
Billion-Dollar-Riss im Kreditmarkt: Die Ruhe ist gefährlich

An den globalen Kreditmärkten herrscht Friedhofsruhe – zumindest an der Oberfläche. Die Risikoaufschläge für erstklassige Unternehmensanleihen notieren nahe historischen Tiefständen, die Schwankungsbreite der Credit Spreads liegt laut Marktdaten auf einem der niedrigsten Niveaus seit fünf Jahren. Doch darunter klaffen Risse in Billionenhöhe.
Wie unter Berufung auf Bloomberg-Daten berichtet wird, hat sich das Volumen jener Unternehmensanleihen, deren Risikoaufschläge für ihr Rating auffällig hoch sind, seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt – auf fast eine Billion Dollar.
580 Milliarden in den USA, 400 Milliarden in Europa
Rund 580 Milliarden Dollar entfallen dabei auf US-Papiere, knapp 400 Milliarden auf Europa. Betrachtet wurden Investment-Grade-Anleihen von Nicht-Finanzunternehmen mit über drei Jahren Restlaufzeit.
Besonders pikant: Manche Anleihen mit A-Rating werden inzwischen mit höheren Spreads gehandelt als schlechter bewertete BBB-Papiere. Ende August traf das in den USA auf Bonds von 25 Single-A-Emittenten aus fünf Branchen zu. Der Markt glaubt den Rating-Agenturen also stellenweise nicht mehr.
Auf Indexebene ist davon nichts zu sehen. Der durchschnittliche Spread im US-Investment-Grade-Segment liegt bei 0,78 Prozentpunkten, in Europa bei 0,79 – nur Basispunkte über dem tiefsten Stand seit einem Vierteljahrhundert. Ein Portfoliomanager des Vermögensverwalters Robeco bringt es trocken auf den Punkt:
„Die Spreads auf Indexebene sind langweilig und werden es wahrscheinlich auch bleiben.“
Der KI-Schuldenberg wächst schneller als jede Prognose
Der wichtigste Treiber der Verwerfungen heißt Künstliche Intelligenz. Amazon, Alphabet, Meta und Oracle haben bis Anfang Juli 2026 Anleihen über rund 194 Milliarden Dollar platziert – 79 Prozent mehr als im gesamten Jahr 2025. Goldman Sachs rechnet inklusive Microsoft mit etwa 250 Milliarden Dollar Hyperscaler-Emissionen in diesem Jahr und 400 Milliarden im Jahr 2027.
Damit verschiebt sich die Statik des Marktes: Sechs Hyperscaler stellen mittlerweile rund 5 Prozent des US-Investment-Grade-Index – doppelt so viel wie vor zwei Jahren. Nach bestimmten Risikomaßen wiegen sie für Anleiheinvestoren schwerer als die sechs großen Wall-Street-Banken. Ein Research-Co-Leiter von Breckinridge Capital Advisors argumentiert, Investoren müssten sowohl für die Schuldenlast der Emittenten als auch für die Angebotsflut entschädigt werden.
Oracle: Wenn ein Tech-Riese ans Ramsch-Niveau rückt
Wie ernst der Markt differenziert, zeigt Oracle. S&P senkte die Bonität auf BBB− – eine einzige Stufe über Ramschniveau. Die fünfjährigen Credit Default Swaps, also die Absicherungskosten gegen einen Zahlungsausfall, kletterten zeitweise über 200 Basispunkte. Vor einem Jahr lagen sie bei rund 40. Medienberichten zufolge stützte die Agentur ihre Entscheidung auf eine Schuldenlast im dreistelligen Milliardenbereich und die starke Abhängigkeit von einem einzigen Großkunden aus dem KI-Sektor.
Selbst Nvidia bleibt nicht verschont: Die fünfjährigen CDS haben sich seit Mitte Juni von etwa 42 auf rund 80 Basispunkte verdoppelt – bei einer nach wie vor robusten Bilanz.
Nicht nur KI: Autobauer, Software, Versicherer
Die Bruchlinien reichen weiter. Autohersteller kämpfen mit chinesischer Konkurrenz, Softwarekonzerne mit Disruptionsrisiken durch KI, Versicherer mit ihrer Private-Credit-Exponierung. Systemischer Stress ist das noch nicht – aber der Kreditzyklus sei „nicht mehr ganz so einfach“, so der Robeco-Manager.
Während die Aktienmärkte weiter auf die Gewinner des KI-Booms wetten, stellen die Anleihemärkte die unbequemere Frage: Wer kann diese Investitionen dauerhaft schultern? Parallel steigen die Staatsanleiherenditen – deutsche Papiere erreichten Berichten zufolge 3,36 Prozent, japanische erstmals seit 30 Jahren über 3 Prozent. Für Anleger, die nicht auf Schuldner-Versprechen angewiesen sein wollen, bleibt physisches Gold und Silber als unabhängige Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen eine Überlegung wert.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wir geben keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigene Recherchen anstellen.












