
68 Prozent sehen Europa im Verfall – Brüssel feiert sich selbst

Eine Woche vor der Rede zur Lage der Union platzt der EU-Kommission eine unbequeme Studie in die Vorbereitung. 68 Prozent der Befragten in sechs europäischen Ländern beschreiben ihre Gegenwart als allgemeinen Verfall oder als Verlust von Normalität. Nur 12 Prozent sprechen von Erwachen oder Erneuerung. Veröffentlicht wurde die Untersuchung am 9. September 2026.
Hinter der Erhebung stehen der European Council on Foreign Relations (ECFR) und die European Cultural Foundation. Befragt wurden Menschen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Polen – insgesamt 5.834 Interviews, KI-moderiert, offen geführt, ergänzt durch Auswertungen politischer Debatten in 15 Ländern.
Zwei Umfragen, zwei Welten
Parallel präsentiert die Kommission ihr Standard-Eurobarometer 105 aus dem Frühjahr 2026 – und darin klingt Europa plötzlich wie ein Wohlfühlprojekt: 51 Prozent Vertrauen in die EU, 60 Prozent Optimismus, 72 Prozent sehen einen Nutzen der Mitgliedschaft, 73 Prozent halten die Union für einen Ort der Stabilität.
Auftraggeber dieser Zahlen ist die Generaldirektion Kommunikation der Kommission selbst. Der methodische Unterschied ist entscheidend: Das Eurobarometer arbeitet mit geschlossenen Fragen und vorgegebenen Antwortoptionen. Die ECFR-Studie ließ die Menschen frei erzählen. Ergebnis: Wo Brüssel Häkchen setzen lässt, entsteht Zustimmung. Wo Bürger reden dürfen, entsteht ein Krisenbefund.
Die Zahlen, die in Straßburg niemand vortragen wird
- 74 Prozent meinen, Europa komme mit den großen Herausforderungen nicht zurecht – genannt werden vor allem Krieg und Sicherheit, wirtschaftlicher Druck und der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit.
- 56 Prozent halten die Zukunft des Kontinents für gefährdet.
- 39 Prozent gehören zur Gruppe der „Negatives“: Europas beste Zeit liege hinter ihm. In Frankreich, Deutschland und Italien nähert sich dieser Anteil der Hälfte.
- 31 Prozent sind „Uncertain“ – sie wollen ein starkes Europa, trauen es der heutigen Führung aber nicht zu.
Und dann ist da die vielleicht bitterste Zahl: 44 Prozent können niemanden nennen, der für sie ein positives Beispiel europäischen Handelns wäre. Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez kommt auf 8 Prozent, Emmanuel Macron auf 4 Prozent. Ursula von der Leyen taucht in den Gesprächen praktisch nicht auf.
Turnberry als Symbol der Schwäche
Über politische Lager hinweg gilt dem Bericht zufolge das Zollabkommen von Turnberry mit Donald Trump vom Juli 2025 als Sinnbild: Brüssel gebe nach, statt Haltung zu zeigen. Ein Deal, den viele als unausgewogen empfinden – und der sich offenbar tief ins europäische Selbstbild gefressen hat.
Bemerkenswert ist, was die Studie nicht findet: einen Ruf nach Auflösung. Nur 13 Prozent wollen weniger Europa. 73 Prozent formulieren eine positive Vision. Studienautor Paweł Zerka spricht von einer „Imagination Gap“ und fordert von den Regierenden „proof of trajectory“ statt weiterer Großversprechen.
Wenn Vertrauen zur knappen Währung wird
Interessant ist auch die Herkunft: Das ECFR ist ausdrücklich pro-europäisch ausgerichtet und nennt unter anderem einen Zuschuss der Open Society Foundations. Aus Sicht unserer Redaktion wiegt der Befund gerade deshalb schwer – hier zerlegt kein euroskeptischer Gegner die Brüsseler Bilanz, sondern ein wohlgesonnener Beobachter.
Für Bürger und Sparer bleibt die nüchterne Erkenntnis: Institutionelles Vertrauen erodiert schneller als Kaufkraft. Wer sich absichern will, setzt traditionell auch auf Sachwerte – physisches Gold und Silber gelten seit Jahrhunderten als Beimischung, die keine Pressekonferenz braucht, um Wert zu behalten.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigene Recherchen anstellen.
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