
Abgaben-Schock bis 2035: Bald geht jeder zweite Lohn-Euro an den Staat?

Deutschlands Sozialabgaben könnten bis 2035 auf 48,8 Prozent des beitragspflichtigen Bruttolohns steigen. Das geht aus einer Studie hervor, die das IGES-Institut im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) am Montag veröffentlicht hat. Die Reformpläne der Bundesregierung würden daran laut den Forschern kaum etwas ändern.
Heute liegt der Gesamtbeitragssatz bei 42,8 Prozent. Schon 2028 könnten es nach den Berechnungen 45,4 Prozent sein. Von der Marke von 40 Prozent, die die Politik lange als Obergrenze hochgehalten hat, wäre dann nicht mehr viel übrig.
Die Rente reißt das größte Loch
Den stärksten Anstieg in Prozentpunkten erwarten die Forscher bei der gesetzlichen Rentenversicherung. Ihr Beitragssatz soll von 18,6 auf 20,9 Prozent klettern. Spätestens 2028 wären es fast 20 Prozent. Als Ursachen nennt die Studie die Demografie und weitgehend aufgebrauchte Rücklagen.
Der Mechanismus ist bekannt. Die Babyboomer gehen in Rente, es rücken weniger Beitragszahler nach. Im Umlagesystem zahlen die heutigen Beschäftigten die heutigen Renten. Das funktioniert, solange die Rechnung aufgeht. Und das tut sie seit Jahren immer weniger.
Relativ gesehen steigt der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung noch stärker: von 2,6 auf 4,4 Prozent, also um rund 67 Prozent. Für 2026 rechnet die Bundesagentur für Arbeit laut INSM mit einem Defizit von knapp neun Milliarden Euro. Bis Jahresende könnten ihre Schulden auf etwa zehn Milliarden Euro wachsen.
Kranken- und Pflegekassen hängen am Tropf
In der Krankenversicherung könnte der Beitrag samt durchschnittlichem Zusatzbeitrag von 17,7 auf 18,8 Prozent steigen. Das Beitragssatzstabilisierungsgesetz der Regierung helfe laut den Studienautoren nur kurz. Steigen die Ausgaben 2027 so stark wie zuletzt, drohe trotzdem eine Lücke von 3,2 Milliarden Euro. Dazu kommt: Die Änderungen, die der Bundestag am 15. Oktober beschlossen hat, könnten die geplanten Einsparungen allein 2027 um fast 500 Millionen Euro schmälern.
Noch schlechter steht die Pflegeversicherung da. Sie braucht laut INSM schon 2026 zwei Bundesdarlehen über 3,2 Milliarden und 700 Millionen Euro. Die Zahl der Pflegebedürftigen soll von 5,9 Millionen im Jahr 2025 auf 8,3 Millionen im Jahr 2035 steigen. Der Beitragssatz könnte von 3,9 auf 4,8 Prozent zulegen. Das geplante Pflegeneuordnungsgesetz reiche nach den Berechnungen schon 2027 nicht aus, dann fehlten etwa 1,3 Milliarden Euro.
Die Reformen bringen kaum Entlastung
Am deutlichsten zeigt das Reform-Szenario, wie wenig die Pläne bewirken. Setzt die Regierung ihre Vorhaben bei Gesundheit und Pflege um und reformiert sie die Rente nach den Empfehlungen der Alterssicherungskommission, käme man 2035 auf 47,5 Prozent. Das sind gerade einmal 1,3 Prozentpunkte weniger als ohne Reformen. Diese Rechnung gilt allerdings nur, wenn auf die zusätzliche Kapitalrente verzichtet wird.
Mit Kapitalrente fällt das Ergebnis zunächst noch schlechter aus. Für den Aufbau des Kapitalstocks wären ab 2028 über vier Jahre zusätzliche Beiträge von insgesamt zwei Prozentpunkten nötig. Der Gesamtsatz läge 2035 dann bei 49,3 Prozent. Spürbar entlasten würden die Erträge erst nach 2035.
Je nach Wirtschaftslage und Demografie hat das Institut eine Spanne berechnet. Im günstigen Fall wären es 46,6 Prozent, im ungünstigen knapp 52 Prozent. Es handelt sich um Modellrechnungen und nicht um beschlossene Beitragssätze.
„Ein Alarmsignal“
Die INSM, die von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird, sieht dringenden Handlungsbedarf. INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben sagte:
„Die neue Prognose für die Sozialbeiträge ist ein Alarmsignal.“
Wenn fast die Hälfte des Bruttolohns an die Sozialkassen gehe, werde Arbeit teurer und das Netto der Beschäftigten kleiner, argumentiert Alsleben. Das schade auch Investitionen und Arbeitsplätzen. Die INSM fordert deshalb ein Rentenalter, das an die Lebenserwartung gekoppelt ist, mehr kapitalgedeckte Vorsorge und mehr Eigenverantwortung bei Kranken- und Pflegeversicherung. Ihr Ziel fasst Alsleben so zusammen: „Die 40 Prozent müssen wieder das Ziel sein.“
Wer vorsorgt, verlässt sich nicht allein auf den Staat
Die Regierung Merz nimmt Hunderte Milliarden an neuen Schulden auf und kommt bei den Sozialkassen mit ihren Reformen kaum voran. Den Preis zahlen Arbeitnehmer und Betriebe. Wer im Alter abgesichert sein will, sollte sich deshalb nicht nur auf das Umlagesystem verlassen. Physisches Gold und Silber können als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen helfen, das Ersparte abzusichern, denn sie hängen nicht von politischen Versprechen ab.
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