
Krieg als Konjunkturprogramm: Wie der Iran-Konflikt die Raffineriemargen auf Rekordhöhen katapultiert

Zum zweiten Mal in diesem Jahrzehnt hat ein Krieg die globalen Ölmärkte aus dem Gleichgewicht gerissen. Und wieder gilt die alte, bittere Regel: Wenn Raketen fliegen, klingeln irgendwo Kassen. Die Eskalation im Nahen Osten hat den Verkehr durch die Straße von Hormus ins Stocken gebracht, asiatische Raffinerien fahren ihre Durchsätze zurück, China verhängte zeitweise ein Exportverbot – und die Margen der großen Verarbeiter schossen in Bereiche, die selbst hartgesottene Rohstoffhändler staunen lassen.
Der Engpass sitzt nicht beim Rohöl, sondern im Tank
Wer glaubt, es gehe hier bloß um den Barrelpreis, hat das Wesentliche nicht verstanden. Der eigentliche Flaschenhals liegt nicht beim Rohöl, sondern bei den fertigen Produkten: Benzin, Diesel, Kerosin. Während der Rohölpreis über die 100-Dollar-Marke kletterte, blieben die Raffineriemargen auf Rekordniveau – ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Verarbeitungskapazität knapper ist als der Rohstoff selbst. Russlands Dieselexportverbot, Ausfälle in russischen Anlagen, schwindende globale Lagerbestände: Die Faktoren addieren sich zu einem Cocktail, der Endverbrauchern an der Zapfsäule teuer zu stehen kommt.
Die Internationale Energieagentur, sonst nicht für alarmistische Töne bekannt, ließ ihren Direktor eine ungewöhnlich deutliche Warnung aussprechen. Für Selbstzufriedenheit in der Ölversorgungssicherheit gebe es angesichts eskalierender Feindseligkeiten und schwindender kommerzieller Vorräte keinen Raum, hieß es. Man verwies beschwichtigend auf über eine Milliarde Barrel staatlich kontrollierter Reserven – räumte im gleichen Atemzug jedoch ein, dass die Raffinerieaktivität mit den Rohöllieferungen nicht Schritt gehalten habe. Die Märkte für Diesel und Benzin seien somit deutlich angespannter als jene für Rohöl.
Bilanzen wie zu Kriegsbeginn 2022
Für die Konzerne ist das ein Fest. Die Quartalszahlen erinnern an das Jahr 2022, als der russische Einmarsch in die Ukraine die Energiemärkte pulverisierte. Shell verdoppelte seinen Gewinn gegenüber dem Vorjahresquartal mehr als, getragen von höheren Öl- und Gaspreisen, rekordhoher Anlagenauslastung und starkem Handelsgeschäft. Die Auslastung der Raffinerien lag bei 102 Prozent – ein Wert, der nur durch minimale Wartungsausfälle erreichbar ist. Die indikative Raffineriemarge kletterte von 17 auf 24 Dollar je Barrel, die Chemiemarge verdoppelte sich auf 270 Dollar je Tonne. Der Vorstandschef sprach von exzellenter operativer Leistung – man darf das auch als Understatement des Jahres lesen.
TotalEnergies steigerte den bereinigten Nettogewinn um 68 Prozent auf sechs Milliarden Dollar. Der europäische Margenindikator des Konzerns verdreifachte sich im Jahresvergleich beinahe – von 4,3 auf 12,4 Dollar je Barrel. Man habe die Spannungen bei der Versorgung mit Fertigprodukten geschickt gemanagt, um Margen zu maximieren, ließ die Konzernführung wissen. Übersetzt: Man hat die Knappheit optimal monetarisiert.
Trump poltert, die Konzerne kalkulieren
In den USA melden ExxonMobil und Chevron ebenfalls Rekorde – und ziehen prompt den Zorn des Präsidenten auf sich. Donald Trump erklärte, die Konzerne verdienten "zu viel Geld" und müssten etwas davon an die Öffentlichkeit zurückgeben, indem sie die Verbraucherpreise senkten. Ob politischer Druck jemals physikalische Knappheit beseitigt hat, darf getrost bezweifelt werden. Chevron verzeichnete einen Rekorddurchsatz von über einer Million Barrel pro Tag. Die Engstelle seien die Mitteldestillate, so der Konzernchef – zunächst Kerosin, nun Diesel. Die europäische Dieselnachfrage könnte anziehen, wenn die Heizöllager vor dem Winter gefüllt würden. Obendrauf kämen das russische Exportverbot, Ausfälle russischer Anlagen und die bekannten Beschränkungen in der Meerenge.
Selbst wenn die Lieferstörungen bis zum Jahresende behoben würden und Rohöl sowie Kraftstoffe aus dem Nahen Osten wieder ungehindert flössen, dürften die geringen Weltlagerbestände und der Nachholbedarf beim Auffüllen den Raffineriekomplex noch einige Quartale stützen.
Und Deutschland? Schaut zu und zahlt
Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, was das für ein Industrieland bedeutet, das seine energiepolitische Souveränität in einem Anfall moralischer Selbstberauschung verschenkt hat. Während andere Nationen Raffineriekapazitäten als strategisches Gut behandeln, hat man hierzulande jahrelang Anlagen als Schmuddelkinder der Energiewende betrachtet. Dieselpreise, Heizkosten, Transportkosten – all das schlägt am Ende auf jeden Handwerksbetrieb, jeden Pendler, jede Familie durch. Und die Politik? Verankert Klimaneutralität im Grundgesetz und schnürt 500-Milliarden-Pakete auf Pump, während die eigentliche Frage – wie sich ein Industrieland im Krisenfall mit Kraftstoff versorgt – unbeantwortet bleibt.
Die Lehre aus diesem Zyklus ist so alt wie schmerzhaft: Wer sich von Lieferketten abhängig macht, die durch eine wenige Kilometer breite Meerenge verlaufen, hat seine Verwundbarkeit selbst konstruiert. Geopolitische Schocks kommen nicht mit Vorankündigung. Sie kommen plötzlich – und sie treffen zuerst jene, die keine Reserven haben.
Was Anleger daraus mitnehmen sollten
Kriege, Handelsblockaden und politische Fehlsteuerung sind der Nährboden für Inflation. Wenn Energie teurer wird, verteuert sich alles. In solchen Phasen zeigt sich, welche Vermögenswerte tatsächlich tragen. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber unterliegen keinem Ausfallrisiko, keinem Bilanztrick und keinem präsidialen Zornesausbruch. Sie sind seit Jahrtausenden das, was Papierversprechen nie sein werden: ein greifbarer Wertspeicher. Als Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio erfüllen sie eine Funktion, die Aktien von Ölmultis oder Fondsanteile schlicht nicht leisten können – nämlich Substanz zu bewahren, wenn andere Anlageklassen von geopolitischen Wellen erfasst werden.
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