
Nach Bronze-Coup: Olympiasiegerin geht auf ARD-Duo los

Kugelstoßerin Yemisi Mabry holt bei der Leichtathletik-EM in Birmingham die erste deutsche Medaille – und rechnet zwei Tage später öffentlich mit dem ARD-Team ab. In einer Instagram-Story warf die Olympiasiegerin von Paris den Reportern Claus Lufen und Frank Busemann fehlendes Fingerspitzengefühl vor. Der Zeitpunkt ihrer Abrechnung am Mittwochabend war kein Zufall.
Erst Bronze, dann der Frust
Am Montagabend lieferte die 27-Jährige von der MTG Mannheim ab: Mit 19,50 Metern sicherte sie sich Bronze und damit die erste Medaille für das deutsche Team bei diesen Titelkämpfen. Nach Angaben des Verbands war es bereits ihre zweite EM-Bronzemedaille nach 2024.
Doch der Ärger saß tiefer als die Freude. Auslöser war ein Interview am Montagvormittag, direkt nach der geschafften Qualifikation fürs Finale.
Moderator Lufen konfrontierte Mabry mit einer Statistik, die ihre Aussichten gegen die favorisierte Niederländerin Jessica Schilder in düsterem Licht erscheinen ließ. Experte Busemann hatte zuvor betont, dass Schilder in dieser Saison neunmal weiter gestoßen habe – nur ein einziges Mal lag die Deutsche vorn.
„Erst mal die Statistik unserer Niederlagen“
Mabry empfand das offenbar als alles andere als hilfreich. Sie beschrieb den Moment nach der Qualifikation als Mischung aus Adrenalin, Erleichterung, Stolz und Nervosität – und statt eines Glückwunsches sei „erst mal die Statistik unserer Niederlagen ausgepackt“ worden.
Athleten seien in solchen Momenten keine Maschinen, so ihr Vorwurf. Gerade von einem früheren Spitzensportler wie Busemann erwarte sie mehr Gespür.
„Wo bleibt da das nötige Fingerspitzengefühl und die Empathie für den Menschen hinter der Leistung?“
Auch nach dem Medaillengewinn habe sie „negative, provokante Fragen“ gestellt bekommen. Ihr Appell an die Journalisten: Sie sollten sich nach solchen Interviews nicht nur fragen, warum die Sportler nicht besser gewesen seien, sondern auch, ob sie selbst gerade ihre beste Leistung abgeliefert hätten.
Busemann: Wollte den „roten Teppich ausrollen“
Bemerkenswert: Der Kritisierte sah die Szene offenbar komplett anders. Busemann erklärte gegenüber der Bild-Zeitung, er habe keineswegs Druck aufbauen wollen – im Gegenteil habe er Mabry nach eigener Darstellung „den roten Teppich ausrollen“ wollen, damit sie befreit in den Wettkampf gehen könne.
Zwei Wahrnehmungen, ein Interview. Für den einen ist eine Bestenliste nüchterne Einordnung, für die andere ein psychologischer Rucksack wenige Stunden vor dem Finale.
Auffällig ist auch die Dramaturgie: Ihre Kritik hätte Mabry bereits am Dienstag platzieren können. Da übertrug allerdings das ZDF. Erst als das ARD-Duo am Mittwoch wieder auf Sendung war, ging die Story online – am Donnerstagvormittag war sie Medienberichten zufolge bereits wieder gelöscht. Weitere Leichtathleten sollen sich Berichten zufolge ähnlich kritisch geäußert haben.
Eine Debatte, die größer ist als ein Interview
Für viele Zuschauer dürfte der Fall über den Sport hinausweisen. Wer per Rundfunkbeitrag zwangsweise Milliarden in den öffentlich-rechtlichen Apparat einzahlt, darf handwerklich exzellente Berichterstattung erwarten – Härte in der Sache, aber Respekt vor dem Menschen.
Aus Sicht unserer Redaktion ist die Kernfrage deshalb weniger, ob Athleten zu empfindlich sind. Sondern ob Interviewer im Live-Betrieb noch spüren, wann eine Statistik informiert – und wann sie nur noch verletzt.
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