
China-Boom als Rettungsanker? Deutsche Firmen gegen EU-Zölle

Während in Berlin und Brüssel die Rufe nach härteren Handelsbarrieren lauter werden, kommt aus Peking ein bemerkenswerter Einspruch: Die Deutsche Außenhandelskammer in China (AHK China) warnt davor, Chinas Exportüberschuss pauschal zu verteufeln. Bei der Vorstellung eines Politikpapiers am Donnerstag in Peking erklärte AHK-Geschäftsführer Oliver Oehms, viele deutsche Unternehmen vor Ort sähen in der Auslandsexpansion chinesischer Firmen inzwischen „ihre wichtigste Geschäftschance“.
Ein Befund, der Berlin nicht gefallen dürfte
Oehms mahnte, man solle sich nicht „zu stark auf Import- und Exportstatistiken fokussieren“. Diese spiegelten die Komplexität des Themas nicht wider. Der Mann war am Morgen aus Berlin zurückgekehrt – und berichtet dort von einer wachsenden Bereitschaft, Zöllen zuzustimmen.
Die Zahlen erklären, warum. Laut Angaben des EU-Rats führte die Europäische Union 2025 Waren im Wert von rund 199,5 Milliarden Euro nach China aus und importierte für 571,3 Milliarden Euro – ein Defizit von über 370 Milliarden Euro. Auch für Deutschland weisen Berichte für 2025 ein Rekordloch aus: Importe aus China legten demnach auf rund 170 Milliarden Euro zu, die Ausfuhren dorthin brachen zweistellig ein.
Wenn Firmeninteresse und Volkswirtschaft auseinanderdriften
Die AHK-Umfrage unter 627 Mitgliedern ergab: 68 Prozent kooperieren bereits mit chinesischen Unternehmen, die ins Ausland drängen. 36 Prozent nennen das ihre größte Geschäftschance. „Das Ergebnis hat uns überrascht“, so Oehms. Elf anonyme Tiefeninterviews mit Managern aus Auto-, Zuliefer-, Logistik- und Technologiebranche folgten im April und Mai.
Das Ergebnis liest sich wie eine Zeitenwende in Zahlen. Ein Autozulieferer berichtet, vor vier Jahren habe er 80 Prozent seines Umsatzes mit internationalen Herstellern gemacht – heute liege das Verhältnis bei 45 zu 55 zugunsten chinesischer Kunden.
„Das Wissen kommt jetzt aus China“ – so beschreibt ein Manager laut dem Papier ein Joint Venture, dessen Dokumente ausschließlich auf Chinesisch verfasst sind.
Türöffner – oder Steigbügelhalter?
Deutsche Firmen verstehen sich dem Papier zufolge als „Brückenbauer“: Sie liefern Produkte (44 Prozent), helfen bei internationalen Standards (25 Prozent), vermitteln Marktzugangs-Expertise (23 Prozent). Die deutsche Marke werde dabei zum „Türöffner für die Glaubwürdigkeit“ chinesischer Partner im Ausland.
Doch da liegt der Haken. Ein Zulieferer spricht von einem „goldenen Zeitfenster“ von 18 Monaten. Danach hätten chinesische Konzerne genug gelernt, um allein in Europa zu bestehen. Oehms räumt das Risiko, später ersetzt zu werden, offen ein.
Zölle im Oktober – und ein deutsches Dilemma
Für Oktober ist ein Treffen zwischen EU-Handelskommissar Maros Sefcovic und Chinas Handelsminister Wang Wentao geplant. Bleibt ein Durchbruch aus, drohen neue Barrieren. Chinas Premier Li Qiang hatte im Frühjahr betont, 40 Prozent der von europäischen Firmen in China gefertigten Waren gingen zurück nach Europa.
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart der Bericht ein unbequemes Dilemma: Was einzelnen Unternehmen kurzfristig nützt, kann industriepolitisch bitter enden. Selbst die AHK verweist auf verschlossene Märkte dort, wo Peking eigene Champions päppelt – Beispiel Solarindustrie. Ein Warnsignal, das man in Berlin und Brüssel ernst nehmen sollte.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Anlageentscheidungen trifft jeder Leser eigenverantwortlich nach eigener Recherche.
- Themen:
- #Übernahmen-Fussion
- #BIP
- #Energie
- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik





















