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Kettner Edelmetalle
10.02.2026
06:40 Uhr

Deutschlands Energiewende frisst ihre eigenen Kinder: Solaranlagen werden abgeschaltet, weil zu viel Strom da ist

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Deutschland hat Milliarden in den Ausbau erneuerbarer Energien gepumpt, Landschaften mit Solarpaneelen zugepflastert, Windräder in jeden noch so idyllischen Winkel des Landes gestellt – und nun? Nun schalten die Betreiber ihre Anlagen freiwillig ab, weil schlicht zu viel Strom produziert wird. Was wie eine Satire klingt, ist bittere Realität der deutschen Energiepolitik im Jahr 2025.

Rekordproduktion trifft auf ein System, das nicht mithalten kann

Die Zahlen der Handelsplattform Montel EnAppSys sprechen eine unmissverständliche Sprache. Rund 1,75 Terawattstunden grüner Strom wurden im vergangenen Jahr freiwillig abgeregelt – ein Anstieg von fast 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das entspricht etwa 0,3 Prozent der gesamten Jahresstromproduktion. Was auf den ersten Blick nach einer Marginalie klingt, offenbart bei genauerem Hinsehen ein strukturelles Versagen, das die gesamte Architektur der Energiewende in Frage stellt.

Der Mechanismus ist so simpel wie absurd: An sonnigen oder windreichen Tagen speisen unzählige Anlagen gleichzeitig ins Netz ein. Die Nachfrage kann mit diesem Überangebot nicht Schritt halten, die Leitungskapazitäten stoßen an ihre Grenzen. Die Folge? Die Börsenpreise rutschen ins Minus. Ja, Sie haben richtig gelesen – negative Strompreise. Produzenten müssten also draufzahlen, um ihren Strom loszuwerden. Da schaltet man lieber ab.

Das „Kannibalen-Problem" – wenn sich die Erneuerbaren selbst auffressen

Besonders perfide ist das sogenannte „Kannibalen-Problem", das die Branche zunehmend plagt. Jeder neue Solarpark, der ans Netz geht, drückt die Erlöse aller bereits bestehenden Anlagen. Die Erneuerbaren kannibalisieren sich gegenseitig. Wenn zur Mittagszeit Millionen von Solarpaneelen gleichzeitig auf Hochtouren laufen, verfällt der Wert jeder einzelnen Kilowattstunde. Investoren werden nervös, kalkulieren vorsichtiger, und neue Projekte benötigen immer mehr Absicherung, um überhaupt noch finanziert zu werden.

Und es kommt noch schlimmer: Während die negativen Preise durch die Abschaltungen seltener und weniger extrem ausfallen, profitieren ausgerechnet die fossilen Kraftwerke davon. Die Preissignale, die eigentlich Kohle- und Gaskraftwerke aus dem Markt drängen sollten, werden abgeschwächt. Die installierte Leistung erneuerbarer Energien steigt also auf dem Papier, doch der tatsächliche Klimanutzen hinkt hinterher. Eine Ironie, die man sich nicht ausdenken könnte.

Das Solarspitzengesetz – Flickschusterei statt Systemlösung

Die politische Antwort auf dieses Dilemma kam, wie so oft in Deutschland, als hektischer Schnellschuss kurz vor der Bundestagswahl im Februar 2025. SPD, Grüne und Union verabschiedeten gemeinsam das sogenannte Solarspitzengesetz. Neugebaute Anlagen erhalten seitdem keine Vergütung mehr, wenn sie bei negativen Börsenpreisen einspeisen. Was zunächst vernünftig klingt, ist in Wahrheit ein Eingeständnis des Scheiterns: Man hat jahrelang den Ausbau der Erzeugungskapazitäten vorangetrieben, ohne sich auch nur ansatzweise ausreichend um Netze, Speicher und Flexibilität zu kümmern.

Jean-Paul Harreman, Studienautor und Director bei Montel EnAppSys, ordnete die Situation diplomatisch ein: Das Abschalten emissionsfreier Erzeugung sei zwar umstritten, helfe aber, die Funktionsfähigkeit der Märkte aufrechtzuerhalten. Man könnte es auch weniger diplomatisch formulieren: Deutschland hat ein Energiesystem gebaut, das an guten Tagen so viel produziert, dass es sich selbst sabotiert.

Speicher fehlen, Smart Meter fehlen, politischer Wille fehlt

Dabei wäre die Lösung im Grunde bekannt. Mit ausreichend Speicherkapazitäten, intelligenter Netzsteuerung und flexiblen Verbrauchern ließe sich der Überschussstrom sinnvoll nutzen – etwa zum Laden von Elektrofahrzeugen oder für industrielle Prozesse. Doch der Ausbau der Speicher hinkt dem Zubau der Erzeugung dramatisch hinterher. Smart Meter, die in anderen europäischen Ländern längst Standard sind, fehlen in Deutschland vielerorts noch immer. Das Land, das sich so gerne als Vorreiter der Energiewende inszeniert, scheitert an der banalen Aufgabe, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen.

Was bleibt, ist ein System voller Widersprüche. Deutschland feiert Rekorde bei der installierten Leistung erneuerbarer Energien, während gleichzeitig immer mehr sauberer Strom ungenutzt verpufft. Betreiber suchen verzweifelt nach neuen Erlösquellen, koppeln Batteriespeicher an ihre Anlagen oder versuchen, zusätzliche Märkte zu erschließen. Doch solange die Systemlücke zwischen Erzeugung, Netzen und Verbrauch nicht geschlossen wird, bleiben Überangebotsphasen trauriger Alltag.

Ein Sinnbild für die deutsche Planungskultur

Diese Entwicklung ist symptomatisch für eine Politik, die seit Jahren lieber ambitionierte Ziele verkündet, als die mühsame Detailarbeit zu leisten, die für deren Umsetzung nötig wäre. Man hat den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht – und wundert sich nun, dass man stolpert. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz steht vor der Herkulesaufgabe, dieses Chaos zu ordnen. Ob das mit einem 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen gelingt, das ohnehin schon die Inflation befeuert und kommende Generationen mit Schulden belastet, darf bezweifelt werden.

Es werden also weiterhin sonnige Tage kommen, an denen Solaranlagen absichtlich keinen Strom erzeugen, obwohl sie es könnten. Weil der Überfluss sonst in negative Preise kippt. Weil die Netze es nicht verkraften. Weil die Speicher fehlen. Willkommen in der deutschen Energiewende – einem Projekt, das sich zunehmend selbst im Weg steht. Für den Bürger, der die Zeche über steigende Strompreise und Netzentgelte zahlt, ist das mehr als nur ein technisches Problem. Es ist ein Vertrauensverlust in eine politische Klasse, die große Versprechen macht, aber an der Umsetzung scheitert.

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