
Alphabet setzt auf 100-Jahre-Anleihe: Wenn Tech-Giganten für KI-Träume Schulden bis ins nächste Jahrhundert aufnehmen
Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Der Google-Mutterkonzern Alphabet begibt eine Anleihe mit einer Laufzeit von 100 Jahren. Hundert Jahre. Das bedeutet, dass diese Schuldverschreibung erst im Jahr 2125 fällig wird – in einer Welt, die wir uns heute nicht einmal ansatzweise vorstellen können. Doch offenbar gibt es genügend Investoren, die bereit sind, ihr Geld für ein ganzes Jahrhundert an einen Technologiekonzern zu binden, dessen Geschäftsmodell sich in den letzten zwei Jahrzehnten bereits mehrfach fundamental gewandelt hat.
Ein historisches Novum in der Tech-Branche
Alphabets Jahrhundert-Anleihe ist die erste ihrer Art in der Technologiebranche seit Motorolas Emission im Jahr 1997 – also seit fast drei Jahrzehnten. Der Konzern plant, über die Sterling-Tranche rund eine Milliarde britische Pfund einzusammeln. Insgesamt umfasst das Paket Anleihen im Wert von 5,5 Milliarden Pfund, was umgerechnet etwa 7,53 Milliarden US-Dollar entspricht. Hinzu kommen weitere 3,055 Milliarden Schweizer Franken aus einem separaten fünfteiligen Anleiheverkauf sowie eine bereits am Montag platzierte Dollar-Emission über satte 20 Milliarden US-Dollar.
Die schiere Dimension dieser Kapitalaufnahme lässt aufhorchen. Hier geht es nicht um Kleingeld, sondern um eine massive Verschuldungsoffensive, die einem einzigen Zweck dient: der Finanzierung des KI-Wettrüstens.
Das KI-Wettrüsten verschlingt Hunderte Milliarden
Die Zahlen sind schwindelerregend. Alphabet, Microsoft, Amazon und Meta Platforms werden in diesem Jahr voraussichtlich mindestens 630 Milliarden US-Dollar für Investitionsausgaben aufwenden – der Löwenanteil fließt in Rechenzentren und KI-Chips. Jason Granet, Chief Investment Officer bei BNY, sprach von einer „außergewöhnlichen Zeitperiode", in der wir uns befänden. Die 100-Jahre-Anleihe sei repräsentativ für das enorme Ausmaß der Kapitalinvestitionen, die derzeit in Märkte und Technologie fließen würden.
Doch genau hier liegt der Haken, den kritische Beobachter zu Recht ansprechen: Die Erträge aus den gigantischen KI-Investitionen halten bislang nicht mit den Ausgaben Schritt. Unternehmen, die künstliche Intelligenz einsetzen, verzeichnen bisher nur begrenzte Produktivitätsgewinne. Man investiert also Hunderte Milliarden in eine Technologie, deren wirtschaftlicher Nutzen noch weitgehend unbewiesen ist. Das erinnert fatal an die Dotcom-Blase der Jahrtausendwende – nur in einer noch gewaltigeren Größenordnung.
Vom Asset-Light-Modell zum Schuldenkoloss
Besonders bemerkenswert ist der strategische Paradigmenwechsel, den die Tech-Giganten vollziehen. Jahrelang galten sie als Paradebeispiele für kapitalleichte Geschäftsmodelle – wenig physische Infrastruktur, hohe Margen, kaum Schulden. Nun wandeln sie sich zu infrastrukturlastigen Konzernen, die Rechenzentren im industriellen Maßstab errichten und dafür den Anleihenmarkt anzapfen wie einst Versorgungsunternehmen oder Staaten.
Lale Akoner, Marktanalystin bei eToro, brachte es auf den Punkt: Jahrhundert-Anleihen seien normalerweise Regierungen oder regulierten Versorgungsunternehmen mit sehr vorhersehbaren Cashflows vorbehalten. Dass Investoren nun bereit seien, derart langfristiges Risiko einzugehen, das an KI-Investitionen geknüpft sei, zeige das außergewöhnliche Vertrauen – oder vielleicht auch die außergewöhnliche Sorglosigkeit – der Märkte.
Wer kauft solche Anleihen?
Die Nachfrage nach ultralangen Anleihen kommt vor allem von Lebensversicherern, Pensionsfonds und Stiftungen. Diese institutionellen Anleger suchen händeringend nach langfristigen Anlagemöglichkeiten, um ihre eigenen langfristigen Verbindlichkeiten zu decken. Nicholas Elfner von Breckinridge Capital Advisors verwies auf den relativen Mangel an langfristigen Unternehmensanleihen, der die Nachfrage zusätzlich befeuere. Aus Sicht des Emittenten sei eine Jahrhundert-Anleihe zudem vergleichsweise günstig, da das Durationsrisiko kaum höher liege als bei einer 30-jährigen Anleihe, wie Piers Ronan von Truist Securities erläuterte.
Ein Warnsignal für Anleger?
Während die Wall Street feiert und die Orderbücher überquellen, sollten nüchterne Beobachter innehalten. Die sogenannten KI-Hyperscaler – zu denen neben Alphabet auch Oracle zählt, das kürzlich eine eigene 25-Milliarden-Dollar-Anleihe ankündigte – haben allein im vergangenen Jahr US-Unternehmensanleihen im Volumen von 121 Milliarden Dollar begeben. Das ist eine Schuldenexplosion, die ihresgleichen sucht.
Die Alphabet-Aktie reagierte am Dienstag denn auch mit einem Minus von 1,8 Prozent – ein dezentes Signal der Skepsis. Denn die zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Was passiert, wenn sich die KI-Revolution als weniger profitabel erweist als erhofft? Wer trägt dann die Last der Schulden, die bis ins Jahr 2125 reichen?
In Zeiten, in denen selbst Technologiekonzerne zu Schuldentürmen mutieren und Anleger bereitwillig Kapital für ein ganzes Jahrhundert binden, erscheint es umso wichtiger, einen Teil des eigenen Vermögens in zeitlose, physische Werte zu investieren. Gold und Silber haben Kriege, Finanzkrisen und technologische Revolutionen überdauert – und werden es auch in den nächsten 100 Jahren tun. Als Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio bieten Edelmetalle jene Stabilität und Wertbeständigkeit, die keine noch so ambitionierte Unternehmensanleihe garantieren kann.
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