
Brexit-Beben in London: Burnham stellt die Grenzen wieder zur Debatte!

Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum rüttelt Großbritanniens Premierminister Andy Burnham an einem der größten Tabus der britischen Politik. In einem Interview mit der „Sunday Times“ zeigte sich der Labour-Politiker offen dafür, über eine Rückkehr zur EU-Personenfreizügigkeit zu verhandeln. Die Freizügigkeit sei in Gesprächen mit Brüssel keine „rote Linie“ mehr, sagte er.
Der Zeitpunkt hat Gewicht. Schon am 20. November wollen London und die EU bei einem Gipfel in Brüssel über die nächsten Schritte der Annäherung beraten.
„Ehrliche Diskussion“ statt Brexit-Versprechen
Burnham, der seit dem Sommer 2026 in der Downing Street regiert, begründet seinen Vorstoß mit einem bemerkenswerten Argument. Seit dem Brexit habe sich die Einwanderung verändert, sagt er. Früher seien mehr Menschen nur auf Zeit gekommen und wieder gegangen, heute blieben mehr Zuwanderer dauerhaft im Land. Darüber müsse man ehrlich sprechen.
Die Zahlen geben ihm zumindest teilweise recht, und für die Brexit-Vorkämpfer sind sie bitter. Vor dem Referendum lag die Nettozuwanderung Medienberichten zufolge bei rund 330.000 Menschen pro Jahr. Unter dem neuen Punktesystem stieg sie bis März 2023 auf einen Rekordwert von 944.000. „Take back control“ sieht anders aus.
Ganz so weit will Burnham dann aber doch nicht gehen. Einen Beitritt zum Euro oder zum Schengen-Raum schließt er aus. Auch sein Regierungsprogramm sieht bislang keine Rückkehr zu Freizügigkeit, Binnenmarkt oder Zollunion vor. Berichten zufolge glaubt der Premier allerdings, dass sich Binnenmarkt und Freizügigkeit auch ohne neues Referendum umsetzen ließen, wenn Labour sie ins Wahlprogramm schreibt. Für einen vollständigen Wiedereintritt brauche es dagegen eine neue Volksabstimmung.
Farage tobt, Labour ist gespalten
Die Opposition reagierte prompt. Reform-UK-Chef Nigel Farage nannte den Vorstoß einen
„totalen Verrat an Brexit-Britannien“.
Auch die Konservativen um Kemi Badenoch lehnen eine Neuauflage der Debatte ab. In Burnhams eigener Partei zeigen sich Risse. Wohnungsbauministerin Angela Rayner und Außenminister Ed Miliband stützen den Kurs des Premiers, Innenministerin Shabana Mahmood gilt dagegen als skeptisch. Labour-Abgeordnete aus den brexitfreundlichen Wahlkreisen im Norden Englands fürchten laut Medienberichten, ihre Sitze an Reform UK zu verlieren.
Die Wirtschaft drängt, auch in Deutschland
Rückenwind bekommt Burnham aus den Chefetagen. Laut einer Umfrage von KPMG und der britischen Handelskammer in Deutschland wünschen sich 53 Prozent der befragten Unternehmen mehr Mobilität für Beschäftigte und Geschäftsreisende. Das überrascht kaum. Seit dem Brexit ersticken viele Firmen in Formularen, Zollerklärungen und Visa-Bürokratie.
Für die deutsche Exportwirtschaft ist das ein handfestes Problem. Der Warenhandel zwischen Deutschland und Großbritannien schrumpfte von 2015 bis 2025 um sieben Prozent auf 118,4 Milliarden Euro. Die britische Haushaltsaufsicht OBR schätzt Berichten zufolge, dass die Brexit-Hürden die Wirtschaftsleistung des Königreichs langfristig um rund vier Prozent drücken.
Ein gefährliches Spiel mit dem Wählerwillen?
Hier liegt der Kern des Konflikts. Wirtschaftlich spricht vieles für engere Bande zwischen London und dem Kontinent. Politisch aber riskiert Burnham, das Vertrauen jener Bürger zu verspielen, die 2016 genau für eine Begrenzung der Zuwanderung gestimmt haben. Kritiker sehen darin den Versuch, das Ergebnis einer demokratischen Abstimmung durch die Hintertür zu kassieren.
Die Ironie dabei: Brüssel muss kaum etwas tun, um die Briten zurückzulocken. Die Fehler der eigenen Regierungen haben das längst erledigt. Ob der Gipfel im November den Durchbruch bringt oder nur den nächsten Streit auf der Insel befeuert, ist offen. Eines zeigt die Debatte schon jetzt: Politische Versprechen haben oft eine kürzere Halbwertszeit, als ihre Wähler glauben.
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