
Verratene Verbündete: Washington opfert die Kurden auf dem Altar der Realpolitik
Es ist eine Geschichte, die sich in der Weltgeschichte mit erschreckender Regelmäßigkeit wiederholt: Ein Volk kämpft an der Seite einer Großmacht gegen einen gemeinsamen Feind, vergießt Blut, opfert seine Söhne und Töchter – nur um am Ende wie eine ausgediente Schachfigur vom Brett gefegt zu werden. Die Kurden in Syrien erleben genau dieses Schicksal in diesen Tagen, und die Kaltschnäuzigkeit, mit der Washington seine einstigen Waffenbrüder fallen lässt, sollte jedem zu denken geben, der noch an die moralische Integrität amerikanischer Außenpolitik glaubt.
Das Ende eines Traums namens Rojava
Mehr als ein Jahrzehnt lang war Rojava, die kurdische Selbstverwaltungszone im Norden Syriens, ein Leuchtturm der Hoffnung für ein Volk ohne Staat. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) kämpften Seite an Seite mit amerikanischen Soldaten gegen die Barbarei des sogenannten Islamischen Staates. Sie befreiten Städte, bewachten Gefängnisse voller Dschihadisten und zahlten einen hohen Blutzoll für einen Sieg, den der Westen als seinen eigenen feierte.
Doch was ist Dankbarkeit in der Welt der Geopolitik wert? Offenbar nicht mehr als das Papier, auf dem sie geschrieben steht. Tom Barrack, der Sondergesandte der USA für Syrien, verkündete am 20. Januar mit der Nüchternheit eines Buchhalters, die Rolle der SDF habe „weitgehend an Bedeutung verloren". Damaskus sei nun bereit, die Sicherheitsverantwortung zu übernehmen. Eine diplomatische Umschreibung für: Ihr habt eure Schuldigkeit getan, ihr könnt gehen.
Die Türkei triumphiert – die NATO siegt über die Moral
Die Entscheidung Washingtons folgt einer brutalen, aber nachvollziehbaren Logik. Vor die Wahl gestellt zwischen einem NATO-Verbündeten und einem Volk, das für amerikanische Interessen geblutet hat, entschied sich die Biden-Administration – und nun auch die Trump-Regierung – für Ankara. Die Türkei betrachtet die SDF als Ableger der PKK und damit als terroristische Organisation. Dass dieselben Kämpfer gestern noch als Helden im Kampf gegen den IS gefeiert wurden, spielt keine Rolle mehr.
Der syrische Militärexperte Ahmad Rahal bringt die neue Realität auf den Punkt: „Die kurdische Autonomie ist beendet. Alle Regionen Syriens werden einer gemeinsamen Zentrale unterstellt sein." Wer Waffen besitzt, muss sich entwaffnen oder der Regierung unterwerfen. Andernfalls droht eine Offensive.
Vom IS-Bombenbauer zum Präsidenten
Besonders pikant ist die Tatsache, dass der neue starke Mann in Damaskus, Ahmad al-Scharaa, seine Karriere als Bombenbauer und Anführer des syrischen IS-Ablegers begann. Derselbe Mann, gegen dessen Gesinnungsgenossen die Kurden jahrelang kämpften, sitzt nun im Präsidentenpalast – mit dem Segen Washingtons. Die Ironie könnte kaum bitterer sein.
Im November 2025 trat Damaskus der von den USA geführten internationalen Koalition gegen den IS bei. Damit verloren die SDF ihre Sonderstellung als wichtigste lokale Partner Washingtons. Sie wurden ersetzt durch jene Kräfte, die sie einst bekämpften. Der kurdische Aktivist und Dichter Azad Penaber warnt: „Die Präsenz von Kämpfern aus ehemaligen dschihadistischen Milizen wie dem IS und der HTS verstärkt die Angst vor künftigen Angriffen."
Die Schatten der Vergangenheit
Die Befürchtungen der Kurden sind nicht unbegründet. Im März 2025 wurden mindestens 1500 Zivilisten bei einer brutalen Regierungsoperation gegen einen alawitischen Aufstand an der Mittelmeerküste getötet. Im Juli drohte den Drusen in Südsyrien ein ähnliches Schicksal – nur Israels Intervention verhinderte ein Massaker.
Die Vereinten Nationen dokumentieren bereits Fälle von IS-Kämpfern, die aus Gefängnissen fliehen. Jahrelang kontrollierten die SDF gemeinsam mit den USA mehrere Haftanstalten sowie das Lager Al-Hol mit mehr als 30.000 Angehörigen von Dschihadisten. Was geschieht, wenn diese Kontrolle vollständig zusammenbricht, mag sich niemand ausmalen.
Ein Volk ohne Staat – wieder einmal verraten
Die Kurden, deren Zahl auf 40 bis 50 Millionen Menschen geschätzt wird, bleiben die größte Nation der Welt ohne eigenen Staat. Dies ist das Erbe der kolonialen Politik nach dem Ersten Weltkrieg, als Großmächte willkürlich Grenzen durch den Nahen Osten zogen. Heute leben Kurden hauptsächlich im Irak, Iran, in der Türkei und in Syrien – und in keinem dieser Länder sind sie willkommen.
Viele kurdische Zivilisten planen bereits, ihre Sachen zu packen und nach Irakisch-Kurdistan zu fliehen. In Kobani starben fünf Kinder an Unterkühlung und Mangelernährung. Am Samstag demonstrierten bis zu zehntausend Menschen in Frankfurt für die Rechte der syrischen Kurden – doch wer hört noch zu?
„Krieg, Unterdrückung und Zwangsintegration führen nirgendwo zu Lösungen – weder in der Türkei noch in Syrien, im Irak oder im Iran."
Diese Worte des Dichters Penaber klingen wie ein Epitaph für Rojava. Doch sie sind auch eine Mahnung an den Westen: Wer seine Verbündeten verrät, wenn sie nicht mehr nützlich sind, sollte sich nicht wundern, wenn beim nächsten Mal niemand mehr an seiner Seite kämpfen will.
Eine Lektion für Europa
Die Ereignisse in Syrien sollten auch in Deutschland aufhorchen lassen. Die Bundesregierung hat sich stets auf die amerikanische Sicherheitsgarantie verlassen. Doch wenn Washington bereit ist, jene fallen zu lassen, die für amerikanische Interessen ihr Leben riskiert haben, wie belastbar sind dann Bündniszusagen an europäische Partner? Die Kurden haben diese Lektion auf die härteste Weise gelernt. Es bleibt zu hoffen, dass Europa nicht dieselbe Erfahrung machen muss.

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