
Zirkusmusik statt Debatte: ORF macht Windkraft-Kritiker lächerlich

Biergläser, Schuhe, dazu eine Slapstick-Melodie: Ein Beitrag des ORF-Magazins „Report“ vom 20. Oktober 2026 über Windkraftgegner steht in Österreich massiv in der Kritik. Eine Medienanalyse wirft dem gebührenfinanzierten Sender vor, Kritiker gezielt vorgeführt und unbequeme Studien verschwiegen zu haben. Das wiegt schwer, denn es geht um Gesundheit, Eigentum und Milliarden an Fördergeld.
Acht zu eins: So sieht „Ausgewogenheit“ aus
Gedreht wurde bei einem Vortragsabend im oberösterreichischen Königswiesen. Auf YouTube stellte der ORF den Beitrag unter den Titel „Gestern gegen Corona – heute gegen Windkraft?“. Wohin die Reise geht, war damit klar, noch bevor der erste Kritiker etwas sagen konnte.
Ein österreichisches Onlineportal hat die Sendung Wort für Wort ausgezählt. Von 1.655 gesprochenen Wörtern entfielen demnach 1.474, also 89,1 Prozent, auf Redaktion, Windkraftbefürworter und einen Faktenchecker. Die beiden Kritiker, ein pensionierter Arzt und der Obmann einer Bürgerinitiative, kamen zusammen auf 181 Wörter. Das Verhältnis liegt damit bei mehr als acht zu eins.
Weißer Kittel gegen Klamauk-Musik
Noch schwerer wiegt die Bildsprache. Zum Auftakt durfte Florian Maringer von der IG Windkraft die Kritiker mit Gruppen vergleichen, die „wie ein Wandercircus“ durchs Land führen. Wer im Zirkus auftritt, ist eine Attraktion und kein Experte.
Während der pensionierte Allgemeinmediziner Manfred Maier über Herzinsuffizienz sprach, zeigte die Kamera laut der Analyse Biergläser und Schuhe, untermalt von zirkusartiger Musik. Ganz anders Hanns Moshammer von der MedUni Wien: weißer Kittel, ruhige Umgebung, keine Musik. Seine Botschaft lautete, strenge Regeln würden Gesundheitsschäden „mit Sicherheit“ ausschließen.
Fachleute nennen das Framing. Der Zuschauer weiß, wem er glauben soll, bevor er überhaupt ein Argument gehört hat.
Was dem Publikum vorenthalten wurde
Der Beitrag erweckt den Eindruck, Studien sähen keinerlei Gefahr durch Infraschall. So eindeutig ist die Forschungslage nicht. Eine im Februar 2026 in der Fachzeitschrift „Applied Sciences“ erschienene Übersichtsarbeit wertet zahlreiche Laborstudien aus und beschreibt Zellstress durch Infraschall. Forscher der Berliner Charité stellten schon 2017 per fMRT fest, dass Infraschall an der Wahrnehmungsschwelle die Aktivität in Hirnregionen verändert, die Emotionen und Stress steuern.
Eine Mainzer Arbeitsgruppe um Christian-Friedrich Vahl stellte im April 2026 auf dem Internistenkongress ein Poster vor. Danach sind in den Paderborner Windkraft-Gemeinden Borchen und Lichtenau deutlich mehr neue Fälle von Herzinsuffizienz aufgetreten als in den Vergleichsgemeinden, nämlich 21 bis 51 bzw. 20 bis 68 Prozent mehr.
Auch das gehört zur Wahrheit: Die Mainzer Auswertung ist umstritten. Medienberichten zufolge kritisieren Epidemiologen und das Umweltbundesamt die Methodik. Die Kassenärztliche Vereinigung gibt an, gar keine Daten zu Neuerkrankungen herausgegeben zu haben. Gerade deshalb hätte diese offene Debatte in die Sendung gehört.
Auto gleich Windrad?
Moshammer verglich in der Sendung den Infraschall im Auto mit dem von Windrädern. Kritiker halten das für physikalisch schief. Windräder würden über Stunden und Tage periodische Druckimpulse erzeugen, die sich zum Teil auch über den Boden ausbreiten. Hinzu kommt: Die übliche dB(A)-Bewertung in Lärmgutachten blendet tiefe Frequenzen weitgehend aus. Bei 10 Hertz werden 70,4 Dezibel abgezogen. Berichten zufolge haben Gerichte in Belgien und Frankreich Anrainern bereits Schadenersatz zugesprochen.
Gebührenzahler haben Anspruch auf beide Seiten
Kritik an der Windkraft-Berichterstattung des ORF gibt es nicht zum ersten Mal. Im April 2026 legte die Partei MFG Oberösterreich Beschwerde bei der Medienbehörde KommAustria ein. Sie sei in zwei von drei ORF-Berichten zur Windkraftdebatte im Landtag übergangen worden. Dabei schreibt das ORF-Gesetz in § 4 Abs. 5 vor, dass die Information „umfassend, unabhängig, unparteilich und objektiv“ sein muss. Maßgeblich ist laut Verfassungsgerichtshof der Gesamteindruck beim durchschnittlichen Zuschauer.
Deutsche Beitragszahler dürften das Muster kennen. Auch hierzulande wird der Windkraftausbau politisch mit Hochdruck vorangetrieben, und wer Bedenken äußert, landet schnell in der Ecke der Schwurbler. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, den alle bezahlen müssen, schuldet den Bürgern aber Argumente und keine Karikaturen. Die Menschen in Königswiesen hätten eine faire Abwägung verdient. Bekommen haben sie Biergläser und Zirkusmusik.
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