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19.10.2026
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Wandervogel oder Hitlerjugend? Anklage gegen AfD-Mann wegen eines Satzes

Wandervogel oder Hitlerjugend? Anklage gegen AfD-Mann wegen eines Satzes
Symbolbild: KI-generiert

Die Staatsanwaltschaft Gießen hat Anklage gegen den schleswig-holsteinischen AfD-Politiker Kevin Dorow erhoben. Der 28-Jährige soll beim Gründungskongress der neuen AfD-Jugend „Generation Deutschland“ eine NS-Parole benutzt haben. Es geht um einen einzigen Satz. Und er stammt nachweislich nicht von den Nazis.

Ein Satz, der die Justiz alarmiert

Der Auftritt liegt fast ein Jahr zurück. Am 29. November 2025 bewarb sich Dorow in Gießen um einen Platz im Bundesvorstand der Parteijugend. Gegen Ende seiner Rede berief er sich auf den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke:

„Wie es Björn Höcke vor wenigen Monaten rezitiert hat: Jugend muss durch Jugend geführt werden, und dieses Prinzip muss unser Leitstern sein.“

Für die Ermittler ist das ein Verstoß gegen Paragraf 86a des Strafgesetzbuches, der das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verbietet. Es handele sich um eine allgemein bekannte Propaganda-Parole der Hitlerjugend, die auch Adolf Hitler und Reichsjugendführer Baldur von Schirach mehrfach zitiert hätten. Schirach führte die NS-Jugend von 1931 bis 1940 und machte daraus eine Massenorganisation zur ideologischen Formung einer ganzen Generation. Im Fall einer Verurteilung drohen eine Geldstrafe oder bis zu drei Jahre Haft.

Die unbequeme Vorgeschichte

Der Haken: Die Formel ist älter als die NSDAP. Entstanden ist sie in der Wandervogelbewegung und der bündischen Jugend des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Die Idee dahinter war, dass junge Menschen ihre Gemeinschaften selbst organisieren und nicht nur von Älteren gelenkt werden. Die Nationalsozialisten haben den Leitspruch übernommen, erfunden haben sie ihn nicht.

Bis heute lebt der Gedanke weiter, und zwar an ganz unverdächtiger Stelle. Zahlreiche Pfadfinderverbände nennen „Jugend führt Jugend“ öffentlich als pädagogischen Grundsatz, christliche Bünde ebenso wie Dachverbände. Kein Staatsanwalt käme auf die Idee, ein Zeltlager deswegen zu durchsuchen.

Darauf stützt sich auch Dorows Verteidigung. Er hatte schon Ende 2025 erklärt, der Spruch gehöre zum kulturellen Erbe Deutschlands und drücke die Unabhängigkeit der Jugend von den älteren Generationen aus. Distanzieren wolle er sich nicht.

Kontext oder Gesinnungsprüfung?

Hier liegt der Kern des Streits. Juristen weisen darauf hin, dass bei Paragraf 86a der Zusammenhang entscheidet. Kritiker halten dagegen, dass am Ende vor allem der Absender zu zählen scheine. Dazu kommt: Laut Medienberichten nannte Dorow die neue Organisation in derselben Rede die „Speerspitze der jungen Rechten in Deutschland“. Wer so formuliert, provoziert bewusst und muss mit Gegenwind rechnen.

Doch ist eine Provokation schon eine Straftat? Für viele Bürger bleibt ein schaler Beigeschmack. Die Justiz klagt über Personalmangel und überlange Verfahren, und gleichzeitig wird Wortgeschichte zum Fall für das Amtsgericht. Schon Höcke war 2024 vom Landgericht Halle wegen der SA-Losung „Alles für Deutschland“ zu Geldstrafen verurteilt worden. Die Grenze dessen, was man sagen darf, wird zunehmend vor Gericht gezogen.

Die AfD ging selbst auf Abstand

Auch in der eigenen Partei war die Rede umstritten. Im Februar 2026 beschloss der AfD-Bundesvorstand zunächst ein Ausschlussverfahren. Ende März ruderte er Berichten zufolge zurück: Dorow durfte Mitglied bleiben, musste aber seine Ämter niederlegen und eine zweijährige Ämtersperre hinnehmen.

Wie geht es weiter?

Ob es überhaupt zum Prozess kommt, ist offen. Zuerst muss das Amtsgericht Gießen entscheiden, ob es die Anklage zulässt und das Hauptverfahren eröffnet. Einen Verhandlungstermin gibt es laut Staatsanwaltschaft noch nicht. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für Dorow die Unschuldsvermutung.

Eines zeigt der Fall aber schon jetzt. In Deutschland kann ein Satz, den Pfadfinder seit Jahrzehnten benutzen, je nach Redner und Bühne bis vor den Strafrichter führen. Rechtssicherheit sieht anders aus.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Rechtsberatung dar. Er gibt die Meinung unserer Redaktion sowie die uns vorliegenden Informationen wieder.

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