
Reiches Strom-Reform: Häuslebauer zahlen, Großbetreiber bleiben verschont?

Die Bundesregierung baut den deutschen Strommarkt grundlegend um. Das Kabinett hat Ende Juli 2026 die EEG-Novelle 2027 und ein umfangreiches Netzpaket von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) auf den Weg gebracht. Das Ziel: die explodierenden Kosten der Energiewende eindämmen. Kritiker sehen allerdings eine gefährliche Schieflage, und zwar ausgerechnet zulasten der Industrie.
Die Rechnung, die angeblich niemand schickt
„Wind und Solar schicken keine Rechnung“: Jahrelang war das der Lieblingsspruch der Energiewende-Anhänger. Heute klingt er wie Hohn. Wenn Flaute herrscht, muss ein teurer Park konventioneller Kraftwerke einspringen. Dazu kommen Milliarden für neue Leitungen und für ständige Notfalleingriffe der Netzbetreiber.
Wie teuer das wird, zeigt der aktuelle Strommarktreport von McKinsey. Die Berater haben drei Szenarien durchgerechnet. In jedem davon liegen die Systemkosten im Stromsektor bis 2035 bei rund 90 Milliarden Euro pro Jahr. Ein Grund dafür ist laut der Studie, dass seit 2011 rund 20 Gigawatt an Kernkraft abgeschaltet wurden. Diese Entscheidung rächt sich bis heute.
Dazu kommt ein Problem, das paradox klingt: Wenn Sonne und Wind gleichzeitig liefern, fallen die Börsenpreise auf null oder sogar ins Minus. Viele Anlagen produzieren trotzdem weiter, weil der Staat ihnen eine Mindestvergütung garantiert. Die Kosten trägt am Ende der Stromkunde.
Hausbesitzer kommen an die kurze Leine
Für private Solaranlagen wird es ernst. Die feste Einspeisevergütung für kleine Neuanlagen, die bisher 20 Jahre lang garantiert war, soll schrittweise wegfallen. Gleichzeitig dürfen Neuanlagen künftig nur noch höchstens 50 Prozent ihrer installierten Leistung ins Netz einspeisen. Damit lohnt es sich mehr, den eigenen Strom selbst zu verbrauchen oder in einem Heimspeicher zu puffern.
Auch die Bundesnetzagentur dreht an der Kostenschraube. Mit einem geplanten „Prosumer-Aufschlag“ soll der Netzentgelt-Grundpreis für Haushalte mit Solaranlage um 70 bis 90 Prozent steigen. Je nach Region wären das grob 50 bis 150 Euro mehr pro Jahr. Die Begründung klingt plausibel: Im dunklen Winter beziehen auch Solarhaushalte ihren Strom vollständig aus dem Netz. Bisher zahlen dafür vor allem Mieter ohne eigenes Dach mit.
Vollkasko für die Großen?
Bei großen Solarparks und Windrädern sieht es anders aus. Dort sollen zweiseitige Differenzverträge eingeführt werden. Der Staat legt einen Referenzpreis fest. Liegt der Marktpreis darüber, kassiert der Staat die Übergewinne. Liegt er darunter, gleicht der Steuerzahler die Lücke aus. Das größte Risiko, nämlich der Preiseinbruch bei viel Wind und Sonne, bleibt damit beim Bürger. Hinzu kommen regionale Zuschläge wie der Süd-Bonus für Windkraft an Standorten mit weniger Wind.
Ähnlich ist es beim sogenannten Geisterstrom. Muss ein Windpark wegen überlasteter Netze abgeschaltet werden, bekommt der Betreiber bisher trotzdem einen Großteil seiner Vergütung. Ein neuer „Redispatch-Vorbehalt“ soll das in Engpassgebieten beenden. Nach Darstellung von Kritikern wurden die Kriterien für solche Gebiete gegenüber früheren Entwürfen aber spürbar abgeschwächt. Beobachter fragen deshalb, ob die Branchenverbände hier erfolgreich Lobbyarbeit gemacht haben.
Strom nach Wetterlage: Gift für den Standort
Am meisten Sprengstoff steckt in den geplanten flexiblen Netzentgelten. Wenn Strom knapp ist, soll sein Transport teurer werden. Wenn zu viel davon im Netz ist, wird er billiger. Befürworter feiern das als modernes „Demand Side Management“. Kritiker sehen darin das stille Eingeständnis, dass die Politik eine verlässliche Versorgung zu bezahlbaren Preisen nicht mehr garantieren kann.
Ein Stahlwerk ist aber keine Waschmaschine. Chemieparks, Hütten und Glashersteller brauchen rund um die Uhr gleichmäßigen Strom, die sogenannte Grundlast. Müssen sie bei Flaute höhere Preise zahlen, verlieren sie gegenüber der Konkurrenz im Ausland noch mehr an Boden. Und was heißt das für die Beschäftigten? Drohen bald Schichtpläne, die sich nach dem Wetterbericht richten?
Unser Fazit: Richtige Ansätze, gefährliche Lücken
Reiche geht Fehlentwicklungen an, die frühere Regierungen jahrelang ignoriert haben. Dafür verdient sie Anerkennung. Solange das neue EEG aber ein dichtes Subventionsnetz für Großanlagen spannt, wird die Kostenspirale kaum gebrochen. Für die Industrie wäre das ein bitteres Signal. Wenn die Fabriken abwandern, gewinnt nicht das Klima, sondern die ausländische Konkurrenz.

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