
Kiew ohne Vorwarnung: Wenn Washington das Licht ausknipst

Zweimal hintereinander schlugen russische ballistische Raketen in Kiew ein, und zweimal kam vorher keine Warnung der westlichen Partner. Präsident Wolodymyr Selenskyj klagt das inzwischen öffentlich an. Gleichzeitig rücken russische Satelliten im Orbit einem Radarsatelliten auf die Pelle, den die Ukraine dringend braucht. Dahinter steht eine unbequeme Wahrheit: Ein Land, das sich auf fremde Augen verlässt, ist blind, sobald jemand anderes sie schließt.
„Wieder einmal keine Vorwarnung“
Wieder einmal habe es keine Vorwarnung von den Partnern gegeben, schrieb Selenskyj laut APA. Die Raketen seien erst im Anflug auf die Hauptstadt vom eigenen Radar erfasst worden. Medienberichten zufolge starben Menschen, außerdem wurde das Heizkraftwerk CHP-4 getroffen. Die ukrainische Luftwaffe verlangt eine Erklärung, warum der Alarm ausblieb.
Einen Namen nannte Selenskyj nicht. Das war auch nicht nötig. Schon im März 2025 hatte er eingeräumt, dass Kiew ohne US-Aufklärung den Start russischer Raketen nicht erkennen könne. Direkten Zugriff auf die Daten habe man nie gehabt, sie würden immer nur weitergereicht.
Druckmittel Raffinerien?
Außenminister Andrij Sybiha versucht zu beruhigen. Der Datenaustausch mit den USA laufe weiter, die Verzögerung hänge mit den Besonderheiten der eingesetzten Waffen zusammen. Luftwaffensprecher Jurij Ihnat sagt, vor drei Angriffswellen sei gewarnt worden, nur vor der ersten nicht.
Trotzdem wirkt der zeitliche Zusammenhang heikel. Laut Reuters sollen US-Vertreter damit gedroht haben, Aufklärungsdaten und Waffenverkäufe zu stoppen, falls Kiew weiter russische Raffinerien angreift. Selenskyj bestätigte gegenüber NPR, dass es solche Drohungen gegeben habe. Ein hochrangiger Beamter in Kiew sagte laut AFP sogar, die USA hätten konkret mit einem Ende der Informationen zu Raketenstarts gedroht. Dass die ausgebliebenen Warnungen tatsächlich eine Reaktion darauf waren, ist allerdings nicht belegt. Donald Trump beschwerte sich derweil in seinem sozialen Netzwerk, Selenskyj greife erneut russische Dieselvorräte an und belaste damit den ohnehin angespannten Weltmarkt.
Leere Lager, ruckelnde Drohnen
Dazu kommt ein Mangel an Material. Nach Selenskyjs Angaben hat die Ukraine in diesem Jahr zweieinhalbmal weniger Abfangraketen als 2025. Gegen ballistische Raketen gelten vor allem die amerikanischen Patriot-Systeme als wirksam. Die US-Bestände sind durch den Iran-Krieg aber deutlich geschrumpft. Ohne Frühwarnung und ohne Abfangraketen bleibt vielen Menschen in Kiew nur der Keller.
Als ob das nicht reichte, fiel nach ukrainischen Angaben auch der militärische Satellitendienst Starshield aus, sobald sich die Terminals schnell bewegten. Betroffen waren Angriffsdrohnen und die Luftverteidigung. Mychajlo Fedorow kündigte an, Verbindungen bis 160 km/h würden wiederhergestellt. Die Begrenzung ganz aufzuheben sei aber „kritisch“. Elon Musk wies die Verantwortung von sich: Starshield gehöre der US-Regierung, und über Beschränkungen entscheide das US-Militär, letztlich also der Präsident. Wer die Drosselung angeordnet hat, ist bis heute unklar.
Schattenspiele im Orbit
Auch im All wird es enger. Mehrere russische Militärsatelliten haben sich seit dem Frühjahr dem finnisch-amerikanischen Radarsatelliten ICEYE-X36 genähert. Nach einer Analyse von Integrity ISR kamen vier Kosmos-Satelliten bis auf rund 13 Kilometer heran, die Bundeswehr warnte Anfang Oktober vor den Manövern. Der sogenannte „Volkssatellit“ wurde 2022 über eine Spendenaktion für die ukrainische Armee finanziert und lieferte laut ukrainischen Medien mehr als 5.900 Aufnahmen. Das Londoner Royal United Services Institute hält eine Störung ohne physischen Angriff für das wahrscheinlichste Szenario. Dass Russland Satelliten zerstören kann, hat es 2021 gezeigt: Damals schoss es den ausgedienten Satelliten Kosmos 1408 in knapp 500 Kilometern Höhe ab.
Europas peinliche Lücke
Und was hat Europa zu bieten? Nicht viel. Für das amerikanische Infrarot-Frühwarnsystem SBIRS gebe es in Europa „nichts Vergleichbares“, zitiert Reuters einen Experten von Chatham House. Das OneWeb-Netz von Eutelsat gilt als zu veraltet für den Einsatz an der Front. Das EU-Projekt IRIS² ist noch Jahre von der Einsatzreife entfernt. Brüssel hat jahrelang Strategiepapiere verfasst, aber kaum eigene Fähigkeiten aufgebaut. Ob in Kiew, Berlin oder Brüssel: Souveränität entsteht nicht durch Gipfelerklärungen, sondern durch eigene Stärke. Die Ukraine erlebt gerade, was es bedeutet, wenn diese Stärke fehlt.
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