
Blackout an der Nordsee: Ist die Energiewende wirklich unschuldig?

Am Sonntag, dem 18. Oktober, gingen an der Westküste Schleswig-Holsteins plötzlich die Lichter aus. Bis zu 40.000 Haushalte in fünf Kreisen hatten keinen Strom, nachdem eine Überspannung im 110-Kilovolt-Netz mehrere Umspannwerke vom Netz genommen hatte. Die Ursache ist bis heute unklar. Trotzdem steht für die Landesregierung eines schon fest: Mit der Energiewende habe der Vorfall nichts zu tun.
Geschmorte Steckdosen, kalte Seniorenwohnungen
Nach wenigen Stunden floss der Strom wieder. Der Schaden aber bleibt. Die Überspannung war so stark, dass Sicherungen durchbrannten, Steckdosen Feuer fingen und Haushaltsgeräte reihenweise kaputtgingen. Betroffen waren Heizungen, Geschirrspüler, Kühlschränke und Ladekabel.
In Schafstedt fielen die Heizungen in drei Seniorenwohnanlagen mit zusammen 20 Wohnungen aus. Medienberichten zufolge brannte ein Reetdachhaus nieder. In Supermärkten gaben Kühltruhen den Geist auf, das Angebot an Lebensmitteln ist deshalb weiter knapp. Und Elektriker? Gibt es zu wenige. Viele Betroffene warten noch immer auf Hilfe und fragen sich, wer am Ende die Rechnung bezahlt.
Erst Strommast, dann Anschlag, dann nichts
Die Suche nach der Ursache wirkt bisher ziemlich planlos. Zuerst stand ein beschädigter Strommast bei Itzehoe unter Verdacht. Laut Netzbetreiber SH Netz kann ein einzelner defekter Mast eine solche Kettenreaktion aber nicht auslösen. Danach rückte ein beschädigtes Leiterseil aus derselben Gegend in den Blick.
Innenministerin Magdalena Finke (CDU) brachte schnell eine Sabotage ins Gespräch. Im NDR sagte sie:
„Das kann ein technischer Defekt sein. Das kann aber auch, haben wir auch in anderen Bundesländern gesehen, das kann auch eine hybride Bedrohung sein.“
Damit erinnerte sie an Berlin: Dort sollen mutmaßliche Linksextremisten Anfang des Jahres einen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke verübt haben, zehntausende Haushalte waren danach tagelang ohne Strom. An der Nordsee gibt es für so etwas aber keinen Beleg. SH Netz teilte am Donnerstag mit, es gebe bisher keine konkreten Hinweise auf einen Anschlag. Vermutlich hätten mehrere technische Umstände zusammengewirkt.
Fünfmal mehr Windstrom als Bedarf
Über einen dieser möglichen Umstände spricht die Politik ungern. Schleswig-Holstein hat wenige Einwohner, kaum Industrie und sehr viele Windräder. Am Tag des Ausfalls erzeugte der Kreis Dithmarschen nach Medienberichten zeitweise etwa fünfmal so viel Windstrom, wie die Region selbst verbrauchte. Dieser Überschuss muss über die Leitungen in andere Regionen abfließen.
Der Energieexperte und Kritiker der Energiewende Fritz Vahrenholt vermutet, dass diese hohe Einspeisung die Leitungen stark belastet haben könnte. Ein Teil des Stroms müsse über eine 110-Kilovolt-Leitung abtransportiert werden, die möglicherweise schon an ihrer Grenze gewesen sei.
Das grün geführte Energiewendeministerium von Tobias Goldschmidt weist das zurück. Hohe Einspeisungen aus erneuerbaren Energien gehörten zum normalen Netzbetrieb. Es lägen „keinerlei Erkenntnisse zu einem ursächlichen Zusammenhang“ vor. Auffällig ist jedoch: SH Netz selbst räumt ein, dass externe Gutachter noch weitere Analysen machen müssen.
523 Megawatt abgeregelt
Außerdem bestätigte der Netzbetreiber, dass in den 24 Stunden vor der Störung rund 370 steuerbare Anlagen gedrosselt wurden. Bei diesem sogenannten Redispatch wurden in der Spitze rund 523 Megawatt vom Netz genommen. Das entspricht ungefähr der Leistung eines großen Kohle- oder Gaskraftwerks. Ein Netz ohne Stress sieht anders aus.
Ein Netz am Limit
Ob der Windstrom am Ende wirklich eine Rolle gespielt hat, müssen die Gutachter klären. Das größere Problem ist aber schon jetzt sichtbar. Früher standen große Kraftwerke dort, wo der Strom gebraucht wurde. Ihre schweren, rotierenden Turbinen stabilisierten das Netz wie ein Schwungrad. Heute richtet sich die Stromerzeugung nach dem Wetter und nicht nach dem Bedarf.
Riesige Strommengen fließen deshalb quer durch Deutschland, durch ein Netz, das dafür nie gebaut wurde. Der Netzausbau, den die Politik seit Jahren verspricht, kommt nur langsam voran und kostet Milliarden. Dieser Blackout war deshalb wohl kein Einzelfall, sondern eine Warnung. Wer klug ist, sorgt selbst vor, statt sich auf beruhigende Worte aus Ministerien zu verlassen.

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