
LNG-Ausbau auf Rügen: Milliardenprojekt trotz leerer Auftragsbücher?

Während die Nachfrage nach amerikanischem Flüssiggas auf dem europäischen Markt dramatisch einbricht, plant die Deutsche ReGas einen massiven Ausbau ihrer Terminalkapazitäten auf der Ostseeinsel Rügen. Ein Vorhaben, das angesichts der aktuellen Marktlage mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert.
Ambitionierte Pläne trotz magerer Auslastung
Das Unternehmen kündigte am Donnerstag an, die von der Bundesnetzagentur genehmigte Terminalkapazität von 13,5 Milliarden Kubikmetern Erdgas wiederherstellen zu wollen. Zusätzlich sollen bis zu zwei Milliarden Kubikmeter pro Jahr an Regasifizierungskapazitäten für den Zeitraum von 2028 bis 2043 angeboten werden. Die Unternehmensführung spricht von einer „starken Wahrnehmung des Terminals im Markt" und verspricht erhöhte Versorgungssicherheit für Deutschland und Europa.
Doch die nackten Zahlen erzählen eine völlig andere Geschichte. Nach Auswertungen der Deutschen Umwelthilfe war das Terminal auf Rügen im vergangenen Jahr lediglich zu 48 Prozent ausgelastet – damit bildet es das absolute Schlusslicht unter den deutschen LNG-Anlagen. Wie passt das zusammen mit den großspurigen Erweiterungsplänen?
Amerikanisches Fracking-Gas dominiert den Markt
Besonders brisant erscheint die Herkunft des importierten Flüssiggases. Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, legte erschreckende Zahlen vor: 96 Prozent des nach Deutschland gelieferten LNG stammten im vergangenen Jahr aus den Vereinigten Staaten. Die Lieferungen aus Übersee seien im Vergleich zum Vorjahr um satte 60 Prozent gestiegen – von 65 Terawattstunden in 2024 auf 101 Terawattstunden in 2025.
„Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Fracking-Gas, das besonders klimaschädlich ist."
Man muss kein Umweltaktivist sein, um hier einen gewissen Widerspruch zur offiziellen deutschen Klimapolitik zu erkennen. Während die Bundesregierung den Bürgern immer neue Lasten im Namen des Klimaschutzes aufbürdet, wird gleichzeitig massenhaft eines der umstrittensten fossilen Energieprodukte importiert.
Griechisches Debakel als Warnsignal
Die Erweiterungspläne auf Rügen kommen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Bei der jüngsten Kapazitätsauktion für den sogenannten Vertikalen Gaskorridor in Griechenland ging lediglich ein einziges Gebot ein – für gerade einmal 0,1 Prozent der verfügbaren Menge. Im Dezember hatte sich überhaupt kein Interessent gemeldet. Das Marktinteresse am Transport von US-Flüssiggas durch Südosteuropa tendiert praktisch gegen null.
Der Vertikale Korridor, einst als ambitioniertes Projekt zur Ablösung russischen Gases durch amerikanisches LNG gefeiert, erweist sich als wirtschaftliches Fiasko. Die griechische Zeitung Kathimerini bringt das Problem auf den Punkt: Trotz gesenkter Transitgebühren bleibt der Korridor teurer als alternative Routen über Polen, Ungarn und die Slowakei. Die geografische Nähe dieser Länder zur Ukraine und ihr diversifizierter Gasmix führen zu deutlich niedrigeren Transportkosten.
EU-Bürokratie blockiert eigene Energieprojekte
Besonders pikant mutet die Rolle der Europäischen Union in diesem Energiepoker an. Obwohl Brüssel den Vertikalen Korridor offiziell zu einem der acht prioritären Energiekorridore für die europäische Energiesicherheit erklärt hat, leistet die EU laut griechischen Medienberichten keine praktische Unterstützung. Stattdessen prüfe man derzeit, ob die Auktionsergebnisse gegen europäische Vorschriften verstoßen – auf Beschwerden von Händlern hin, hinter denen der griechische Markt die Konkurrenz durch mitteleuropäische Korridore vermutet.
Die griechische Regierung und lokale Marktteilnehmer sind sich einig: Ohne massive Subventionen wird der vertikale Gaskorridor nicht wettbewerbsfähig sein, solange russisches Gas auf dem europäischen Markt präsent bleibt. Eine Erkenntnis, die auch für die deutschen LNG-Projekte von Bedeutung sein dürfte.
Fragwürdige Prioritäten der Energiepolitik
Die Deutsche Umwelthilfe fordert angesichts dieser Entwicklungen einen radikalen Kurswechsel. Müller-Kraenner betont, die Vermarktungskrise zeige deutlich, dass es für weiteres US-LNG schlicht keinen Markt gebe. Statt weiter an fossilem Gas festzuhalten, müsse auf erneuerbare Energien und Effizienz gesetzt werden.
Ob man dieser Einschätzung folgen mag oder nicht – die Frage bleibt, warum Deutschland weiterhin Milliarden in eine Infrastruktur investiert, deren wirtschaftliche Tragfähigkeit mehr als zweifelhaft erscheint. Die privat finanzierten Terminals der Deutschen ReGas in Mukran und Lubmin mögen als Pionierleistung gelten. Doch wenn selbst diese Anlagen nur zur Hälfte ausgelastet sind, erscheint ein weiterer Ausbau wie ein Sprung ins kalte Wasser – mit ungewissem Ausgang für Investoren und Steuerzahler gleichermaßen.

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