
Eklat im Lambeth Palace: Erzbischöfin ehrt Hardliner – und rudert zurück

Ausgerechnet am 25. Jahrestag von 9/11 überreichte die Erzbischöfin von Canterbury, Sarah Mullally, einem pakistanischen Islamgelehrten einen Preis für Versöhnung. Sechs Tage später kassierte der Lambeth Palace die Auszeichnung wieder ein. Grund: alte Aussagen des Geehrten über Osama bin Laden.
Ein Preis, der nur sechs Tage hielt
Am vergangenen Freitag erhielt Hafiz Muhammad Tahir Mehmood Ashrafi in London den „Hubert Walter Award for Reconciliation and Interfaith Cooperation“ – eine Ehrung der anglikanischen Kirche für Verdienste um Versöhnung und interreligiöse Zusammenarbeit. Ashrafi war einer von 27 Preisträgern.
Am Donnerstag dann die Rolle rückwärts. In einer Mitteilung erklärte der Lambeth Palace, frühere Äußerungen Ashrafis seien bekannt geworden und hätten zu einer Neubewertung geführt.
„Es ist ein seit Langem geltendes Prinzip des interreligiösen Dialogs, dass wir über tief verwurzelte Unterschiede hinweg miteinander in Kontakt treten müssen“, heißt es sinngemäß in der Erklärung – dennoch werde der Preis zurückgezogen.
Vergeben worden war er laut Palast für Ashrafis langjährigen Einsatz für religiöse Minderheiten in Pakistan, besonders für die dortigen Christen.
„Schwert Gottes“ für den Terrorpaten?
Was der Kirchenzentrale offenbar entgangen war: 2007 hatte Ashrafi im Streit um die britische Ritterwürde für den Schriftsteller Salman Rushdie angekündigt, Osama bin Laden mit dem Ehrentitel „Saifullah“ – „Schwert Gottes“ – auszuzeichnen. Der damalige Vorsitzende des Pakistan Ulema Council begründete das als Reaktion auf die Ehrung Rushdies.
Ashrafi selbst weist die Deutung zurück. Seine Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen worden, erklärte er; es habe sich nicht um Unterstützung für bin Laden gehandelt, sondern um die Darstellung muslimischer Empörung. Verliehen habe er den Titel nie.
Todesstrafe für Blasphemie – „um jeden Preis“ verteidigt
Der eigentliche Sprengsatz liegt woanders. Ashrafi tritt seit Jahren für den Erhalt der pakistanischen Blasphemiegesetze ein. Paragraf 295-C des dortigen Strafgesetzbuches sieht für die Verunglimpfung Mohammeds die Todesstrafe vor, ergänzt um eine Geldstrafe. Hingerichtet wurde deswegen bislang niemand – Todesurteile gab es mehrfach.
2023 soll Ashrafi nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur APP erklärt haben, das Gesetz sei „noch nie missbraucht“ worden und müsse „um jeden Preis“ geschützt werden. Auch falsche Ankläger will er hart bestraft sehen – nach seiner Forderung mit derselben Strafe wie die Verurteilten.
Menschenrechtsorganisationen sehen das anders: Human Rights Watch hat Berichten zufolge über 2.000 Fälle dokumentiert, in denen Blasphemievorwürfe für persönliche Fehden, Erpressung oder Landraub instrumentalisiert worden sein sollen. Betroffen seien vor allem religiöse Minderheiten.
Wenn Dialog zur Selbstaufgabe wird
Mullally ist seit März 2026 die erste Frau an der Spitze der Kirche von England – ein historisches Amt, 1400 Jahre alt. Ihr Start steht nun im Schatten einer Panne, die mit einer simplen Internetrecherche vermeidbar gewesen wäre.
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart der Vorgang mehr als Schlamperei: Wer Versöhnung feiert, ohne die Positionen des Geehrten zu prüfen, riskiert, ausgerechnet jene Christen zu beschämen, die in Pakistan unter Verdächtigungen und Gewalt leiden. Kritiker in Großbritannien fragen längst, ob europäische Institutionen aus lauter Dialogbereitschaft die eigenen Grundwerte – Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit – zur Verhandlungsmasse machen.
Ein Preis lässt sich zurückziehen. Vertrauen nicht so leicht.
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