
Das Ende einer Illusion: Warum Europa endlich erwachsen werden muss

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen sich tektonische Platten verschieben – und die meisten Menschen bemerken es erst, wenn der Boden unter ihren Füßen bereits wankt. Die transatlantischen Beziehungen, jene über Jahrzehnte gepflegte Freundschaft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, erleben derzeit einen solchen Moment. Doch während in Brüssel und Berlin noch immer manche Politiker von der "unverbrüchlichen Partnerschaft" faseln, hat Washington längst andere Prioritäten gesetzt.
Die Romantik ist vorbei – Amerika war immer auch Projektion
Für die Nachkriegsgeneration war Amerika mehr als ein Land. Es war ein Versprechen. Jazz und Swing aus dem AFN-Radio, James Dean auf der Kinoleinwand, Coca-Cola und Lucky Strike – all das symbolisierte eine Modernität, die das zerstörte Deutschland aus den Trümmern hob. Der American Way of Life verschmolz mit dem Wirtschaftswunder zu einem glitzernden Traum von Wohlstand, Freiheit und Zukunft.
Doch seien wir ehrlich: Dieses Amerika war immer auch eine Projektion. Eine Sehnsucht, die wir brauchten und pflegten. Die Realität war stets komplizierter – Vietnam, der Irak, die Unterstützung von Diktatoren, wenn es den eigenen Interessen diente. Wir wussten das. Wir wollten es nur nicht sehen.
Die neue amerikanische Sicherheitsstrategie: Eine Scheidungsurkunde
Die neue National Security Strategy der Trump-Regierung liest sich wie eine diplomatische Absage an die bisherige transatlantische Partnerschaft. 33 Seiten, die unmissverständlich klarmachen: Washington hat andere Prioritäten. Europa spielt in den strategischen Überlegungen der USA bestenfalls eine Nebenrolle – wenn überhaupt.
Besonders bemerkenswert ist die Passage über Russland. Während europäische Hauptstädte Moskau als existenzielle Bedrohung betrachten, heißt es aus Washington lakonisch: "Viele Europäer betrachten Russland als existenzielle Bedrohung." Als wäre das eine westeuropäische Marotte, ein Tick, den man belächeln kann.
"Die alten transatlantischen Gewissheiten sind in Verwirrung gestürzt."
So formuliert es Rosa Balfour von Carnegie Europe. Jana Puglierin vom European Council on Foreign Relations spricht von einem "Bruchpunkt". Die Wortführer des alten Amerikas sind sich einig – und ihre Worte gegen das neue Trump'sche Amerika sind scharf.
Die dreifache Entkopplung: Europas geopolitisches Dilemma
Um die Dramatik der Lage zu verstehen, müssen drei Trennungen gleichzeitig gedacht werden. Die erste betrifft Russland: Seit dem Einmarsch in die Ukraine hat sich Europa von russischem Gas, Öl und Kohle gelöst. Die Pipelines sind stillgelegt oder gesprengt. Die Idee des "Wandels durch Handel" – jene deutsche Hoffnung, dass wirtschaftliche Verflechtung Frieden bringt – ist gescheitert.
Die zweite Entkopplung betrifft China. Europa reduziert Abhängigkeiten, diversifiziert Lieferketten und schützt kritische Technologien. Ein schmerzhafter Prozess, denn die Verflechtungen sind tief.
Und dann kam die dritte Entkopplung, die niemand erwartet hatte: Amerika hat uns verlassen. Die geopolitische Ironie ist atemberaubend. Europa hat auf Druck der USA begonnen, sich von China und Russland zu lösen – und dann lässt der "große Bruder" uns stehen.
Was bedeutet das konkret?
Die USA verhandeln mit Russland. Europa spielt dabei keine Rolle. Washington verhält sich gegenüber westeuropäischen Staaten, als gäbe es kaum einen Unterschied zum Iran oder Jemen. In der Strategie wird die Rolle "patriotischer" Parteien in Europa explizit betont. Man spricht davon, "Widerstand innerhalb europäischer Nationen zu kultivieren".
Das ist eine Ansage an all jene, die wie Außenminister Johann Wadephul und Vizekanzler Lars Klingbeil immer noch hoffen, in Washington das alte Amerika zu erleben. Sie wollen oder können die Botschaft nicht verstehen. Was sollen die Amerikaner denn sonst noch tun und sagen?
Die kognitive Dissonanz der Europäer
Was am meisten irritiert, ist nicht die Politik. Es ist das Gefühl – oder genauer: die Unmöglichkeit, dieses Gefühl mit der Realität in Einklang zu bringen. Menschen buchen weiterhin Familienurlaube in die USA, als wäre nichts geschehen. "Es ist doch Amerika", sagen sie achselzuckend. Als wäre das eine Antwort.
Gleichzeitig werden Wissenschaftler an der Grenze abgewiesen, Visa annulliert, Razzien durchgeführt. Die Erinnerungen hallen nach, die Musik spielt weiter – aber das Amerika von Elvis und Kennedy, von Martin Luther King und der Mondlandung ist nicht mehr dasselbe Land.
Europa muss endlich erwachsen werden
Historiker werden eines Tages auf diese Jahre zurückblicken und einen klaren Wendepunkt identifizieren. Wir, die wir mittendrin stecken, erleben den Umbruch als Chaos, als Widerspruch, als endlose Reihe von Nachrichten, die sich nicht zu einem kohärenten Bild fügen wollen.
Wirtschaftlich bedeutet das: Die neuen Zölle sind ein Rückschlag für eine Wirtschaft, deren größter Exportmarkt die USA sind. Es ist kein Handel unter Gleichen mehr. Es ist Tribut.
Kulturell bedeutet das: Die Ära, in der amerikanische Popkultur automatisch als cool galt, ist vorbei. Die junge Generation wächst mit K-Pop und Anime auf, mit europäischen Streamingdiensten und lokalen Influencern. Amerika ist nicht mehr der unangefochtene kulturelle Hegemon.
Geopolitisch bedeutet das: Europa muss lernen, sich zu verteidigen, ohne sich auf Amerika verlassen zu können. Die 150 Milliarden Euro für Raketenabwehr, Cyberkapazitäten und Drohnen sind erst der Anfang.
Die unbequeme Wahrheit
Nathalie Tocci vom Istituto Affari Internazionali formuliert es am schärfsten: Donald Trumps USA seien viel zu sehr an Europa interessiert – aber auf gefährliche Weise. Washington habe jetzt ein Interesse daran, Europa zu schwächen und zu spalten.
Doch hier liegt auch eine unbequeme Wahrheit, die viele nicht hören wollen: Amerika tut nur das, was der Kernauftrag jeder Regierung ist – die eigenen nationalen Interessen wahrzunehmen. Donald Trump hat seinen Amtseid auf die USA geschworen. Friedrich Merz auf Deutschland und das Wohl des deutschen Volkes. Das ist eigentlich völlig nachvollziehbar.
Die Scheidungspapiere liegen auf dem Tisch. Europa muss lernen, allein zu gehen. Das wird nicht einfach sein. Aber vielleicht ist es höchste Zeit, dass wir aufhören, von einem Amerika zu träumen, das es so nie gab – und stattdessen beginnen, unsere eigenen Interessen mit derselben Entschlossenheit zu vertreten, wie es andere Nationen längst tun.
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