
Social-Media-Verbot für Kinder: Wenn die Union wieder einmal Politik für die Galerie macht
Es ist ein Schauspiel, das man in der deutschen Politik mittlerweile zur Genüge kennt: Auf einem Parteitag werden markige Forderungen beschlossen, die sich wunderbar in Schlagzeilen verpacken lassen – doch an der Lebensrealität der Bürger gehen sie meilenweit vorbei. So geschehen auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart, wo die Christdemokraten ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren forderten. Klingt entschlossen. Klingt nach Kinderschutz. Klingt nach Handeln. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Beschluss als das, was er ist: ein populistischer Schnellschuss.
CSU stellt sich quer – und hat damit nicht ganz Unrecht
Ausgerechnet die Schwesterpartei CSU widerspricht dem Vorstoß deutlich. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann erklärte gegenüber der „Augsburger Allgemeinen", diese Verbotsdebatte gehe „an der Wirklichkeit vorbei". Stattdessen müsse man Kinder und Jugendliche durch die Stärkung ihrer Medienkompetenz und einen besseren Schutz vor jugendgefährdenden Inhalten wappnen. Die Politik solle die Plattformbetreiber in die Pflicht nehmen, anstatt dem Nachwuchs mit pauschalen Verboten den Raum zur Ausbildung digitaler Fähigkeiten zu nehmen.
Man mag von der CSU halten, was man will – doch in diesem Punkt trifft Hoffmann einen wunden Nerv. Denn wer glaubt ernsthaft, dass ein 13-Jähriger im Jahr 2026 keinen Weg findet, ein Altersverifikationssystem zu umgehen? Die Naivität, mit der hier Politik gemacht wird, ist geradezu atemberaubend.
Australien als warnendes Beispiel
Dass pauschale Verbote wenig bringen, zeigt ein Blick nach Australien. Dort gelten seit Ende 2025 die wohl strengsten Regelungen einer Demokratie für die Nutzung sozialer Netzwerke durch Heranwachsende. Internet-Unternehmen müssen eigenständig sicherstellen, dass ihre Nutzer mindestens 16 Jahre alt sind. Bei Verstößen drohen empfindliche Strafzahlungen. Das Ergebnis? Das Deutsche Kinderhilfswerk verweist darauf, dass sowohl in Großbritannien als auch in Australien reine Ausschlussstrategien vor allem eines bewirkt hätten: Kinder und Jugendliche entwickelten zunehmend Umgehungsstrategien und seien dadurch schlechter geschützt als zuvor.
Kai Hanke, Geschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks, brachte es auf den Punkt: Kinder von den größten sozialen Räumen im Netz auszuschließen, weil man Gesetze und Normen nicht durchzusetzen wage, sei ein „Eingeständnis des Scheiterns". Härter kann man eine politische Klasse kaum kritisieren.
Die eigentliche Frage wird nicht gestellt
Was in der gesamten Debatte sträflich vernachlässigt wird, ist die Rolle der Familie. Statt den Staat zum digitalen Erziehungsberechtigten zu machen, sollte man sich fragen, warum so viele Eltern offenbar nicht mehr in der Lage oder willens sind, den Medienkonsum ihrer Kinder selbst zu regulieren. Die Kernfrage lautet nicht, ob Kinder soziale Netzwerke nutzen dürfen, sondern wie sie es tun – und wer ihnen dabei zur Seite steht.
Hier offenbart sich ein tieferliegendes gesellschaftliches Problem: Die schleichende Erosion elterlicher Verantwortung, die zunehmende Delegation von Erziehungsaufgaben an staatliche Institutionen. Wer traditionelle Familienstrukturen stärkt, wer Eltern ermutigt und befähigt, ihre Kinder auch in der digitalen Welt zu begleiten, der leistet mehr für den Kinderschutz als jedes noch so gut gemeinte Verbotsgesetz.
SPD und CDU im Überbietungswettbewerb
Bemerkenswert ist, dass auch die SPD-Bundestagsfraktion in einem Positionspapier nach Alter abgestufte Regelungen gefordert hatte – inklusive eines vollständigen Verbots für Unter-14-Jährige und einer verpflichtenden „Jugendversion" für Unter-16-Jährige ohne algorithmisch gesteuerte Empfehlungssysteme. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf forderte die Union auf, das Thema nun „zügig" anzugehen. Man kennt das Spiel: Beide Volksparteien überbieten sich gegenseitig mit Forderungen, während die eigentlichen Probleme – mangelnde Durchsetzung bestehender Gesetze, fehlende Medienkompetenz, überforderte Familien – ungelöst bleiben.
Bundesfamilienministerin Karin Prien hat immerhin eine Expertenkommission eingesetzt, deren Ergebnisse man abwarten sollte, bevor man mit dem gesetzgeberischen Vorschlaghammer zuschlägt. Das Kinderhilfswerk sprach sich „nachdrücklich" dafür aus, diese Arbeit nicht durch parteipolitische Schnellschüsse zu torpedieren. Ein weiser Rat, der in Berlin erfahrungsgemäß auf taube Ohren stößt.
Verbote lösen keine Erziehungsprobleme
Die Große Koalition unter Friedrich Merz steht vor der Herausforderung, zwischen symbolischer Verbotspolitik und tatsächlich wirksamen Maßnahmen zu unterscheiden. Das bestehende Recht sei „zumindest bedingt trag- und ausbaufähig", wie das Kinderhilfswerk betont – es müsse nur konsequenter angewendet werden. Doch konsequente Anwendung bestehender Gesetze war noch nie die Stärke der deutschen Politik. Stattdessen werden lieber neue Gesetze geschaffen, die dann ebenso wenig durchgesetzt werden wie ihre Vorgänger.
Was Deutschland wirklich braucht, ist keine weitere Verbotsdebatte, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, warum wir als Gesellschaft zunehmend unfähig scheinen, unsere Kinder ohne staatliche Bevormundung großzuziehen. Die Antwort liegt nicht in Brüssel, nicht in Berlin und schon gar nicht in einem Altersverifikationssystem – sie liegt in den Familien selbst.
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