit bemerkenswerter Kühle: Dieser könne den Iran „nicht unter Druck setzen".
Ob diese Gelassenheit taktisches Kalkül oder genuine Überzeugung ist, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Welt steht an einem gefährlichen Scheideweg. Ein Scheitern der Verhandlungen könnte eine militärische Eskalation auslösen, deren Folgen weit über den Nahen Osten hinaus zu spüren wären – an den Energiemärkten, an den Börsen und nicht zuletzt bei den Edelmetallpreisen, die in Krisenzeiten traditionell als sicherer Hafen fungieren.
Ein Drahtseilakt zwischen allen Lagern
Was Araqchi von vielen seiner Vorgänger unterscheidet, ist seine bemerkenswerte Fähigkeit, sich aus den internen Machtkämpfen der Islamischen Republik herauszuhalten. Ein hochrangiger iranischer Beamter beschreibt ihn als jemanden, der sich von „politischen Scharmützeln und Grabenkämpfen" zwischen den verschiedenen Fraktionen fernhalte. Er pflege gute Beziehungen sowohl zum Obersten Führer als auch zu den Revolutionsgarden und allen politischen Lagern im Iran – ein Kunststück, das in der zerklüfteten politischen Landschaft Teherans alles andere als selbstverständlich ist.
Dieser überparteiliche Ruf dürfte ihm in den kommenden Wochen zugutekommen. Denn jede Vereinbarung, die er mit Washington aushandelt, muss letztlich von Khamenei abgesegnet werden. Und die Geschichte hat gezeigt, dass selbst vielversprechende Abkommen – wie jenes von 2015 – an der Unberechenbarkeit der beteiligten Akteure scheitern können.
Europa als stiller Zuschauer
Für Europa und insbesondere für Deutschland hat der Ausgang dieser Verhandlungen erhebliche Bedeutung. Eine weitere Eskalation im Nahen Osten würde die ohnehin fragile Energieversorgung des Kontinents zusätzlich belasten und die Inflation weiter anheizen – ein Szenario, das sich die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz angesichts des bereits beschlossenen 500-Milliarden-Euro-Sondervermögens kaum leisten kann. Dass Berlin in dieser Frage praktisch keine eigenständige Rolle spielt, sondern als stiller Zuschauer am Rand steht, spricht Bände über den außenpolitischen Bedeutungsverlust Deutschlands.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Sohn des Teppichhändlers aus Isfahan tatsächlich den Deal seines Lebens einfädeln kann – oder ob die Welt auf eine weitere militärische Konfrontation zusteuert, deren Konsequenzen noch Generationen beschäftigen dürften. In Zeiten solcher geopolitischer Unsicherheit dürfte physisches Gold einmal mehr seiner Rolle als ultimativer Krisenschutz gerecht werden.

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