
Häme nach Aiwangers Tod: Wenn „Satire“ jeden Anstand verliert

Bayern trauert um Hubert Aiwanger. Der Chef der Freien Wähler und stellvertretende Ministerpräsident wurde am Mittwochabend tot in einem Berliner Hotel gefunden. Nur wenige Stunden später verhöhnten erste Accounts aus dem linken Spektrum den Verstorbenen im Netz. Ganz vorne dabei: die Satirepartei „Die PARTEI“.
Ein Toter, eine Träne und ein geschmackloser Witz
Medienberichten zufolge veröffentlichte die Partei auf ihrem verifizierten Instagram-Account eine Grafik mit dem Titel „Aiwanger doch nicht tot!“. Daneben ein Schwarz-Weiß-Foto des Politikers, auf seiner Wange eine Träne. Dazu kam ein erfundenes Zitat in bayerischem Dialekt: Die Berichte seien falsch, er lebe noch, es sei „scho wieda bloß mei Bruada“ gewesen.
Als Ortsangabe soll der Beitrag ausgerechnet das „Hotel Neuer Fritz“ genannt haben. In diesem Haus nahe dem Bahnhof Friedrichstraße war Aiwanger leblos aufgefunden worden. Ist das noch Satire? Aus Sicht vieler Beobachter ist hier eine Grenze überschritten, die man nicht mehr mit Humor erklären kann. Auf X sprach ein Nutzer davon, die Partei sei damit „moralisch ganz unten“ angekommen.
Die Anspielung: Eine Affäre, die Aiwanger nicht zu Fall brachte
Der „Witz“ zielt auf die Flugblatt-Affäre vom Spätsommer 2023. Wenige Wochen vor der bayerischen Landtagswahl hatte die Süddeutsche Zeitung berichtet, in Aiwangers Schulzeit sei bei ihm ein antisemitisches Flugblatt gefunden worden. Ein politisches Erdbeben folgte, und bundesweit wurde sein Rücktritt gefordert.
Dann bekannte sich Aiwangers Bruder Helmut dazu, das Pamphlet verfasst zu haben. Ehemalige Mitschüler entlasteten den Politiker. Wie berichtet wurde, soll der Hinweis von einem früheren Lehrer gekommen sein, der einst für die SPD kandidiert hatte. Aiwanger blieb im Amt. Seine Freien Wähler legten bei der Wahl sogar zu. Viele Wähler sahen in der Affäre offenbar eher eine Kampagne als einen Skandal.
„Einer weniger“: Kommentare, die schnell verschwanden
Die PARTEI blieb nicht allein. Nach Screenshots, die in sozialen Netzwerken kursieren, soll ein Nutzer, der offenbar dem Vorstand der Linken in Hannover angehört, unter eine Todesmeldung „Einer weniger“ geschrieben haben. Auch ein grünes Ratsmitglied aus Hilden in Nordrhein-Westfalen soll den Tod mit den Worten „Der Tag wird immer besser“ kommentiert haben.
Beide Kommentare sind inzwischen gelöscht. Das Internet vergisst allerdings nicht. Bemerkenswert ist das schon: Ausgerechnet aus jenen Lagern, die Andersdenkenden gerne „Hass und Hetze“ vorwerfen, kommt nun blanke Häme über einen Toten. Für viele Bürger zeigt sich hier eine Doppelmoral, die den politischen Diskurs in Deutschland seit Jahren vergiftet.
Ermittler suchen noch nach der Todesursache
Während im Netz gespottet wird, ist der Tod selbst noch nicht geklärt. Nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft haben die Behörden zusammen mit der 6. Mordkommission des Landeskriminalamts ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Das ist bei solchen Fällen Routine. Eine Obduktion soll Klarheit bringen. Ziel sei es, Todesursache und Hergang zu klären und ein Fremdverschulden auszuschließen.
Medienberichten zufolge sollte Aiwanger am Mittwochnachmittag eigentlich das neue Hauptstadtbüro der Freien Wähler in der Französischen Straße eröffnen. Er sagte jedoch aus gesundheitlichen Gründen ab und ließ sich vertreten. Später war er nicht mehr erreichbar.
Vom Bauernhof an die Spitze Bayerns
Aiwanger wurde am 26. Januar 1971 in Ergoldsbach in Niederbayern geboren. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er Agrarwissenschaften in Weihenstephan und arbeitete danach im elterlichen Hof. Er galt als bodenständig und streitlustig und sprach unverstellt Dialekt. Damit machte er die Freien Wähler zu einer festen Größe im Freistaat. Politiker aller Parteien reagierten erschüttert auf seinen Tod.
Er starb mit 55 Jahren und hinterlässt eine Familie. Man muss Aiwangers Politik nicht gemocht haben, um eines festzuhalten: Respekt vor den Toten gehört zum Fundament einer zivilisierten Gesellschaft. Das deutsche Recht stellt die Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener in Paragraf 189 des Strafgesetzbuchs sogar unter Strafe. Ob die Beiträge strafrechtlich relevant sind, müssten gegebenenfalls die Behörden prüfen. Moralisch haben sich die Verfasser nach Ansicht vieler Kritiker jedenfalls selbst disqualifiziert.
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