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03.08.2026
19:49 Uhr

Todesanzeige verweigert: Wie eine Regionalzeitung den Anstand zu Grabe trägt

Todesanzeige verweigert: Wie eine Regionalzeitung den Anstand zu Grabe trägt

Es gibt Grenzen, die selbst in den erbittertsten politischen Auseinandersetzungen respektiert wurden. Der Tod war stets eine davon. Wer starb, war nicht mehr Gegner, sondern schlicht ein Mensch – mit Familie, mit Hinterbliebenen, mit einem Recht auf ein würdiges Andenken. In Augsburg scheint man diese jahrhundertealte Übereinkunft nun aufgekündigt zu haben.

Am 28. Juli verstarb Paul Traxl, Kreisrat im bayerischen Landkreis Aichach-Friedberg, im Alter von 78 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit. Er hinterlässt eine Ehefrau und Kinder. Traxl war bis zuletzt praktizierender Zahnarzt, seit der Gründung des AfD-Kreisverbands im Jahr 2013 dessen Vorsitzender und bis zum Frühjahr 2026 in diesem Amt. Seit 2020 saß er im Kreistag, bei der Kommunalwahl 2026 wurde er erneut gewählt. Im Mai durfte er als ältestes Mitglied des Gremiums dem neu gewählten Landrat den Amtseid abnehmen. Ende Juni nahm er noch am Landesparteitag seiner Partei in Passau teil. Ein Kommunalpolitiker also, wie es tausende gibt: verwurzelt, gewählt, gebraucht.

„Unternehmensgrundsätze“ als Feigenblatt

Als der Kreisverband bei der Augsburger Allgemeinen eine Traueranzeige aufgeben wollte, kam eine Antwort, die man zweimal lesen muss, um sie zu glauben. Man nehme grundsätzlich keine Anzeigen dieser Partei auf, hieß es. Das seien die Unternehmensgrundsätze – und diese würden auch Nachrufe betreffen.

Mit anderen Worten: Wer politisch nicht ins Weltbild des Verlages passt, darf nicht einmal mehr betrauert werden.

Ein AfD-Politiker, der die Ablehnung öffentlich machte, fand dafür nur noch die Feststellung, ihm fehlten die Worte. Man kann ihn verstehen. Denn hier geht es nicht mehr um die üblichen Grabenkämpfe zwischen Redaktionsstuben und Oppositionsparteien. Hier wird einer Familie in der Stunde ihrer Trauer die Tür vor der Nase zugeschlagen – aus Gesinnung. Man mag von der Alternative für Deutschland halten, was man will. Aber welche moralische Instanz hat eigentlich einem Anzeigenblatt das Recht verliehen, über die Würdigkeit von Verstorbenen zu befinden?

Eine Zeitung, die sich selbst delegitimiert

Die Augsburger Allgemeine ist keine Kleinstadt-Postille, sondern eine der größten Tageszeitungen der Republik mit rund 200 Redakteuren. Genau das macht den Vorgang so bezeichnend. Denn wer glaubt, mit einer solchen Entscheidung noch auf der Seite des öffentlichen Konsenses zu stehen, verrät mehr über sein Milieu als über die abgelehnte Partei. Es ist die Selbstgewissheit derer, die meinen, Demokratie sei ein Klub mit Aufnahmeprüfung – und sie selbst seien der Türsteher.

Bemerkenswert ist auch, wie offen man vorgeht. Wer eine solche Ablehnung schriftlich formuliert, kalkuliert Applaus ein. Es ist kein Versehen, kein Missverständnis eines überforderten Sachbearbeiters, sondern erklärte Verlagslinie. Man will treffen. Man will demonstrieren, wer dazugehört und wer nicht. Historisch nennt man das die Auslöschung des Andenkens – und es waren nie die Anständigen, die sich dieser Methode bedient haben.

Warum die Auflagen schwinden

Und dann wundern sich dieselben Häuser über sinkende Abonnentenzahlen. Die verkaufte Auflage der Augsburger Allgemeinen ist über Jahre kontinuierlich zurückgegangen, um rund ein Viertel bis ein Drittel. Die Erklärung liefert man in Augsburg gerade selbst: Wer Millionen von Wählern – und in Bayern sind es sehr viele – nicht als Bürger, sondern als Feindbild behandelt, darf sich nicht beschweren, wenn diese Bürger ihr Geld anderswo lassen. Die Vertrauenskrise der etablierten Medien ist kein Rätsel, sie ist ein Ergebnis. Ein hausgemachtes.

Es ist diese Verrohung, die viele Deutsche zunehmend fassungslos zurücklässt – und man täuscht sich, wenn man das für eine Randmeinung hält. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung erkennt in solchen Vorgängen genau jenen Geist der Ausgrenzung, gegen den man verbal Sonntagsreden hält, während man ihn im Alltag praktiziert. Traditionelle Werte, christlicher Anstand, Pietät gegenüber den Toten: Ausgerechnet im katholischen Bayern werden sie an der Anzeigentheke zur Verhandlungsmasse.

Was bleibt

Was bleibt, ist das Bild einer Familie, die in ihrer Trauer politisch abgewiesen wurde. Und die Erkenntnis, dass die Frage, wer eigentlich dieses Land spaltet, längst beantwortet ist – nur eben nicht von denen, die sie am lautesten stellen. Unser Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen. Der Respekt vor dem Tod ist kein Privileg für Gesinnungsgenossen. Er ist die Mindestvoraussetzung einer zivilisierten Gesellschaft. Wer ihn aufgibt, hat jedes Recht verloren, andere über Demokratie zu belehren.

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