
Merz in Peking: Wenn Pressemitteilungen als Diplomatie verkauft werden
Der Bundeskanzler ist zurück aus China. Drei Tage Dienstreise, rote Teppiche, Militärempfang und ein Airbus-Großauftrag als Souvenir – so lässt sich die jüngste Auslandsreise von Friedrich Merz zusammenfassen. Doch wer hinter die glänzende Fassade blickt, erkennt: Deutschland wurde in Peking mit höflicher Herablassung empfangen. Das Protokoll war makellos. Die Substanz? Erschreckend dünn.
120 Flugzeuge – ein Erfolg, der keiner ist
Im Stile eines Donald Trump verkündete Merz den vermeintlichen Höhepunkt seiner Reise: China bestellt 120 Airbus-Maschinen der Typen A320 und A350. Die Bilder waren perfekt inszeniert, die Schlagzeilen vorprogrammiert. Der Kanzler als Dealmaker, als Akquisiteur europäischer Wirtschaftsinteressen auf der Weltbühne. Doch ein nüchterner Blick auf die Fakten entlarvt die Inszenierung als das, was sie ist – ein Wahlkampfmanöver.
Denn chinesische Großbestellungen bei Airbus sind kein Ausnahmeereignis. Sie gehören zum eingespielten Beschaffungsrhythmus der chinesischen Luftfahrtindustrie. Jahr für Jahr füllen Aufträge aus dem Reich der Mitte die Bücher des europäischen Flugzeugbauers. Die Produktionsslots waren längst geplant – sie kollidierten lediglich zufällig mit dem Besuch des Kanzlers. Was Merz als persönlichen Verhandlungserfolg rahmt, ist in Wahrheit nicht mehr als eine routinierte Industriebestellung, die auch ohne seine Anwesenheit zustande gekommen wäre.
Der feine Unterschied zu Trump
Hier offenbart sich der gravierende Unterschied zwischen der Inszenierung des deutschen Kanzlers und jener des amerikanischen Präsidenten. Wenn Donald Trump von Auslandsreisen heimkehrt, bringt er reale Investitionen mit. Fabriken werden gebaut, Standorte ausgebaut, Kapital fließt messbar in amerikanische Wertschöpfung. Ob man seine Methoden nun gutheißt oder nicht – die Vereinigten Staaten ziehen unter seiner Führung industrielle Substanz an und binden sie im eigenen Land.
Friedrich Merz hingegen bringt Pressemitteilungen mit. Er präsentiert turnusmäßige Aufträge als diplomatische Meisterleistung und hofft, dass die mediale Wirkung über die inhaltliche Leere hinwegtäuscht. Der eine schafft Produktionskapazitäten, der andere Schlagzeilen. Ein Unterschied, der symptomatisch ist für den Zustand der deutschen Politik insgesamt.
Protokollarische Champions League, geopolitische Kreisklasse
Man muss den Chinesen zugutehalten: Sie verstehen es meisterhaft, ihre Gäste nicht mit leeren Händen nach Hause reisen zu lassen. Der Empfang in der Großen Halle des Volkes durch Ministerpräsident Li Qiang, die persönliche Unterredung mit Staatspräsident Xi Jinping, das abendliche Dinner, der Militärempfang am Flughafen – die Choreografie stimmte bis ins letzte Detail. Fahnen, Ehrenformationen, sorgfältig arrangierte Bilder. Deutschland spielt protokollarisch nach wie vor in der ersten Liga.
Geopolitisch allerdings sieht die Realität völlig anders aus. Merz bezeichnete China vor seiner Abreise als „strategischen Partner", ohne auch nur ansatzweise zu definieren, was dieser Begriff in der aktuellen Weltlage konkret bedeuten soll. Peking steht felsenfest an der Seite Moskaus im Ukraine-Krieg. Zwanzig EU-Sanktionspakete gegen Russland sind nicht nur Signale an den Kreml, sondern auch geopolitische Marker in Richtung China. Wie naiv muss ein deutscher Bundeskanzler sein, um zu glauben, dass sich diese Spannungen durch freundliche Worte und Händeschütteln auflösen lassen?
Die selbstverschuldete Schwäche
Aus chinesischer Perspektive stellt sich eine ebenso einfache wie vernichtende Frage: Welches Angebot soll man einer Wirtschaftsdelegation eines Landes unterbreiten, das durch selbstgewählte industrielle Demontage seine eigene Produktionsbasis systematisch zerstört? Die Folgen des europäischen Ökosozialismus sind verheerend. Deutschland ist im Handel mit China längst zum Kapitalimporteur degradiert worden. Die Handelsbilanz klafft immer tiefer auseinander. In zentralen Industriesektoren sind Wettbewerbsvorteile erodiert, energieintensive Wertschöpfung steht unter massivem Druck.
