
Mannheim: SPD-Haustürwahlkampf endet mit klarer Ansage der Bürger
Es gibt Momente im politischen Alltag, die mehr über den Zustand einer Partei verraten als jede Sonntagsfrage. Ein solcher Moment ereignete sich kürzlich im Mannheimer Stadtteil Sandhofen, als der SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Fulst-Blei bei seinem Haustürwahlkampf auf eine Bewohnerin traf, die ihm mit entwaffnender Direktheit entgegnete: „Danke, wir wählen die AfD." Der Flyer blieb unberührt. Die Botschaft war unmissverständlich.
Vom roten Bollwerk zum politischen Niemandsland
Was diese kleine Szene so brisant macht, ist der Ort, an dem sie sich abspielte. Mannheim Nord – mit Stadtteilen wie Sandhofen, Schönau und Waldhof – galt über Jahrzehnte als unangefochtene Hochburg der Sozialdemokraten. Bis 2016 holte die SPD dort nahezu durchgehend das Direktmandat. Dann kam der Bruch. Die AfD eroberte eines von zwei Erstmandaten im gesamten Bundesland Baden-Württemberg. 2021 ging der Wahlkreis schließlich an die Grünen. Ein Absturz in Raten, der symptomatisch ist für den Niedergang einer Partei, die einst den Anspruch erhob, die Stimme der kleinen Leute zu sein.
Heute dümpelt die SPD in Baden-Württemberg bei kümmerlichen 8 bis 10 Prozent in den Umfragen. Von den stolzen 30 Prozent und mehr, die in den siebziger und achtziger Jahren sowie noch zur Jahrtausendwende erreicht wurden, trennen die Genossen mittlerweile Welten. Im linken Parteienspektrum konkurriert man nun mit Grünen und Linkspartei um die Reste eines schrumpfenden Kuchens – ein Verteilungskampf unter Verlierern, wenn man so will.
53 Türen, eine bittere Wahrheit
Fulst-Blei und sein Team setzen dennoch unbeirrt auf den direkten Bürgerkontakt. An einem einzigen Vormittag habe er an 53 Türen geklingelt, so wird berichtet. Zusätzlich organisieren die Sozialdemokraten kleinere Veranstaltungen und – man höre und staune – Müllsammelaktionen in den Quartieren. Ob das reicht, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen? Der Ortsverein Sandhofen zählt gerade einmal 47 Mitglieder bei rund 14.000 Einwohnern im Stadtbezirk. Das sind Zahlen, die für sich sprechen.
Bemerkenswert ist die Selbsteinschätzung des Abgeordneten: Bei insgesamt 3.600 Hausbesuchen habe es lediglich drei unfreundliche Reaktionen gegeben. Das mag stimmen. Doch Höflichkeit an der Haustür und das Kreuz in der Wahlkabine sind bekanntlich zwei grundverschiedene Dinge. Wer freundlich „Nein, danke" sagt, ist nicht weniger entschlossen als derjenige, der die Tür zuschlägt.
Die SPD hat ihre Basis verraten – und die Basis hat es bemerkt
Was sich in Mannheim-Sandhofen abspielt, ist kein lokales Phänomen. Es ist das Spiegelbild einer bundesweiten Entfremdung zwischen der SPD und ihrer einstigen Kernwählerschaft. Die Arbeiter, die Handwerker, die Menschen in den einfachen Wohnvierteln – sie fühlen sich von einer Partei im Stich gelassen, die sich lieber mit Identitätspolitik, Genderdebatten und moralischer Belehrung beschäftigt als mit den realen Sorgen ihrer Wähler. Steigende Mieten, explodierende Energiekosten, eine galoppierende Inflation und eine Migrationspolitik, die in vielen Stadtteilen das Sicherheitsgefühl massiv beeinträchtigt hat – das sind die Themen, die an den Haustüren diskutiert werden. Nicht das korrekte Gendern von Parteitagsprotokollen.
Dass ausgerechnet die AfD in ehemaligen SPD-Hochburgen reüssiert, sollte den Genossen eigentlich zu denken geben. Doch statt ehrlicher Selbstkritik setzt man auf die altbekannte Strategie: Diffamierung des politischen Gegners und die sogenannte „Brandmauer", die in Wahrheit nichts anderes ist als eine Mauer gegen den demokratisch artikulierten Wählerwillen. Wenn eine Mehrheit der Bürger mitte-rechts wählen möchte, aber durch Koalitionsarithmetik und ideologische Ausgrenzung eine Mitte-Links-Regierung aufgezwungen bekommt, dann hat das mit Demokratie nur noch wenig zu tun.
Der deutsche Michel und seine Geduld
Man darf gespannt sein, wie lange dieses Spiel noch funktioniert. Die Geduld der Bürger ist nicht unendlich. In Mannheim-Sandhofen hat eine Bewohnerin dem SPD-Abgeordneten höflich, aber bestimmt die Tür gewiesen. Sie hat nicht geschimpft, nicht gepöbelt – sie hat einfach nur gesagt, was sie denkt. Und genau das scheint für manche Politiker bereits eine Provokation zu sein. Dass Menschen eigenständig denken und wählen, was sie für richtig halten, statt brav den Empfehlungen der etablierten Parteien zu folgen – welch eine Ungeheuerlichkeit!
Die Wahrheit ist: Die SPD hat nicht die Bürger verloren. Die Bürger haben die SPD verloren. Und solange die Partei nicht bereit ist, diese unbequeme Erkenntnis anzunehmen und grundlegend umzusteuern, werden auch 53 Türklingeln an einem Vormittag nichts daran ändern. Mannheim-Sandhofen ist überall. Die Frage ist nur, ob die politische Klasse in Deutschland das endlich begreift – oder ob sie weiterhin lieber den Wähler belehrt, statt ihm zuzuhören.












