
Grünen-Chef auf dem Brocken: „Es kommen nur die Gläubigen“

Grünen-Bundeschef Felix Banaszak tourt derzeit mit einem elektrischen Van durch Ostdeutschland. Auftakt seiner Wahlkampfreise vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: eine Wanderung auf den Brocken im Harz. Rund 40 Menschen zogen mit ihm hinauf – überwiegend Parteifreunde und Funktionäre, wie ein mitwandernder Reporter berichtet.
Vier Prozent – und ein Berg als Bühne
Der Zeitpunkt ist heikel. Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag, und die Grünen kratzen in den Umfragen an der Fünf-Prozent-Hürde. Wahltrend-Auswertungen sehen die Partei bei rund viereinhalb Prozent – 2021 waren es 5,9 Prozent.
Zum Vergleich der Kräfteverhältnisse: Die AfD liegt in aktuellen Erhebungen bei über 40 Prozent, die CDU deutlich dahinter im Bereich der Zwanziger. Vor fünf Jahren hatte die Union noch 37,1 Prozent geholt. Ein politisches Erdbeben, das sich seit Monaten ankündigt.
Für die Grünen geht es schlicht ums Überleben im Magdeburger Landtag. „Wir geben den Osten nicht verloren“, sagte Banaszak dem Bericht zufolge vor der Kulisse abgestorbener Fichten – und zeichnete dort gleich einen Social-Media-Clip auf.
Der Satz, der alles sagt
Bemerkenswert ehrlich äußerte sich ein Parteiveteran. Ulrich-Karl Engel, 76 Jahre alt und bis 1998 für die Grünen im Landtag von Sachsen-Anhalt, beschrieb die Zusammensetzung der Wandergruppe demnach mit einem Bild, das für die Lage der Partei kaum treffender sein könnte:
„Es ist wie in der Kirche. Es kommen nur die Gläubigen.“
Genau das ist das Dilemma jeder Partei, die im Umfragekeller steckt: Wer nur noch die eigene Anhängerschaft erreicht, gewinnt keine Wähler zurück. Fairerweise gehört dazu: Der Termin war öffentlich ausgeschrieben, jeder hätte mitlaufen können. Kritische Bürger blieben dem Bericht zufolge dennoch fern.
Elektro-Van, Diesellok und ein 43-Euro-Ticket
Die Symbolik des Tages hat Volten geschlagen, die sich kein Drehbuchautor ausdenken würde. Das „Taxi Banaszak“, ein batterieelektrischer Mercedes-Van, traf verspätet ein – Zwischenstopp zum Laden. Für die Rückfahrt ins Tal war laut Fahrplan eigentlich eine Dampflok vorgesehen; eingesetzt wurde stattdessen eine Diesellok, im Volksmund „Harzkamel“.
Und die Zeche zahlten die Fußsoldaten selbst. Das Ticket vom Gipfel nach Schierke kostet 43 Euro pro Person, Verpflegung gab es dem Bericht zufolge keine. Ein Teil der Anhänger stieg zu Fuß ab. Der Parteichef wurde von seinem Team mit Ticket und alkoholfreiem Bier versorgt – und ließ sich am Bahnhof von seinem Fahrer abholen, während die Übrigen 2,8 Kilometer zurück zum Parkplatz liefen.
Kanzlerschelte inklusive
Auch über Friedrich Merz sprach Banaszak unterwegs. Der Kanzler blicke „abgehoben“ auf das Volk, seine Unbeliebtheit habe er selbst zu verantworten. „So kann man vielleicht noch ein Unternehmen führen, aber kein Land“, wird der Grünen-Chef zitiert.
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart dieser Wandertag mehr über den Zustand des politischen Betriebs als jede Talkshow: Während Bürger über Energiepreise, Sicherheit und Kaufkraft klagen, wandert die Berliner Politik im eigenen Milieu bergauf – und wundert sich über den Abstieg an der Wahlurne.

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