
Spiegel-Cover als Fahndungsplakat: Der Bumerang von Hamburg

Ein schwarzer Hintergrund, ein lächelndes Gesicht, darunter in blutroten Buchstaben: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. So präsentiert die aktuelle Ausgabe des Magazins Der Spiegel den AfD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund. Die Aufmachung erinnert an ein Fahndungsplakat – und die Wirkung dürfte eine andere sein als beabsichtigt.
Ein Titelbild, das nach hinten losgeht
Denn die Reaktionen im Netz reichen von ungläubigem Kopfschütteln über Hohn bis zum hämischen Dank für die kostenlose Wahlwerbung. Selbst erklärte AfD-Gegner sehen darin einen kapitalen Eigentor-Moment.
Der Moderator und Podcaster Micky Beisenherz, alles andere als ein Freund der Partei, konstatierte Medienberichten zufolge einen Bumerang-Effekt und verglich das Cover mit einem Warnhinweis für Eltern – der bekanntlich vor allem eines bewirkt: dass die Zielgruppe erst richtig neugierig wird.
Auch aus dem linken Lager kommt Kritik: Der Linken-Politiker Dietmar Bartsch habe die Fahndungsplakat-Optik ausdrücklich beanstandet, wie mehrere Medien berichten.
Die Titelgeschichte liefert kaum Munition
Kurios: Wer nach dem Cover eine gnadenlose Abrechnung erwartet, wird enttäuscht. Der Text selbst zeichnet Siegmund eher schmeichelhaft. Er sehe immer gut aus und wisse das, sei „charmant und einnehmend“ gewesen, ein „Schulschwarm“, „sehr erfolgreich bei Frauen“ – so die im Artikel zitierten Zuschreibungen.
Sogar Neid wird protokolliert: Bei der Linken heiße es hinter vorgehaltener Hand, so jemanden bräuchte man auch; man beneide die AfD um hochwertig produzierte Videos von Simson-Ausfahrten. Als politische Demontage taugt das kaum – als Sympathieporträt schon.
„Bessere Wahlwerbung kann man für uns gar nicht machen“
Siegmund selbst reagierte gelassen bis amüsiert. Bessere Wahlwerbung könne man für die AfD nicht machen, sagte er, und fügte ironisch hinzu:
„Also ein Terrorist ist nicht gefährlich, ein Straftäter ist nicht gefährlich, irgendwelche Attentäter sind nicht gefährlich, aber jemand, der sein Land liebt, der für eine bessere Zukunft kämpft und der die Demokratie wirklich zum Leben erwecken möchte, der ist der Gefährlichste bei uns in Deutschland …“
Genau an diesem Punkt hakten zahlreiche Nutzer ein: In einem Land, in dem die Polizeiliche Kriminalstatistik Rekordwerte und einen deutlichen Anstieg bei Messerangriffen ausweist, wirke die Superlativ-Keule gegen einen Landespolitiker schlicht deplatziert.
Warum das Timing brisant ist
Der Zeitpunkt ist alles andere als zufällig. In Sachsen-Anhalt wird im September gewählt, und die AfD liegt in Umfragen weit vorn: Erhebungen der vergangenen Wochen sehen sie bei 41 bis 42 Prozent, die CDU von Amtsinhaber-Partei-Chef Sven Schulze bei rund 23 Prozent.
Das Magazin ist für zugespitzte Cover berüchtigt – Italien einst mit Pistole auf dem Spaghetti-Teller, Donald Trump als Meteorit oder als Enthaupter der Freiheitsstatue. Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der aktuelle Fall vor allem eines: Dämonisierung ersetzt zunehmend das Argument.
Wer politische Konkurrenz mit Fahndungs-Ästhetik statt mit Sachkritik bekämpft, riskiert, den Gegner größer zu machen. Für viele Bürger im Osten dürfte das Cover weniger Warnung als Bestätigung sein – dass man sie und ihre Sorgen in westdeutschen Redaktionsstuben längst nicht mehr versteht.

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