
Abschiebe-Stau statt Wende: Mehr als 200.000 Geduldete im Land!

Die Zahl der ausreisepflichtigen Migranten in Deutschland steigt wieder kräftig. Zum Stichtag 30. September lebten nach Angaben des Bundesinnenministeriums 256.873 Menschen ohne Bleiberecht im Land, 200.601 von ihnen mit einer Duldung. Das steht in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Filiz Polat.
Zum Vergleich: Kassel hat weniger Einwohner. Eine ganze Großstadt voller Menschen also, die das Land eigentlich verlassen müssten und trotzdem bleiben.
Die Zahlen hinter dem Anstieg
Rund 78 Prozent aller Ausreisepflichtigen sind inzwischen geduldet. Ende Dezember 2025 lag die Zahl der Geduldeten noch bei 190.974, insgesamt waren damals 232.067 Menschen ausreisepflichtig. In nur neun Monaten kamen damit 9.627 Geduldete und fast 25.000 Ausreisepflichtige hinzu.
Allein von Januar bis September erhielten rund 45.000 Menschen zum ersten Mal eine Duldung. Zum Stichtag waren etwa 13.460 Geduldete minderjährig. Ende Juni hatte die Regierung noch 199.271 Geduldete gemeldet, seitdem sind 1.330 dazugekommen.
Was eine Duldung eigentlich bedeutet
Eine Duldung ist kein Aufenthaltstitel. Die Ausreisepflicht bleibt bestehen, nur die Abschiebung wird vorübergehend ausgesetzt. Das kann an fehlenden Pässen liegen, an einer Krankheit oder an familiären Gründen. In der Praxis wird aus „vorübergehend“ allerdings oft ein Zustand, der jahrelang anhält.
Das Erbe der Ampel
Bis vor Kurzem ging die Zahl der Geduldeten drei Jahre lang zurück. Ende 2022 waren es noch rund 248.000. Mitverantwortlich für den Rückgang war das sogenannte Chancenaufenthaltsrecht, das die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP Ende 2022 eingeführt hatte. Wer am 31. Oktober 2022 schon mindestens fünf Jahre in Deutschland lebte, bekam damit eine Aufenthaltserlaubnis auf Probe.
Innerhalb von 18 Monaten mussten die Betroffenen dann ausreichend Deutsch sprechen, ihren Lebensunterhalt weitgehend selbst verdienen und an der Klärung ihrer Identität mitwirken. Wer das nicht schaffte, fiel zurück in die Duldung. Kritiker sehen darin bis heute eher eine statistische Entlastung als eine echte Lösung. Ende 2025 lief die Regelung aus. Als weiterer Grund für den neuen Anstieg gelten sinkende Anerkennungsquoten in Asylverfahren.
Wo bleibt die Rückführungsoffensive?
Für die schwarz-rote Koalition unter Kanzler Friedrich Merz sind die Zahlen unangenehm. Die Union hatte im Wahlkampf eine Migrationswende versprochen, doch bei den Abschiebungen geht es Medienberichten zufolge eher abwärts. Im ersten Halbjahr 2026 wurden demnach 9.663 Menschen abgeschoben, rund 2.100 weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Knapp 18.000 Ausreisepflichtige gingen freiwillig.
Dazu kommt ein weiterer Befund: Mehr als 21.000 Abschiebungen sollen 2025 gescheitert sein, weil die Betroffenen nicht zugeführt wurden. Die genauen Gründe kenne die Bundesregierung laut Berichten nicht. Viele Bürger dürften fragen, wie ein Staat seine eigenen Gesetze durchsetzen will, wenn er nicht einmal weiß, woran es hakt.
Grüne und SPD wollen mehr Bleiberecht
Die Grünen ziehen aus den Zahlen einen ganz anderen Schluss. Polat hält die Regeln für Ausbildungs- und Beschäftigungsduldungen für zu kompliziert, manche Anforderungen seien kaum zu erfüllen. Tatsächlich verzeichnet das Ausländerzentralregister nur 402 Ausbildungsduldungen und ganze 17 Beschäftigungsduldungen. Die Abgeordnete will deshalb mehr Wege schaffen, um aus einer Duldung einen regulären Aufenthaltstitel zu machen.
„Wer hier arbeitet, eine Ausbildung macht und sich integriert, braucht einen gesicherten Aufenthalt statt jahrelanger Unsicherheit“
Auch aus der SPD, dem Koalitionspartner der Union, kamen zuletzt Forderungen nach neuen Bleiberechtsregeln für integrierte ausländische Arbeitskräfte. Damit droht die nächste Grundsatzdebatte innerhalb der Koalition. Dabei zeigen gerade die 17 Beschäftigungsduldungen ein Problem, das beide Lager kaum bestreiten können: Unter den mehr als 200.000 Geduldeten arbeiten offenbar nur wenige auf diese Weise legal und abgesichert.
Aus Sicht unserer Redaktion braucht es deshalb vor allem einen Staat, der seine eigenen Entscheidungen wirklich durchsetzt. Das wäre konsequenter als ständig neue Hintertüren zum Bleiberecht. Für viele Bürger hängt an dieser Frage auch das Vertrauen in einen funktionierenden Rechtsstaat.
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