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Kettner Edelmetalle
09.01.2026
17:04 Uhr

Digitaler Schülerausweis in Berlin: Wenn sich die Verwaltung selbst feiert, bevor sie liefert

Es ist ein Schauspiel, das man nur in der deutschen Hauptstadt in dieser Perfektion erleben kann: Die Berliner Senatsverwaltung verleiht sich selbst einen Preis für ein Projekt, das noch gar nicht existiert. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch von der CDU präsentiert sich als Vorreiterin der Digitalisierung – während Hunderttausende Eltern weiterhin in endlosen Warteschlangen vor BVG-Servicecentern ausharren müssen.

Das große Versprechen: Ein Ausweis für alles

Die Idee klingt tatsächlich verlockend. Ein digitaler Schülerausweis, der gleichzeitig als Fahrschein für den öffentlichen Nahverkehr dient, würde den bürokratischen Wahnsinn beenden, unter dem Berliner Familien seit Jahren leiden. Denn die aktuelle Situation ist schlichtweg absurd: Während manche Schulen noch Pappkärtchen ausstellen, auf denen das Passbild vorschriftsmäßig „teilweise vom Kleinen Schulstempel abgedeckt" werden muss, gibt es anderswo bereits Scheckkarten. Diese Flickenteppich-Lösung führt dazu, dass nicht jeder Ausweis überall anerkannt wird.

Noch dramatischer gestaltet sich die Beantragung des kostenlosen Schülertickets. Seit 2019 dürfen Berliner Schüler den Nahverkehr zwar gratis nutzen, benötigen dafür jedoch einen separaten BVG-Ausweis. Die Online-Beantragung scheitert regelmäßig an Softwareproblemen, die sich über Monate hinziehen. Also bleibt nur der Gang zum Servicecenter – mit der Empfehlung, sich vorsorglich einen ganzen Tag freizunehmen.

Selbstbeweihräucherung im Roten Rathaus

Umso erstaunlicher mutet es an, dass die Senatorin bereits jetzt Lorbeeren einsammelt. Bei einem Festakt im Roten Rathaus wurde ihr und den Verantwortlichen aus der Verwaltung ein Preis verliehen – von der Berliner Verwaltung selbst. Den Juryvorsitz führte ausgerechnet die „Chief Digital Officer" der Stadt. Man könnte meinen, hier habe sich jemand die eigene Hausaufgabe korrigiert und eine Eins mit Sternchen vergeben.

„Der neue Berliner Schülerausweis steht für eine moderne, bürgernahe Verwaltung"

So tönte Günther-Wünsch bei der Preisverleihung. Von einer „2-in-1-Lösung" war die Rede, die den Alltag von rund 400.000 Schülern erleichtern werde. Gleichzeitig setze man „ein starkes Zeichen für Digitalisierung, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit". Drei Dinge auf einmal also – wobei die Senatorin offenbar vergaß zu erwähnen, dass der Ausweis „perspektivisch auch als App verfügbar sein" soll. Das macht dann schon fast eine „3-in-1-Lösung".

Die ernüchternde Realität

Doch dann kommt der Haken, versteckt in jenem unscheinbaren Wörtchen „perspektivisch". Auf Nachfrage räumte die Senatsverwaltung ein, dass sich der digitale Schülerausweis „derzeit in der Entwicklungsphase" befindet. Ob er in der zweiten Jahreshälfte zum Einsatz kommen kann, stehe „noch nicht fest". Mit anderen Worten: Man feiert ein Projekt, das möglicherweise irgendwann einmal funktionieren könnte.

Diese Episode ist symptomatisch für den Zustand der deutschen Verwaltung. Während andere Länder längst digitale Lösungen implementiert haben, verliert sich die Berliner Bürokratie in Ankündigungen und Selbstbelobigungen. Die Leidtragenden sind wie immer die Bürger – in diesem Fall Familien, die weiterhin Urlaubstage opfern müssen, um einen simplen Fahrausweis zu beantragen.

Smartphones für Erstklässler?

Einen pikanten Nebenaspekt hat die Debatte allerdings noch: Wenn tatsächlich alle 400.000 Schüler den digitalen Ausweis als App nutzen sollen, würde das bedeuten, dass auch Erstklässler ein Smartphone benötigen. Eine gesellschaftliche Diskussion, die man sich angesichts der ohnehin grassierenden Bildschirmsucht bei Kindern lieber ersparen möchte. Immerhin: Solange das Projekt nicht über die Ankündigungsphase hinauskommt, bleibt uns diese Debatte erspart.

Die Berliner Politik liefert einmal mehr ein Lehrstück in Sachen Symbolpolitik. Große Worte, pompöse Preisverleihungen, strahlende Gesichter – und am Ende wartet der Bürger weiter in der Schlange. Dit is Berlin, wie man in der Hauptstadt zu sagen pflegt.

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