
UN-Chef warnt: „Zeit, dass die Supermächte ihre Grenzen begreifen“

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen zieht eine bittere Bilanz. In einem Interview mit der britischen „Financial Times“ erklärte António Guterres, die Kriege in der Ukraine und gegen den Iran hätten gezeigt, wie begrenzt die militärische Durchsetzungskraft selbst der Großmächte inzwischen sei. Sein Satz sitzt: Es sei Zeit, dass die Supermächte die Grenzen ihrer Macht verstünden.
Zwei Kriege, zwei Fehlkalkulationen
Guterres nennt Ross und Reiter. Moskau habe 2022 damit gerechnet, die Ukraine binnen weniger Tage niederzuwerfen – bekanntlich ein Irrtum von historischem Ausmaß. Auch Washington habe beim Angriff der USA und Israels auf den Iran im Februar auf eine rasche Entscheidung gesetzt.
Sechs Monate später sitze die iranische Führung noch immer fest im Sattel. Die Fähigkeit großer Mächte, anderen Staaten ihren Willen aufzuzwingen, sei nach seiner Einschätzung in mehreren Konflikten stark eingeschränkt worden.
„Die Supermächte müssen verstehen, dass sich die Dinge verändert haben, dass sich das Gewicht verschiedener Länder verändert hat.“
China, Indien, die Golfstaaten – und Europa als Zuschauer?
Der 77-Jährige beschreibt damit nichts Geringeres als das Ende jener Ordnung, die nach 1989 selbstverständlich schien: die Welt unter amerikanischer Führung. An ihre Stelle trete eine multipolare Weltordnung. Neben China gewännen auch Indien und die reichen Golfstaaten spürbar an Einfluss.
Auffällig ist, wen Guterres in dieser Aufzählung nicht nennt. Europa taucht in seiner Skizze der aufsteigenden Kräfte schlicht nicht auf – ein stiller, aber vernichtender Befund für einen Kontinent, der sich jahrzehntelang für den moralischen Mittelpunkt der Welt hielt und dessen Regierungen sich lieber in Regulierungsdebatten als in Machtfragen üben.
Die Warnung vor 1914
Besonders bemerkenswert ist der historische Vergleich, den der UN-Chef zieht. Auch vor dem Ersten Weltkrieg habe es in Europa eine multipolare Ordnung gegeben – jedoch ohne Institutionen, die den Wettbewerb der Mächte wirksam eingehegt hätten. Ohne Reform drohe, dass mehr Multipolarität in mehr Wettbewerb und schließlich in Konfrontation umschlage.
Reformbedarf sieht Guterres vor allem beim Sicherheitsrat. Dass mit Frankreich, Großbritannien und Russland drei der fünf Vetomächte europäische Staaten seien, hält er nicht für dauerhaft tragfähig. Zugleich räumt er die Schwäche der eigenen Organisation ein: Das Gremium sei wegen der Gegensätze zwischen den Vetomächten praktisch gelähmt, der Einfluss der Vereinten Nationen dramatisch geschrumpft.
Was das für Sparer bedeutet
Ein Auslaufmodell will Guterres die UNO dennoch nicht nennen: Ihre größte Leistung sei es, einen Krieg zwischen den Supermächten verhindert zu haben. Ob eine Organisation, die sich selbst als gelähmt beschreibt, diese Leistung wiederholen kann, ist eine andere Frage.
Für Bürger und Sparer ist die Botschaft unbequem. Eine Welt ohne verlässliche Ordnungsmacht bedeutet mehr Unsicherheit an den Märkten, brüchigere Lieferketten und härtere Verteilungskämpfe um Rohstoffe. Dass Notenbanken weltweit – allen voran in Asien – seit Jahren in Rekordhöhe Gold kaufen, ist Berichten des World Gold Council zufolge kein Zufall, sondern die logische Antwort auf eine zersplitterte Weltordnung. Physische Edelmetalle sind kein Allheilmittel, aber als krisenfeste Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen selten so naheliegend gewesen wie heute.
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