
Sekundenschlaf im Cockpit: Drei von vier Piloten nicken beim Flug weg!

Das sind beunruhigende Zahlen für jeden, der in den nächsten Urlaubsflieger steigt: 76,8 Prozent der Pilotinnen und Piloten in Europa sind nach eigenen Angaben in den vergangenen vier Wochen mindestens einmal während eines Fluges in Sekundenschlaf gefallen. Das zeigt eine europaweite Umfrage, die die deutsche Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) Ende Oktober vorgestellt hat. Die Gewerkschaft spricht von einem ernsten Sicherheitsproblem.
7.200 Stimmen aus dem Cockpit
Durchgeführt hat die Erhebung die Luftfahrtberatung Baines Simmons im Auftrag des europäischen Dachverbands European Cockpit Association (ECA). Insgesamt 7.200 Flugzeugführer haben mitgemacht. Eine Stichprobe dieser Größe lässt sich kaum als Einzelmeinung frustrierter Angestellter abtun.
Anja Granvogl, bei der VC im Vorstand für Flugsicherheit zuständig, betont laut Gewerkschaft, die hohe Beteiligung verleihe den Ergebnissen enormes Gewicht. Sie zeige auch, wie dringend gehandelt werden müsse.
Auch bei den Ruhezeiten sieht es nicht besser aus. Nach Angaben der VC erklären 38,8 Prozent der Befragten, gewöhnlich oder immer zu wenig Erholung zu bekommen, um einer wachsenden Erschöpfung vorzubeugen.
Müde, aber lieber still
Richtig brisant wird es beim Umgang mit der Erschöpfung. Nur 37,2 Prozent melden sich tatsächlich fluguntauglich, wenn sie zu müde sind, um sicher zu fliegen. Fast jeder Vierte, nämlich 24,2 Prozent, steuert nach eigener Aussage trotzdem weiter und behält das für sich.
Warum? In den Freitextantworten äußerten der Gewerkschaft zufolge 38,2 Prozent die Sorge, dass eine Ermüdungsmeldung Strafen oder Vergeltung durch das Management nach sich ziehen könnte. Das ist der eigentliche Sprengsatz dieser Studie. Ein Warnsystem, das nur funktioniert, wenn niemand Angst hat, ist eben kein Warnsystem.
Druck bei Dienstzeitverlängerungen wächst
Ein weiterer Befund betrifft die sogenannte Commander's Discretion. Damit dürfen Kapitäne die Flugdienstzeit unter außergewöhnlichen Umständen verlängern. 69,1 Prozent der Befragten befürchten Nachteile, wenn sie eine solche Verlängerung ablehnen. 2023 waren es noch 65,8 Prozent. Am größten sei diese Sorge laut Studie bei Billigfliegern und bei Anbietern, die Flugzeuge samt Crew vermieten (ACMI- und Wet-Lease-Betreiber).
Wenn beide Piloten schlafen
Dass es dabei nicht um graue Theorie geht, hat ein Vorfall in Indonesien gezeigt. Im Januar 2024 schliefen dort laut dem Bericht der nationalen Unfalluntersuchungsbehörde KNKT beide Piloten eines Airbus A320 von Batik Air etwa 28 Minuten lang gleichzeitig ein. An Bord waren 153 Menschen. Die Maschine kam vom Kurs ab und landete am Ende trotzdem sicher in Jakarta. Den Ermittlern zufolge hatte sich der Copilot in der Nacht vor dem Flug nicht ausreichend ausgeruht.
Regeln aus Brüssel, aber wer kontrolliert sie?
An Vorschriften fehlt es in Europa eigentlich nicht. Die EU-Agentur für Flugsicherheit EASA regelt Flugdienst- und Ruhezeiten bis ins Detail. Trotzdem hat sich laut VC seit der letzten Erhebung von 2023 „praktisch nichts verbessert“. Die Gewerkschaft verlangt deshalb, dass nationale Aufsichtsbehörden und die EASA die bestehenden Schutzregeln konsequenter überwachen und Lücken schließen. Die Airlines sollen ein wirksames, vorbeugendes Ermüdungsmanagement einführen.
Die Unterschiede zwischen den Ländern sind groß. Irland und Malta schneiden der Studie zufolge bei vielen Kriterien schlecht ab, Finnland und die Niederlande dagegen vergleichsweise gut. Deutschland liegt bei einzelnen Punkten vorn. Einen Grund zur Entwarnung sieht die VC darin aber nicht.
„Flugsicherheit darf weder vom wirtschaftlichen Druck einer Fluggesellschaft noch vom Mut einzelner Pilotinnen und Piloten abhängen.“
Das ist ein Satz, den sich jede Airline-Chefetage einrahmen sollte. Wer mit knappen Dienstplänen Kosten drückt und dabei Erschöpfung zur Privatsache der Crew erklärt, spart am falschen Ende. Am Ende sitzen die Passagiere mit im Risiko, und die haben auf die Dienstpläne keinen Einfluss.
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