
Ingenieur-Paradox: Rekord-Arbeitslosigkeit – und trotzdem fehlen Köpfe!

So viele arbeitslose Ingenieure und IT-Spezialisten gab es in Deutschland noch nie, seit die Daten erhoben werden. Laut dem neuen Ingenieurmonitor von VDI und Institut der deutschen Wirtschaft (IW) waren im dritten Quartal 2026 genau 65.427 Fachkräfte ohne Job. Im selben Zeitraum stieg aber auch die Zahl der offenen Stellen wieder an. Wie passt das zusammen?
Ein Arbeitsmarkt mit zwei Gesichtern
Im Vergleich zum Vorjahresquartal wuchs die Arbeitslosigkeit in den Ingenieur- und Informatikberufen um 13,7 Prozent. Ein Jahr zuvor lag sie noch bei 57.519. Das ist der höchste Wert seit 2011, als die Erhebung begann.
Gleichzeitig meldet die Studie 105.340 offene Stellen, ein Plus von 5,9 Prozent. Nach drei Jahren Rückgang ist das der erste Zuwachs. Vor allem Informatikberufe (+10,3 Prozent) sowie technische Forschung und Produktionssteuerung (+7,5 Prozent) legten zu.
VDI-Direktor Adrian Willig warnt trotzdem vor zu viel Optimismus:
„Die steigende Zahl offener Stellen ist ein erstes positives Signal für den Ingenieur- und Informatikarbeitsmarkt, auch wenn von einer echten Trendwende noch keine Rede sein kann."
Der Süden bekommt die Krise zu spüren
Den härtesten Schlag spürt ausgerechnet das industrielle Herz der Republik. In Baden-Württemberg stieg die Arbeitslosigkeit in den Technikberufen um 20,6 Prozent, in Bayern um 16,8 Prozent. Das sind die Länder der Autobauer und Zulieferer, des Maschinenbaus und der Elektroindustrie. Sie ächzen unter hohen Energiepreisen, dichter Regulierung und den US-Zöllen.
In technischer Forschung und Produktionssteuerung waren 19,3 Prozent mehr Menschen arbeitslos, in der Informatik 18,0 Prozent mehr. In der Kunststoff- und Chemieindustrie sank die Zahl der offenen Stellen um 12,4 Prozent. Das ist kein normales Konjunkturtief. Die alte Industrie verliert an Substanz.
VDI-Arbeitsmarktexperte Maximilian Stindt sagt, der Arbeitsmarkt sei von der Transformation geprägt. Steigende Arbeitslosigkeit treffe auf Fachkräfteengpässe. Anders gesagt: Die Arbeitslosen haben oft nicht die Qualifikationen, die gerade gesucht werden.
Wo Ingenieure händeringend gesucht werden
Am deutlichsten zeigt sich der Mangel im Bauwesen. Auf 100 arbeitslose Bauingenieure kommen 318 offene Stellen, insgesamt sind es 36.310. Laut Studie profitiert der Bau unter anderem von öffentlichen Investitionen. Ob das milliardenschwere, schuldenfinanzierte Sondervermögen auf Dauer trägt, bleibt offen. Klar ist: Bezahlen müssen es künftige Steuerzahler.
Dahinter folgen Energie- und Elektrotechnik (238), Maschinen- und Fahrzeugtechnik (174) und Informatik (117). Insgesamt sank die sogenannte Engpasskennziffer von 173 auf 161. Sie liegt damit immer noch deutlich über der Mangelschwelle von 100.
Der Osten und Norden ziehen an
Besonders groß sind die Engpässe in Sachsen-Anhalt und Thüringen (249), in Sachsen (219) und in der Region Nord (205). Im Norden stieg die Zahl der offenen Stellen um 22,4 Prozent. Nach absoluten Zahlen liegt Bayern mit 18.600 Stellen vorn, knapp vor Nordrhein-Westfalen mit 18.320.
Der Blick zurück zeigt, wie tief der Absturz ist
Ein Vergleich macht das Ausmaß deutlich. Im ersten Quartal 2022 meldete das IW noch einen Rekord von 151.300 offenen Stellen. Auf 100 Arbeitslose kamen damals 418 freie Stellen. Heute sind es nicht einmal halb so viele. In weniger als fünf Jahren hat der Technikstandort Deutschland gewaltig an Schwung verloren.
Langfristig wird es trotzdem eng. In den nächsten zehn Jahren gehen laut VDI rund 315.000 Ingenieur- und IT-Fachkräfte in Rente. Der Verband setzt deshalb auf Umschulung, mehr Frauen in Technikberufen und Fachkräfte aus dem Ausland.
Ob das reicht, hängt von der Politik ab. Fachkräfte suchen sich ihren Arbeitsplatz dort, wo die Industrie wieder wächst. Eine Regierung, die mehr verwaltet, als dass sie Wachstum ermöglicht, schafft dafür wenig Anreize. Ingenieure lassen sich nicht per Förderprogramm herbeizaubern. Sie brauchen Unternehmen, die in Deutschland eine Zukunft sehen.
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