Und diese Misere ist hausgemacht. Jede neue Auflage, jede zusätzliche Abgabe, jede Transformationsvorgabe schnürt der deutschen Industrie die Luft ab. Regulatorische Hürden, Taxonomien, Lieferkettengesetze, CO₂-Grenzausgleichsmechanismen – sie alle formen ein dichtes Geflecht indirekter Marktschranken, die Deutschland im globalen Wettbewerb systematisch benachteiligen. Es ist nicht die Schuld der Chinesen, dass sich der Antriebsraum der deutschen Wirtschaft – Ingenieurskunst, Maschinenbau, Automobilindustrie – unter dem Druck von EU-Regulatoren und Energiewendefanatismus in seine Einzelteile zerlegt hat.
Merz beklagt, was er selbst mitverursacht
Besonders entlarvend wirkte der Moment, als der Kanzler mit Blick auf die tief negative Handelsbilanz „unfaire Handelspraktiken" der Chinesen beklagte. Der Marktzugang müsse fair sein, Benachteiligungen dürfe es nicht geben, so Merz. Die Worte klingen entschlossen, sie zielen auf Gegenseitigkeit im globalen Handel. Und sie klingen – man muss es so deutlich sagen – erschreckend naiv.
Denn sind es nicht ausgerechnet die Europäer, die längst Weltmeister des versteckten Protektionismus geworden sind? War es nicht deutsche und europäische Politik, die den grotesk anmutenden Kampf um die emissionsfreie Wirtschaft auf maximal repressive Weise in die eigene Handelspolitik eingeflochten hat? Wer seine eigenen Kostenvorteile systematisch eliminiert, verliert im globalen Vergleich an Boden – und geopolitisch an Schlagkraft. Merz steht exemplarisch für eine europäische politische Klasse, die die Ursachen struktureller Schwächen stets im Außen sucht, anstatt den Blick schonungslos nach innen zu richten.
China sieht Europa als Absatzmarkt für Überproduktion
Die chinesische Führung betrachtet Europa nüchtern als das, was es aus ihrer Perspektive geworden ist: ein Absatzmarkt für die eigene Überschussproduktion. Europäische Märkte absorbieren, was im Inland Überkapazität erzeugt. Gleichzeitig wächst die strukturelle Abhängigkeit der Europäer von kritischen Rohstoffen wie seltenen Erden und von Energie. Das Kräftemessen ist zutiefst ungleich geworden. Die Hebel liegen nicht mehr in Europa.
In China – politisch zweifellos eine Diktatur unter Führung einer Einheitspartei, wirtschaftlich jedoch in weiten Teilen strikt an marktwirtschaftlichen Effizienzkriterien orientiert – stößt der deutsch-europäische Moralismus auf maximales Unverständnis. Dort zählen Skaleneffekte, Produktivität, Marktanteile und technologische Souveränität. Moralische Selbstvergewisserung ersetzt keine industrielle Stärke. Diese bittere Lektion hätte Merz in Peking lernen können – ob er sie verstanden hat, darf bezweifelt werden.
Deutschland braucht eine Kurskorrektur – keine Inszenierung
Was Deutschland in dieser Lage bräuchte, wäre keine diplomatische Showreise, sondern eine grundlegende wirtschaftspolitische Kurskorrektur. Statt immer neue Regulierungen und Transformationsvorgaben braucht die deutsche Industrie Entlastung, günstige Energie und Planungssicherheit. Statt moralischer Belehrungen auf der Weltbühne braucht es eine rationale Außenwirtschaftspolitik, die deutsche Interessen in den Mittelpunkt stellt.
Doch davon ist unter der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD wenig zu spüren. Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen, das die neue Bundesregierung aufgelegt hat, wird die Inflation weiter anheizen und kommende Generationen mit Schulden belasten – obwohl Friedrich Merz im Wahlkampf versprochen hatte, keine neuen Schulden zu machen. Versprechen gebrochen, Vertrauen verspielt. Ein Muster, das sich durch die gesamte Amtszeit dieses Kanzlers zieht.
In Zeiten geopolitischer Unsicherheit und wirtschaftlicher Erosion erweisen sich physische Edelmetalle wie Gold und Silber einmal mehr als verlässlicher Anker der Vermögenssicherung. Während Währungen an Kaufkraft verlieren und politische Versprechen sich in Luft auflösen, behält das Edelmetall seinen Wert – unabhängig davon, welcher Kanzler gerade welche Pressemitteilung aus Peking mitbringt.
Der Besuch von Friedrich Merz in China war, nüchtern betrachtet, ein Wahlkampfauftritt für die CDU im Superwahljahr 2026. Er folgte diplomatischen Gepflogenheiten und blieb substanziell bedeutungslos. Die Bilder waren geplant, die strategische Wirkung gleich null. Europa – und insbesondere Deutschland – hätte bessere Politik verdient. Eine Politik, die nicht auf Inszenierung setzt, sondern auf echte Reformen. Doch danach sieht es unter diesem Kanzler leider nicht aus.












