
„Mein Freund ist ein ICE“: WDR macht Zug-Liebe zur Gebührenstory

Der Westdeutsche Rundfunk hat eine 18-Jährige aus der Nähe von Köln porträtiert, die sich nach eigenen Angaben seit eineinhalb Jahren in einer Beziehung mit einem ICE 4 sieht. In dem gut vierminütigen Videobeitrag, der am Montag erschien, kommt eine Psychologin zu Wort. Ihr Urteil: Die sogenannte Objektophilie sei keine Krankheit.
„Patrick“ heißt der Auserwählte
Die junge Frau, im Beitrag Maya genannt, betrachtet nicht einen bestimmten Triebwagen als ihren Partner, sondern gleich die ganze Baureihe ICE 4 der Deutschen Bahn. Sie nennt ihn „Patrick“. Den Namen habe sie sich beim Seestern aus der Zeichentrickserie „SpongeBob“ ausgeliehen.
Das WDR-Team fährt mit ihr von Bielefeld nach Düsseldorf. Sie streichelt den Sitz neben sich und küsst ein Nackenkissen. Sie spüre gerade seine Liebe und Zuneigung, sagt sie in die Kamera. Und:
„Ich könnte hier nie wieder aussteigen.“
Am Düsseldorfer Hauptbahnhof küsst sie zum Abschied die Frontpartie des Zuges. Auf einem Fingernagel trägt sie ein „P“.
Treue, die keine Diskussion kennt
Mit 16 habe sie kurz einen menschlichen Freund gehabt, erzählt die 18-Jährige. Die Beziehung habe sie ihm aber nur vorgespielt. Am Zug schätze sie vor allem, dass er beständig sei. Er diskutiere nicht ständig mit ihr, könne sie nicht grundlos verlassen und werde sie nicht heute lieben und morgen hassen.
Sie habe schon mit 13 Jahren bemerkt, dass sie sich zu Gegenständen hingezogen fühle. Ihre erste Liebe dieser Art sei ein VW-Bus gewesen. Seit sie die Beziehung in sozialen Medien öffentlich gemacht hat, ernte sie Spott und Kritik. Sie selbst vergleicht ihre Gefühle mit homosexuellen Beziehungen.
Für ihre Fahrten durch die Republik hat sie sich eine BahnCard 100 gekauft. Die Variante für Kunden unter 27 Jahren kostet laut Deutscher Bahn ab 3.199 Euro im Jahr. Woher das Geld stammt, welchen Schulabschluss sie hat und was sie beruflich macht, verrät sie dem Sender nicht.
Expertin: Eher Lebensform als Störung
Zur Einordnung hat der WDR die klinische Psychologin Melanie Pek aus dem österreichischen Villach befragt. Der Sender stellt sie als eine der wenigen Fachleute für Objektophilie in Europa vor. Gemeint ist eine emotionale oder sexuelle Zuneigung zu unbelebten Dingen.
Pek geht davon aus, dass es weltweit womöglich nur einige Hundert Betroffene gibt. Erforscht sei das Phänomen bislang kaum. Ihrer Ansicht nach handle es sich nicht um eine Krankheit. Die Fachwelt sei sich allerdings uneinig. Ein Kollege spreche in einer Einzelfallbeschreibung aus diesem Jahr von Fetischismus, andere Studien sähen darin eher eine Form der Lebensgestaltung. Pek nennt außerdem einen möglichen Zusammenhang mit Autismus und mit belastenden Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen.
Kein ganz neues Phänomen
Ein Blick zurück zeigt: Die Liebe zu Dingen sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Eine Schwedin „heiratete“ Medienberichten zufolge 1979 die Berliner Mauer und nahm sogar deren Namen an. Die US-Amerikanerin Erika Eiffel gab 2007 in einer Zeremonie dem Pariser Eiffelturm das Jawort. Rechtlich anerkannt wurde keine dieser „Ehen“.
Und der Beitragszahler fährt mit
Die eigentliche Frage betrifft weniger eine junge Frau, die ihr Gefühlsleben öffentlich macht. Sie betrifft den Sender. Für viele Bürger, die jeden Monat 18,36 Euro Rundfunkbeitrag zahlen müssen, wirkt so ein Beitrag wie Unterhaltung auf Kosten der Allgemeinheit. Ein Bildungsauftrag ist darin nur schwer zu erkennen.
Kritiker werfen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit Langem vor, Randphänomene zu Lebensstilen aufzuwerten, über die man nicht urteilen dürfe. Gleichzeitig blieben die Sorgen der Mehrheit oft außen vor, etwa Inflation, Steuerlast oder eine Bahn, die ihren Fahrplan nicht einhält. Eine einzige Expertin, die das Phänomen entlastet, ersetzt jedenfalls keine ausgewogene Einordnung. Das gilt umso mehr, wenn die Wissenschaft selbst noch streitet.
Bleibt eine bittere Pointe: Ausgerechnet die Beständigkeit, die Maya an ihrem „Patrick“ so schätzt, vermissen Millionen Pendler bei der Deutschen Bahn jeden Tag.
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