
Britische Royal Marines entern russischen "Schattenflotten"-Tanker im Ärmelkanal

Es war eine Operation wie aus einem Actionfilm: In der Nacht zum Sonntag haben britische Royal Marine Commandos im Ärmelkanal einen sanktionierten russischen Öltanker geentert und beschlagnahmt. Mit Hilfe der Fast-Roping-Technik seilten sich die Elitesoldaten aus Hubschraubern auf das Deck des massigen Rohöltankers ab – mitten in der Dunkelheit und bis in die frühen Morgenstunden hinein.
Erster britisch geführter Zugriff dieser Art
Während die Beschlagnahmung russischer "Schattenflotten"-Schiffe in europäischen Gewässern längst kein Novum mehr darstellt, war diese Aktion in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Erstmals erfolgte ein solcher Zugriff so dicht vor den Küsten Großbritanniens – und erstmals unter britischer Führung. Bislang hatte vor allem Frankreich diese Rolle übernommen.
Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums handelte es sich um eine sechsstündige Operation, an der ein beachtliches Aufgebot beteiligt gewesen sei. Dazu zählten die Fregatte HMS Sutherland, das Minenabwehrschiff HMS Ledbury sowie ein Seeaufklärer vom Typ RAF P-8. Auch schwere Transporthubschrauber des Typs Chinook seien zum Einsatz gekommen.
Das Zielobjekt: Die "Smyrtos"
Bei dem beschlagnahmten Schiff handelt es sich nach offiziellen Angaben um die "Smyrtos", einen Tanker, der mutmaßlich unter dem Radar operiert habe, um westliche Embargos zu umgehen. In einer Erklärung des Verteidigungsministeriums hieß es:
"In der ersten von Großbritannien geführten Operation dieser Art wurde das Schiff SMYRTOS von Royal Marine Commandos und speziell ausgebildeten Beamten der National Crime Agency geentert – trotz aller Bemühungen Russlands, Sanktionen zu umgehen und seinen Krieg gegen die Ukraine weiter zu finanzieren."
Der Tanker werde nun zu einem Ankerplatz vor der Südküste Englands eskortiert, wo er unter scharfer Bewachung und Überwachung verbleiben solle. Die Untersuchungen dauerten an.
Die Methoden der "Schattenflotte"
Russland nutze seine sogenannte Schattenflotte, um den Konflikt in der Ukraine zu finanzieren, so das britische Ministerium weiter. Die Aktion sei in "enger Abstimmung" mit den französischen Behörden erfolgt. Frankreich hatte sich bereits mehrfach an derartigen Aufbringungen beteiligt und kommt mittlerweile auf vier beschlagnahmte Tanker.
Die Methoden der Schattenflotte gelten als ausgeklügelt: Ständig wechselnde Schiffsregister und das Abschalten der AIS-Transponder sollen eine Ortung erschweren. Die zuletzt aufgebrachten Tanker fuhren Berichten zufolge unter der Flagge afrikanischer Nationen.
In einigen Fällen soll Russland militärische Begleitschutze entsandt haben, was französische und europäische Streitkräfte bislang von einem Zugriff abgehalten habe. Ungeschützte Schiffe seien hingegen klar exponiert und könnten von europäischen Militärs nach Belieben aufgebracht werden.
Einordnung
Die Aufbringung der "Smyrtos" zeigt, wie sehr sich der Konflikt rund um die Ukraine inzwischen auch auf die Seewege und die Wirtschaftskriegsführung verlagert hat. Die Schattenflotte ist zu einem zentralen Schauplatz geworden, an dem westliche Sanktionen auf russische Umgehungsstrategien treffen. Ob solche spektakulären Zugriffe den Ölhandel Moskaus tatsächlich nachhaltig treffen oder ob die Schattenflotte ihre Routen lediglich verlagert, bleibt eine offene Frage. Die geopolitischen Spannungen jedenfalls dürften mit jeder weiteren Aktion dieser Art zunehmen.
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