
Plagiatsvorwürfe gegen Ex-Ethikrat-Chefin Buyx: Universität Münster leitet Vorprüfung ein
Es ist eine jener Geschichten, die das Zeug haben, das ohnehin ramponierte Vertrauen der Bürger in die selbsternannten Hüter der Moral endgültig zu erschüttern. Alena Buyx, einst als Vorsitzende des Deutschen Ethikrats eine der lautesten Stimmen für harte Corona-Maßnahmen, sieht sich nun mit schwerwiegenden Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Der österreichische Plagiatsprüfer Stefan Weber will in ihrer Dissertation aus dem Jahr 2005 nicht weniger als 73 Plagiate identifiziert haben. Die Universität Münster hat daraufhin eine Vorprüfung eingeleitet.
Die Frau, die anderen die Moral erklärte
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ausgerechnet jene Frau, die während der Pandemie mit erhobenem Zeigefinger den Deutschen erklärte, was ethisch geboten sei und was nicht – ausgerechnet sie soll bei ihrer eigenen wissenschaftlichen Grundlagenarbeit geschummelt haben? Weber wirft Buyx vor, zitierte Originalpublikationen „wohl kaum jemals im Original aufgesucht" zu haben. Stattdessen seien Quellenangaben schlicht aus älteren Dissertationen abgeschrieben worden. Im Diskussionsteil der Arbeit habe er zudem zwei Textplagiate gefunden. Der Plagiatsjäger spricht von einer „unzulässigen Abkürzung" – ein Euphemismus, der die Tragweite der Vorwürfe kaum zu verschleiern vermag.
Buyx selbst? Schweigt. In den ersten 48 Stunden nach Bekanntwerden der Vorwürfe kam von ihr kein einziges öffentliches Wort. Auch die Technische Universität München, an der sie heute das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin leitet, hüllte sich in vielsagendes Schweigen. Wer anderen jahrelang vorschrieb, wie sie sich zu verhalten hätten, scheint selbst wenig Neigung zu verspüren, Transparenz walten zu lassen.
Der eilfertige Verteidiger aus Eichstätt
Bemerkenswert ist, was sich im Hintergrund abspielte, noch bevor die Universität Münster überhaupt ein Ergebnis vorlegen konnte. Klaus Meier, Vizepräsident für Studium und Lehre an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, eilte Buyx in der Süddeutschen Zeitung zu Hilfe. Auf Grundlage der von Weber vorgelegten Analyse lasse sich nicht beurteilen, ob tatsächlich eine Täuschung vorliege, erklärte er. Maßgeblich sei, ob eine eigenständige wissenschaftliche Leistung erbracht worden sei. Es sei falsch, aus einzelnen Fehlern unmittelbar auf Täuschungsabsicht zu schließen.
Stefan Weber ließ diese Relativierungsversuche nicht unbeantwortet und konterte scharf. Meier habe bereits die Plagiate einer prominenten Journalistin der Süddeutschen Zeitung in Abrede gestellt. Es komme nicht von ungefähr, dass ausgerechnet dieses Blatt genau ihn zitiert habe. Das sei „Stimmungsmache, aber nicht Wissenschaft", so Weber. Die Täuschung sei jene, die dem Leser widerfahre. Die subjektive Tatseite von Frau Buyx kenne nur sie selbst – auch keine Fakultät.
Ein Muster, das sich wiederholt
Die Causa Buyx reiht sich ein in eine mittlerweile beachtliche Serie von Plagiatsaffären, die das akademische Deutschland erschüttern. Von Karl-Theodor zu Guttenberg über Annette Schavan bis hin zu Franziska Giffey – die Liste prominenter Plagiatsfälle wird immer länger. Und jedes Mal wiederholt sich dasselbe Schauspiel: Zunächst werden die Vorwürfe als haltlos abgetan, dann folgt betretenes Schweigen, und am Ende steht nicht selten der Verlust des Doktortitels.
Besonders pikant ist der Fall Buyx freilich aus einem anderen Grund. Als Vorsitzende des Ethikrats trug sie maßgeblich dazu bei, die gesellschaftliche Debatte während der Corona-Pandemie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Sie befürwortete weitreichende Grundrechtseinschränkungen und mahnte die Bürger unermüdlich zur Solidarität. Wer sich gegen die Maßnahmen stellte, wurde nicht selten als unsolidarisch oder gar als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt. Dass nun ausgerechnet die moralische Instanz der Pandemiejahre selbst unter dem Verdacht wissenschaftlichen Fehlverhaltens steht, entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie.
Das Verfahren steht erst am Anfang
Nach Angaben der Universität Münster seien die Vorwürfe am Dienstag eingegangen. Der Dekan der medizinischen Fakultät prüfe den Sachverhalt nun in einem ersten Schritt. Abhängig vom Ergebnis könne es eine „weitergehende, intensivere Prüfung" geben, möglicherweise unter Einbeziehung externer Gutachter. Die Entscheidung darüber liege ausschließlich beim Dekan, dem die Verfahrenshoheit obliege.
Ob am Ende tatsächlich der Entzug des Doktortitels steht, bleibt abzuwarten. Doch allein die Tatsache, dass eine formale Vorprüfung eingeleitet wurde, spricht Bände. 73 identifizierte Plagiatsstellen sind keine Lappalie, die man mit einem Achselzucken abtun kann. Und das beharrliche Schweigen der Betroffenen nährt den Verdacht, dass an den Vorwürfen mehr dran sein könnte, als es den eilfertigen Verteidigern lieb ist.
Für die Glaubwürdigkeit des wissenschaftlichen Betriebs in Deutschland – und ganz besonders für jene Institutionen, die während der Pandemie als moralische Leitinstanzen auftraten – könnte diese Affäre zum Lackmustest werden. Die Bürger dieses Landes haben ein Recht darauf zu erfahren, ob diejenigen, die ihnen jahrelang Vorschriften machten, selbst nach den Regeln spielten, die sie anderen so vehement aufzwangen.
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