
Wende 2.0 auf zwei Rädern: Simson-Korso schockt die Altparteien

Quedlinburg, Sonntagvormittag: Auf der Festwiese Kleers knattern hunderte Zweitakter, dazwischen Trabant und Wartburg im Originallack. Mittendrin AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund – nicht in der Dienstlimousine, sondern auf einer hellblauen Simson, weißer Helm auf dem Kopf. Es war die vierte und letzte Moped-Ausfahrt vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September.
Tausende Besucher, hundert Gegendemonstranten
Die Angaben zur Teilnehmerzahl schwanken je nach Quelle zwischen rund 4.000 und 5.000 Menschen. Ein vor Ort anwesender Reporter eines alternativen Mediums berichtet von bis zu 1.000 Simson-Mofas und Motorrädern sowie einer beachtlichen Zahl nostalgischer DDR-Fahrzeuge.
Gegenüber, getrennt durch eine Straße und eine knappe Hundertschaft Polizei, standen dem Bericht zufolge rund hundert Gegendemonstranten aus dem linken und grünen Spektrum. Störversuche habe es keine gegeben – das zahlenmäßige Übergewicht sei schlicht zu groß gewesen.
„Ein neuer Mauerfall!“ – die Stimmung im Harz
Der Reporter schildert Szenen, die ihn 37 Jahre zurückversetzt hätten – an die Tage, als Trabis Richtung Westen rollten:
„Es fühlte sich an wie 37 Jahre nach der Wende – ein neuer Mauerfall!“
Besonders beeindruckt habe ihn der Umgangston: höflich, freundlich, keine bösen Worte – an der Bockwurstbude ebenso wie an der Gulaschkanone. Man mag das für Folklore halten. Doch genau diese Mischung aus Nostalgie, Volksfest und Politik trifft offenbar einen Nerv, den die etablierten Parteien seit Jahren nicht mehr erreichen.
Selfies statt Sprechblasen
Siegmund hielt nur eine knapp fünfminütige Ansprache. Danach stellte er sich laut dem Bericht rund anderthalb Stunden lang an das Ende einer etwa hundert Meter langen Menschenschlange: Selfie, Foto, Autogramm – für jeden, der wollte. Es folgten Landeschef Martin Reichardt und der Quedlinburger Direktkandidat Dennis Möhring.
FĂĽr die Konkurrenz ist das ein Alptraum. Wann hat zuletzt ein CDU- oder SPD-Spitzenkandidat Warteschlangen erzeugt, die nicht aus Journalisten bestanden?
Die Zahlen hinter dem Spektakel
Der Umfrage-Trend erklärt die Nervosität in Magdeburg und Berlin. Laut einer Ende Juli veröffentlichten Erhebung von Infratest dimap für mehrere Medien liegt die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 24, die Linke bei 13, die SPD bei 7 und die Grünen bei 5 Prozent.
- 2021 holte die CDU noch 37,1 Prozent, die AfD 20,8 Prozent
- Nur 29 Prozent der Befragten sind mit der Landesregierung zufrieden
- 44 Prozent wĂĽnschen sich eine AfD-gefĂĽhrte Regierung, 43 Prozent eine CDU-gefĂĽhrte
Der Verfassungsschutz des Landes stuft die dortige AfD als gesichert rechtsextremistisch ein – eine Bewertung, die den Zulauf bislang nicht gebremst hat. Siegmund erklärte gegenüber Medien, der Wahlkampf beginne erst richtig; seine Partei sei „gesichert Volkspartei“.
Was der Osten den Regierenden sagt
Aus Sicht unserer Redaktion ist der Simson-Korso vor allem eines: eine Quittung. Für Energiepreise, für Bürokratie, für eine Politik, die den Menschen erklärt, was sie zu denken haben, statt zu liefern. Wer 41 Prozent für Protest hält, hat das Signal nicht verstanden.
In 14 Tagen wird abgerechnet. Und die Brandmauer-Debatte dĂĽrfte danach spannender werden als jede Umfrage.












