
Merz telefoniert mit Alijew: Nahost-Krieg wirft Schatten auf den Südkaukasus

Während im Nahen Osten die Waffen donnern und die geopolitischen Verwerfungen immer tiefere Risse durch die internationale Ordnung ziehen, greift Bundeskanzler Friedrich Merz zum Telefonhörer. Sein Gesprächspartner: der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew – ein Autokrat, der sein Land seit über zwei Jahrzehnten mit eiserner Hand regiert. Man tauschte sich am Dienstag über den Krieg im Nahen und Mittleren Osten aus sowie über dessen weitreichende Auswirkungen auf die ohnehin fragile Region des Südkaukasus.
Diplomatische Pflichtübung oder strategisches Kalkül?
Regierungssprecher Stefan Kornelius teilte mit, der Kanzler habe den laufenden Friedensprozess zwischen Aserbaidschan und Armenien begrüßt und dessen Bedeutung für die regionale Stabilität hervorgehoben. Beide Seiten sähen demnach Chancen für einen Ausbau der bilateralen Beziehungen sowie der Beziehungen Aserbaidschans zur Europäischen Union. So weit, so diplomatisch.
Doch hinter den polierten Formulierungen verbirgt sich eine weitaus komplexere Realität. Der Nahost-Konflikt, der im Juni 2025 mit den israelischen Angriffen auf iranische Atomanlagen und der iranischen Vergeltung eine dramatische Eskalation erfahren hat, strahlt längst weit über die Region hinaus. Der Südkaukasus – eingeklemmt zwischen Russland, der Türkei und dem Iran – ist ein geopolitisches Pulverfass, das durch jede Erschütterung im Nahen Osten in Mitleidenschaft gezogen wird.
Aserbaidschan: Energielieferant mit Eigeninteressen
Dass Merz ausgerechnet mit Alijew spricht, ist kein Zufall. Aserbaidschan hat sich in den vergangenen Jahren als alternativer Energielieferant für Europa positioniert – ein Umstand, der nach dem weitgehenden Wegfall russischer Gaslieferungen an Bedeutung gewonnen hat. Die EU braucht Baku, und Baku weiß das nur zu gut. Es wäre naiv zu glauben, dass Alijew nicht versucht, aus dieser Abhängigkeit politisches Kapital zu schlagen.
Der Friedensprozess zwischen Aserbaidschan und Armenien, den Merz so wortreich begrüßte, ist dabei alles andere als ein Selbstläufer. Nach dem Krieg um Bergkarabach 2020 und der vollständigen Rückeroberung der Region durch aserbaidschanische Truppen im September 2023 diktiert Baku die Bedingungen. Armenien, geschwächt und von seinen traditionellen Verbündeten im Stich gelassen, hat kaum Verhandlungsmasse. Von einem Frieden auf Augenhöhe kann keine Rede sein.
Deutschland zwischen allen Stühlen
Die große Frage bleibt: Was kann Deutschland in diesem Geflecht aus Machtpolitik und Energieabhängigkeit tatsächlich bewirken? Die neue Große Koalition unter Merz hat sich außenpolitisch ambitioniert gegeben, doch die Realität sieht ernüchternd aus. Deutschland verfügt weder über die militärische Schlagkraft noch über den diplomatischen Hebel, um im Nahen Osten oder im Südkaukasus als ernsthafter Akteur aufzutreten. Telefonate sind gut und schön – aber sie ersetzen keine Strategie.
Statt sich in der Weltpolitik zu verzetteln, täte die Bundesregierung gut daran, zunächst die drängenden Probleme im eigenen Land anzugehen. Die innere Sicherheit, die galoppierende Staatsverschuldung durch das 500-Milliarden-Sondervermögen, die schleichende Deindustrialisierung – all das sind Baustellen, die keinen Aufschub dulden. Doch offenbar ist es politisch attraktiver, sich auf der internationalen Bühne zu inszenieren, als den deutschen Bürgern ehrliche Antworten auf ihre alltäglichen Sorgen zu geben.
Es bleibt abzuwarten, ob aus dem Telefonat zwischen Merz und Alijew mehr wird als eine diplomatische Fußnote. Die Geschichte lehrt uns jedenfalls, dass warme Worte allein noch keinen Frieden schaffen – weder im Südkaukasus noch anderswo.

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