
„Zu Dünger gemacht“: Wenn Worte den Krieg enthemmen

Eine Frage auf einer Pressekonferenz in Belgrad, ein Satz in einer Präsidentenrede, tausende Drohnenvideos im Netz: Innerhalb weniger Wochen hat sich gezeigt, wie brutal die Sprache über den Krieg in Europa geworden ist. Ein Publizist warnt nun in einem viel diskutierten Beitrag vor einer schleichenden Gewöhnung an das Töten – und findet dafür ein Wort aus der Psychoanalyse.
Die Frage, die um die Welt ging
Anfang August fragte ein Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei einer gemeinsamen Pressekonferenz, was die Europäer tun könnten, um der Ukraine zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten. Der Aufschrei war international.
Die Zeitung räumte laut Medienberichten später ein, die Formulierung sei missverständlich gewesen, und bedauerte dies. Es sei nicht die redaktionelle Linie, dass möglichst viele russische Soldaten getötet werden sollten; gemeint gewesen sei die Debatte, wie Russlands Armee in personelle Schwierigkeiten gebracht werden könne. Zugleich verwies das Blatt auf Drohungen gegen den Reporter und auf die Pressefreiheit.
Kritiker halten genau diese Erklärung für das eigentliche Problem: Aus Menschen werden „personelle Schwierigkeiten“ – eine Vokabel, die klingt wie aus der Personalabteilung, nicht wie aus einem Krieg mit hunderttausenden Toten.
„Dünger“ – ein Wort und seine Wirkung
Kurz darauf, am Unabhängigkeitstag der Ukraine Ende August, sagte Selenskyj in seiner Rede an die Nation, russische Soldaten würden von Kiews Armee auf dem Schlachtfeld „zu Dünger“ gemacht. Mehrere deutschsprachige Medien gaben den Satz nüchtern wieder – eine breite Empörung blieb aus.
Der Publizist, dessen Analyse die Debatte befeuert, greift auf den Psychoanalytiker Erich Fromm zurück. Dieser unterschied zwischen Biophilie, der Liebe zum Lebendigen, und Nekrophilie, der Faszination für das Tote und Mechanische. Als historisches Beispiel diente Fromm der Zusammenstoß zwischen dem Philosophen Miguel de Unamuno und dem Franco-General José Millán-Astray 1936 in Salamanca, wo der Ruf „Es lebe der Tod!“ durch den Hörsaal hallte.
Krieg als Videospiel
Hinzu kommt die digitale Dimension. Drohneneinheiten filmen das Sterben aus nächster Nähe, unterlegen die Aufnahmen mit treibender Musik und verbreiten wöchentliche „Highlight“-Zusammenschnitte auf Plattformen wie Telegram oder X. Getötete werden mit Spottbegriffen belegt.
Der Beitrag verweist auf eine weitere Ebene der Doppelmoral: Israels Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, habe Palästinensern in Gaza öffentlich das Menschsein abgesprochen – die Kritik aus Berlin habe sich dem Bericht zufolge vor allem auf den Imageschaden konzentriert, weniger auf die Menschenverachtung selbst.
Artikel 1 ist keine Verhandlungsmasse
Aus Sicht unserer Redaktion trifft der Autor einen wunden Punkt deutscher Politik: Wer die Würde des Menschen zum außenpolitischen Bonuspunkt degradiert, den man je nach Bündnislage gewährt oder streicht, entwertet sie überall. Artikel 1 des Grundgesetzes kennt keine Ausnahmen – nicht in Kiew, nicht in Gaza, nicht in Moskau.
Sprachliche Enthemmung ist selten das Ende einer Entwicklung. Meist ist sie deren Anfang. Und in Zeiten, in denen Regierungen in Rüstung und Schulden gleichzeitig investieren, wächst bei vielen Bürgern das Bedürfnis, wenigstens das eigene Vermögen krisenfest aufzustellen – physische Edelmetalle sind dabei seit Jahrhunderten eine bewährte Beimischung.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Anlageberatung dar. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigenständig recherchieren.
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