
„PR der Mächtigen“: Der bittere Befund aus den Redaktionen

Sechs Journalisten, eine Diagnose: In deutschen Redaktionen läuft etwas grundlegend schief. In einem Kommentar der Berliner Zeitung vom 4. September 2026 wird der Vertrauensverlust gegenüber den Medien als das beschrieben, was er längst ist – ein politischer Faktor ersten Ranges.
Die zentrale Frage des Beitrags klingt schlicht, ist aber der Kern des Problems: Werden Nachricht und Meinung noch getrennt? Werden Gegenpositionen fair abgebildet? Und traut eine Redaktion ihren Lesern überhaupt noch zu, sich selbst ein Urteil zu bilden?
Nicht „Mainstream“ gegen „Alternative“ – sondern Handwerk gegen Haltung
Die übliche Lagerbildung – hier der angebliche „Mainstream“, dort die beargwöhnten „alternativen Medien“ – greift dem Kommentar zufolge zu kurz. Entscheidend sei nicht das Etikett, sondern das journalistische Verfahren.
Ein bemerkenswert nüchterner Gedanke in einer Debatte, die sonst gern mit moralischen Vorschlaghämmern geführt wird. Denn wer Haltung mit Berichterstattung verwechselt, liefert am Ende genau das, was der Titel andeutet: Öffentlichkeitsarbeit für die jeweils Mächtigen – nur eben unfreiwillig.
Der Fall „Klar“: Ein Lehrstück über Meinungskorridore
Als Beispiel für Kritik von innen verweist der Text auf Julia Ruhs, die das Problem bereits 2025 aus dem Inneren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks beschrieben hatte. Der Vorgang ist gut dokumentiert: Die von BR und NDR produzierte Reportage „Klar – Migration: Was falsch läuft“ lief am 9. April 2025 und löste heftige Kontroversen aus.
Medienberichten zufolge distanzierten sich rund 250 NDR-Mitarbeiter in einem internen Brief von der Sendung; sie trage zu einem Generalverdacht gegenüber migrantisch gelesenen Menschen bei. Die FAZ nannte die Kritik dagegen „maßlos überzogen“, das Magazin Cicero sprach von einer Kampagne gegen eine konservative Journalistin.
Am 17. September 2025 teilte der NDR mit, „Klar“ ab 2026 eigenständig moderieren zu lassen – mit Tanit Koch. Ruhs steht seither nur noch für die BR-Folgen vor der Kamera. Seit Januar 2026 schreibt sie zudem eine Kolumne für die „Bild“.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Dass es sich nicht um ein Randphänomen handelt, zeigt der Reuters Institute Digital News Report 2026. Danach ist das Nachrichtenvertrauen im Schnitt aller untersuchten Märkte auf 37 Prozent gefallen – der niedrigste je gemessene Wert.
- Deutschland liegt mit rund 46 Prozent stabil, aber keineswegs beruhigend über dem Durchschnitt.
- Rund 40 Prozent der Deutschen meiden Nachrichten zumindest zeitweise.
- Nur etwa 13 Prozent vertrauen Nachrichten, die von KI-Chatbots ausgespielt werden.
Übersetzt heißt das: Vier von zehn Bürgern schalten ab. Nicht aus Desinteresse an der Welt – sondern weil sie sich belehrt statt informiert fühlen.
Warum das mehr als ein Medienthema ist
Aus Sicht unserer Redaktion ist der Befund brisanter, als es die Branche wahrhaben möchte. Ein Publikum, das der Berichterstattung misstraut, misstraut irgendwann auch den Institutionen, über die berichtet wird – von der Bundesregierung bis zur EU-Kommission.
Besonders heikel ist das dort, wo der Bürger nicht kündigen kann: beim gebührenfinanzierten Rundfunk. Wer Pflichtbeiträge kassiert, schuldet dem Publikum Vielfalt – auch dann, wenn die Perspektive im eigenen Newsroom als unbequem gilt.
Die gute Nachricht: Das Rezept ist nicht kompliziert. Fakten prüfen, Meinung kennzeichnen, Widerspruch aushalten, dem Leser Urteilskraft zutrauen. Handwerk statt Mission. Alles andere erledigt das Publikum selbst.

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