
Dänemark wählt: Frederiksen pokert mit Grönland-Krise um ihre politische Zukunft
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat für den 24. März 2026 vorgezogene Parlamentswahlen ausgerufen – ein kalkuliertes Manöver, das auf den ersten Blick mutig erscheint, bei genauerem Hinsehen jedoch die Handschrift einer Politikerin trägt, die den günstigen Moment zu nutzen versteht. Denn Frederiksens Popularität verdankt sich weniger ihrer innenpolitischen Bilanz als vielmehr ihrer Konfrontation mit US-Präsident Donald Trump in der Grönland-Frage.
Trumps Grönland-Ambitionen als politischer Rettungsanker
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ausgerechnet Donald Trump, der mit seinen erneuten Annexionsphantasien bezüglich der arktischen Insel für internationale Verwerfungen sorgt, könnte einer sozialdemokratischen Regierungschefin in Skandinavien den Machterhalt sichern. Frederiksen hat in den vergangenen Monaten europäische Staats- und Regierungschefs gegen Trumps Begehrlichkeiten mobilisiert – und die Umfragen zeigen, dass diese entschlossene Haltung bei den Dänen verfängt.
„Dies wird eine entscheidende Wahl, denn in den nächsten vier Jahren werden wir als Dänen und als Europäer wirklich auf eigenen Beinen stehen müssen", erklärte Frederiksen bei der Ankündigung des Wahltermins. Man müsse das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten neu definieren und aufrüsten, um den Frieden auf dem Kontinent zu sichern. Worte, die an Entschlossenheit kaum zu überbieten sind – doch ob sie auch innenpolitisch tragen, steht auf einem anderen Blatt.
Glänzende Außenpolitik, trübe Innenbilanz
Denn hinter der Fassade der internationalen Krisenmanagerin verbirgt sich eine Regierungsbilanz, die alles andere als makellos ist. Die Sozialdemokraten erlitten bei den Kommunalwahlen 2025 eine empfindliche Niederlage und verloren erstmals seit 87 Jahren das Bürgermeisteramt in Kopenhagen. Ein Debakel, das Bände spricht. Die Lebenshaltungskosten steigen, der Wohlfahrtsstaat ächzt unter zunehmendem Druck, und die Bürger fragen sich zu Recht, warum eine Ministerpräsidentin, die bereits zwei Amtszeiten hinter sich hat, plötzlich Lösungen für Probleme verspricht, die unter ihrer Ägide erst entstanden oder sich verschärft haben.
Der politische Kommentator Joachim B. Olsen brachte es auf den Punkt: Frederiksens Schwäche bestehe darin, dass es nach zwei Amtszeiten zunehmend schwieriger werde, über Lösungen zu sprechen, ohne dass die Wähler fragten, warum diese Probleme nicht längst angegangen worden seien. Eine Beobachtung, die man auch manchem deutschen Politiker ins Stammbuch schreiben könnte.
Eine ungewöhnliche Koalition vor dem Zerfall
Dänemark wird seit 2022 von einer bemerkenswerten parteiübergreifenden Koalition regiert, die Frederiksens Sozialdemokraten mit der bürgerlich-liberalen Venstre-Partei und den Moderaten zusammenspannt. Was als Krisenregierung konzipiert war, droht nun laut Umfragen seine Mehrheit zu verlieren, da sich die Parteien wieder entlang der klassischen Links-Rechts-Achse positionieren. Ein Phänomen, das zeigt: Große Koalitionen mögen in Krisenzeiten Stabilität suggerieren, doch auf Dauer verwischen sie politische Profile und frustrieren die Wählerschaft.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Zahlen: Im Dezember waren die Sozialdemokraten auf katastrophale 17 Prozent abgestürzt – ein Wert, der in Deutschland wohl jeden Parteivorsitzenden zum Rücktritt gezwungen hätte. Erst die Grönland-Krise ließ die Werte wieder auf 22 Prozent klettern. Bei der Wahl 2022 hatte die Partei noch 28 Prozent erreicht. Der Aufschwung ist also relativ – und fragil.
Einwanderungspolitik als Trumpfkarte
Bemerkenswert ist, dass Frederiksens Partei auch im Wahlkampf 2026 auf ihre strikte Einwanderungspolitik setzen will – jene Linie, die bereits 2019 den Wahlsieg ermöglichte. Im Januar schlug die Regierung vor, die Abschiebungsregeln für ausländische Staatsangehörige zu lockern, wobei man offen einräumte, dass dies möglicherweise mit europäischen Menschenrechtsrahmen kollidieren könnte.
Ein Ansatz, der in seiner Pragmatik durchaus Respekt verdient und von dem sich so mancher deutsche Politiker eine Scheibe abschneiden könnte. Während hierzulande die Debatte um Migration und Abschiebungen oft in ideologischen Grabenkämpfen versandet, zeigen die Dänen, dass eine sozialdemokratische Partei durchaus eine restriktive Zuwanderungspolitik verfolgen kann, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden. Die Frage ist nur, ob die Wähler Frederiksen diese Glaubwürdigkeit nach Jahren an der Macht noch abnehmen.
Abschaffung eines Feiertags als Bumerang
Ein besonders heikles Thema dürfte die umstrittene Entscheidung von 2023 werden, den Großen Bettag als Feiertag abzuschaffen, um höhere Verteidigungsausgaben zu finanzieren. Obwohl die Dänen grundsätzlich mehr Militärausgaben befürworten, stieß die Streichung eines traditionellen Feiertags auf breiten Unmut. Die Grüne Linke, traditionelle Verbündete der Sozialdemokraten und derzeit in der Opposition, hat bereits versprochen, den Feiertag im Falle eines Wahlsiegs wieder einzuführen – ein Angebot, das Frederiksen bislang nicht ausgeschlossen hat.
Es ist ein Lehrstück darüber, wie schnell pragmatische Haushaltspolitik zum politischen Bumerang werden kann. Traditionen und kulturelle Identität sind eben keine Verhandlungsmasse, die man leichtfertig auf dem Altar der Verteidigungspolitik opfern sollte – eine Erkenntnis, die auch jenseits Dänemarks Gültigkeit besitzt.
Ein Wahlkampf zwischen Souveränität und Sozialpolitik
Der dänische Politikwissenschaftler Rune Stubager identifiziert als zentrale Wählersorgen die Lebensmittelpreise, den Wohlfahrtsstaat, soziale Ungleichheit und – wenig überraschend – die Einwanderung. Es sind Themen, die in ganz Europa die politische Agenda dominieren und die zeigen, dass die Bürger von ihren Regierungen vor allem eines erwarten: konkrete Lösungen für konkrete Probleme, nicht bloß rhetorische Kraftakte auf der internationalen Bühne.
Frederiksen steht vor einem klassischen Dilemma: Ihre internationale Stärke in der Grönland-Frage und bei der Unterstützung der Ukraine könnte durch innenpolitische Versäumnisse konterkariert werden. Die Wahl am 24. März wird zeigen, ob die Dänen bereit sind, einer Ministerpräsidentin eine dritte Chance zu geben, die zwar auf der Weltbühne glänzt, aber zu Hause zunehmend an Glanz verliert.
Für Europa insgesamt ist diese Wahl ein Gradmesser. In Zeiten, in denen die transatlantischen Beziehungen unter beispiellosem Druck stehen und die geopolitische Landkarte neu gezeichnet wird, beobachten die Hauptstädte des Kontinents genau, ob eine Politik der Stärke gegenüber Washington an der Wahlurne belohnt wird – oder ob die Bürger am Ende doch lieber über den Preis ihrer Butter abstimmen.

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